Der Glücksspiel-Forscher Steffen Otterbach spricht im Interview mit News.at über die Werbung für Glücksspiel und die Stigmatisierung Betroffener.
Wie wirken soziale Medien speziell auf jüngere Menschen, was das Glücksspiel betrifft und gibt es dazu Studien?
Mit der fortschreitenden Digitalisierung haben sich soziale Medien als attraktive Werbeplattformen etabliert. Diesen Trend haben auch Glücksspielanbieter erkannt, indem sie soziale Netzwerke nutzen, um potenzielle Kunden anzusprechen und bestehende Kunden an ihre Marke zu binden. Gleichzeitig sind es vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die soziale Medien am aktivsten nutzen. Dies ist problematisch, da aktuelle Studien ein hohes Volumen an Glücksspielwerbung auf sozialen Plattformen nachweisen, was darauf hindeutet, dass gerade diese vulnerablen Gruppen einem hohen Maß an Werbeinhalten für Glücksspiele in den sozialen Medien ausgesetzt sind.
Einerseits kann dies zu einer Normalisierung des Glücksspiels führen, wodurch es als harmlose und alltägliche Freizeitaktivität wahrgenommen wird, obwohl es sich um ein suchtgefährdendes Produkt handelt. Andererseits steigt mit zunehmender Exposition auch die Wahrscheinlichkeit, dass Personen positive Einstellungen gegenüber Glücksspielen entwickeln, diese ausprobieren möchten oder eine bereits bestehende Glücksspielaktivität intensivieren. Dies gilt insbesondere für vulnerable Personengruppen, also Kinder und Jugendliche, sowie Personen, die von einer glücksspielassoziierten Störung betroffen sind.
Sie haben sich auch mit der Stigmatisierung von Glücksspielern beschäftigt – was wissen wir heute über den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit Glücksspielproblemen?
Sowohl Personen, die an Glücksspielen teilnehmen, als auch insbesondere Menschen mit glücksspielassoziierten Störungen sind von Stigmatisierung betroffen und sehen sich mit Stereotypen und Vorurteilen konfrontiert. Häufig wird ihnen die Schuld an ihrer Situation zugeschrieben, etwa durch Vorwürfe mangelnder Willenskraft oder fehlender Selbstkontrolle. Infolgedessen kann es zu Selbststigmatisierung kommen, bei der Betroffene die gesellschaftlichen Vorurteile verinnerlichen und selbst daran glauben.
Dies ist problematisch, da Stigmatisierung und Selbststigmatisierung erhebliche Hindernisse für Therapie und Behandlung darstellen. Für die Prävention und Behandlung von Suchterkrankungen ist eine umfassende öffentliche Aufklärung über die Entstehung und Funktionsweise von Suchterkrankungen notwendig. Es muss deutlich werden, dass glücksspