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Online-Casinos vor Liberalisierung: Wer profitiert wirklich?

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©Unsplash, Aidan Howe

Die mögliche Liberalisierung des Markts für Online-Glücksspiele in Österreich führt zu hitzigen Diskussionen rund um Spielerschutz, Steuereinnahmen und technische Maßnahmen.

Der Laptop auf dem Küchentisch ist aufgeklappt. Auf dem Bildschirm blinkt ein virtueller Spielautomat. Ein Klick auf den Spin-Button, die Walzen drehen los. Es rasselt, es leuchtet, Reihe für Reihe rastet ein. Ist es diesmal ein Gewinn? Glücksspiele bringen Geld, jedenfalls für die Anbieter. Laut IHS hat der Glücks- und Wettspielmarkt in Österreich schon 2019 Bruttospielerträge von rund 1,9 Milliarden Euro erreicht – legale und illegale Glücks- und Wettspiele eingerechnet. Vor allem der Markt für Online-Casinos wächst weltweit.

Vor diesem Hintergrund wird die Novellierung des Glücksspielgesetzes in Österreich hitzig diskutiert, eine für März angekündigte Entscheidung wird wohl nicht vor dem Sommer getroffen werden – und damit wird das Rittern um neue Lizenzen fortgesetzt, die 2027 erteilt werden müssen. Vergeben werden u. a. die Lizenzen für Lotterien. Hier dürfte es bei einem einzigen Anbieter bleiben, selbst wenn Interesse aus dem Ausland bekundet wurde – und für die „echten“ Casinos, also Spielbanken wie jene in Velden und Wien. Der politisch und aus Gründen des Spielerschutzes heikelste Bereich ist das Online-Glücksspiel, gemeint sind Online-Casinos und Online-Lotterien; Sportwetten sind ein eigenes Marktsegment, sie fallen größtenteils nicht unter das Glücksspielmonopol, sondern sind rechtlich über Landeslizenzen liberalisiert.

Mehrere Lizenzen

Laut Medienberichten könnte es diesmal jedenfalls für die Online-Casinos mehrere Lizenzen geben; bisher dürfen ausschließlich die Österreichischen Lotterien, Tochter der Casinos Austria AG (Casag), über ihre Plattform win2day solche Online-Casinos bzw. elektronischen Lotterien im Internet anbieten – zumindest offiziell, denn das hindert österreichische Spieler nicht, Angebote von Betreibern aus anderen europäischen Ländern in Anspruch zu nehmen. Das Skurrile: Diese sind zwar nicht zugelassen, bekommen aber teils vom Finanzamt Abgaben vorgeschrieben – damit sie nicht zusätzlich einen steuerlichen Wettbewerbsvorteil haben. Ob und wie viel wirklich eingehoben wird, ist im Einzelfall indes eine andere Frage.

Wie bei Spielautomaten im Internet ist es auch bei den Lizenzen schwierig vorherzusagen, was am Ende rauskommen wird – und genauso schwierig ist es, zwischen den Meinungen den Überblick zu behalten. Denn angesichts des lukrativen Markts wird laufend Lobbying in mehr oder weniger transparenter Form betrieben. Für jedes Argument findet die Gegenseite prompt ein Gegenargument. Zum Beispiel wenn es um staatliche Einnahmen geht. Dem Staat würden durch jene Anbieter, die illegal ihre Produkte anbieten, viel Geld verloren gehen – so das Argument der Befürworter einer Liberalisierung. Der Staat könnte bei einem Beibehalten des Monopolbetriebs und verschärften Spielbedingungen in den nächsten fünf Jahren rund 300 Millionen Euro an Steuereinnahmen verlieren, heißt es da etwa. Eine Liberalisierung mit 15 Lizenzen könnte hingegen die Einnahmen im Vergleich zur aktuellen Rechtslage beinahe verdoppeln.

Hingegen meint Patrick Minar, Managing Director und Konzernsprecher der Casinos Austria (über die Tochter Lotterien derzeit einzig zugelassener Anbieter in diesem Sektor), dass die fiskalischen Effekte einer kontrollierten Marktöffnung „nicht seriös beziffert werden könnten“. Denn das hänge davon ab, wie wirkungsvoll im Fall einer Marktöffnung das illegale Angebot bekämpft wird. „Die von Öffnungspropagandisten in den Raum gestellten steuerlichen Mehreinnahmen sind Fantasiezahlen.“ Diese würden, wenn überhaupt, nur bei massiver Ausweitung der Spielaktivitäten und bei einer völligen Vernachlässigung des Spielerschutzes erreichbar sein.

Mehr Steuereinnahmen?

Tatsächlich scheint es nicht so einfach, eine Gleichung aufzustellen, wonach mehr Lizenzen zugleich mehr Steuereinnahmen bedeuten würden. Wie sind die Erfahrungen in Deutschland, wo seit 2021 der Glücksspielstaatsvertrag das Online-Glücksspiel unter Auflagen erlaubt ist? Der Schwarzmarkt blüht laut Medienberichten nach wie vor, das monatliche Einzahlungslimit von 1.000 Euro ist umstritten. Steffen Otterbach, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim, sieht eine Situation, mit der niemand so richtig zufrieden ist. „Der Suchthilfe sind insbesondere die Aufweichung der Einzahlungslimits und die allgegenwärtige Werbung ein Dorn im Auge.“

Die legalen Anbieter wiederum würden sich gegenüber den illegalen im Nachteil sehen; ein Teil von ihnen schießt mit ihren daraus abgeleiteten Forderungen über das eigentliche Ziel hinaus, was die Debatte nicht einfacher macht. „Auch bei Verfolgung und Vollzug bei Ordnungswidrigkeiten und Straftaten gibt es deutlich Luft nach oben.“ Sein Fazit: „Im allgemeinen Durcheinander der Ansprüche und Befindlichkeiten scheint das Vermögen, sich auf gemeinsame Ziele einigen zu können, abzunehmen.“ Das sei schade und helfe letztlich keiner Seite.

Wie kann Spielerschutz generell gewährleistet werden? In Deutschland seien sich die Interessengruppen derzeit nur bei einer Maßnahme wirklich einig: Das spielformübergreifende Sperrsystem OASIS wird durchwegs positiv bewertet. Dieses ermöglicht anbieterübergreifende Sperren, per März 2026 waren dort mehr als 377.000 Personen registriert. „Auch Einzahlungslimits haben, wenn und soweit sie sinnvoll ausgestaltet werden, eine gute Schutzwirkung“, sagt Otterbach. Kritisch sieht er Werbevorgaben: „Einerseits argumentiert die Branche nicht ganz zu Unrecht, dass legale Angebote auch gefunden werden müssen. Andererseits hat das Werbevolumen inzwischen Ausmaße erreicht, die zumindest fragwürdig sind.“ Genau das könne bei vielen Menschen zu einer Normalisierung führen, wodurch Glücks­spielangebote als harmlose Freizeitaktivitäten wahrgenommen werden.

Pro & Contra Liberalisierung

Werbung vs. Spielerschutz

Abgesehen von den Einnahmen des Staats (und der jeweiligen Anbieter) geht es beim Glücksspiel also um den Spielerschutz. Tobias Hayer, Leiter der Arbeitseinheit Glücksspielforschung der Universität Bremen, ist der Meinung, dass sich eine zielgerichtete Stimulation der Nachfrage nach Glücksspielen besser über ein staatliches Glücksspielmonopol verhindern lassen würde. „So würde eine Öffnung des Glücksspielmarkts immer mit einer Zunahme an legalen Spielanreizen und damit legalen Suchtgefahren einhergehen.“

Daneben schaffe ein Multi-Lizenz-System eine Konkurrenzsituation zwischen einer potenziell unbegrenzten Anzahl an Glücksspielanbietern. Denn um sich im Wettbewerb um Neukunden und Vielspieler zu behaupten, sei eine verstärkte Produktvermarktung nach dem Prinzip „schneller, höher, weiter, attraktiver“ aus Unternehmenssicht unabdinglich. „Unter diesen Rahmenbedingungen dürfte die Umsetzung effektiver Spielerschutzmaßnahmen in der Praxis in den Hintergrund rücken.“ Nachsatz: „Gleichwohl funktioniert ein Glücksspielmonopol immer nur dann, wenn eine unabhängige Aufsichtsbehörde eingerichtet wird, die den Monopolisten engmaschig kontrolliert.“

Höhere Jackpots, bessere Quoten

Es bleibt die Kernfrage: Erhöhen mehr legale Anbieter den Marketingdruck und damit die Nachfrage? Christian Piska, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Wien, meinte vor Kurzem im News, dass ein Glücksspielmonopol heute einem Realitätscheck nicht mehr standhalte; es müssten sich staatlich zugelassene Anbieter am legalen Markt eine „gesunde Konkurrenz“ liefern, während sie „strengen Spielerschutz“ betreiben.

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Patrick Minar

 © Casinos Austria AG

Laut Patrick Minar spreche der „evidenzbasierte Blick ins Ausland“ indes gegen eine Marktöffnung: „Es gibt kein Land, wo sich die Spielerschutz-relevanten Kennzahlen verbessert hätten. Es ist überall schlechter geworden.“ Eine Marktöffnung würde eben einen Wettbewerb auslösen. „Und dieser kann nur über mehr Werbung, Marketing und Kommunikation erfolgen.“

Es würden all jene Aspekte verstärkt beworben werden, die aus Kundensicht nachgefragt werden, aus Spielerschutzsicht jedoch kritisch gesehen werden können – etwa mehr und höhere Jackpots und Boni, bessere Auszahlungsquoten. „Diese Entwicklung ist in allen Ländern zu beobachten, die die Märkte geöffnet haben.“

Doch welche Maßnahmen wären für den Spielerschutz im Zuge einer Reform des Glücksspielgesetzes generell sinnvoll? Tobias Hayer plädiert für Eingriffe in das Game Design. Das wären etwa Begrenzungen der Spielgeschwindigkeit und der Gewinnmöglichkeiten beim virtuellen Automatenspiel bzw. eine Beschränkungen des Wettprogramms bei Sportwetten, vor allem was die suchtpotenten Live-Wetten anbelangt. Dazu kommen Restriktionen der Glücksspiel-Werbung im TV, Radio und auf Social Media. „Ebenfalls hat sich die Einrichtung einer zentralen Sperrdatei als zielführend erwiesen.“ Dieses Sperrsystem sollte alle Glücksspielangebote online wie offline umfassen, von denen mittlere bzw. hohe Suchtgefahren ausgehen. Und schließlich wäre in Bezug auf den Jugendschutz eine Teilnahmeberechtigung beim Online-Glücksspiel ab 21 Jahren zu diskutieren.

Ein Kernthema ist die sogenannte Kanalisierung, also die Frage, wie hoch der Anteil der Nutzung legaler Angebote im Vergleich zu illegalen sei. Mehr als 70 Prozent des gesamten Glücksspielmarkts in Österreich würden auf illegale Angebote entfallen, wird von Befürwortern einer Liberalisierung unisono als Argument genommen; sie beziehen sich damit offenbar auf eine Berechnung eines britischen Beratungsunternehmens für einen Sportwettenanbieter. Bei den Casinos Austria sieht man das etwas anders, es liege in der Natur der Sache, dass ein Schwarzmarkt eben nicht genau zu bemessen sei. Konzernsprecher Minar: „Nach unserer Einschätzung verfügen wir im Online-Gaming über einen Marktanteil von über 50 Prozent.“ Das würden auch seriöse internationale Marktstudien, im „Gegensatz zu heimischen Gefälligkeitsstudien“ zeigen. Für eine international vergleichbare Kanalisierungsquote müsste man noch die bereits liberalisierte Sportwette einbeziehen, dann liege man bei deutlich über 70 Prozent.

Technische Hürden

Wie können aber in einem liberalisierten Markt jene Anbieter ausgeschlossen werden, die über keine Lizenzen verfügen? Hier werden technische Hürden genannt, vor allem Payment-Blocking (also das Verhindern von Bezahlung etwa mit Kreditkarte auf solchen unerlaubten Plattformen) und IP-Sperren. Es gäbe in 23 Ländern der EU unterschiedliche Formen von IP- bzw. Payment-Blocking-Systemen, sagt Minar. „Die Funktionsweise hängt natürlich von der legistischen Qualität ab, aber grundsätzlich stellen diese Maßnahmen wesentliche Bestandteile einer wirksamen Bekämpfung illegalen Glücksspiels dar.“ Fakt ist: Ohne rechtliche Grundlage sind solche Sperren wirkungslos.

Ein Thema ist auch die angebliche Mehrfachrolle des Staats, der Lizenzgeber und Aufsichtsbehörde ist, aber auch Gesellschafter des derzeitigen Monopolisten ist: Der Staat hält über die Staatsholding ÖBAG rund 33 Prozent an der Casinos Austria AG (Casag), die Mehrheit hält der tschechische Allwyn-Konzern. Und der Staat profitiert zugleich von den Steuereinnahmen. Eine Sichtweise, die Minar als „völlig überbewertete Frage“ bezeichnet: „Die Konzessionsvergabe und die Aufsicht erfolgen im Finanzamt, die Eigentümerinteressen als Minderheitsaktionär werden über die im Wirtschaftsministerium angesiedelte ÖBAG vertreten.“ Daher gäbe es real keinerlei Überschneidungen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 16/2026 erschienen.

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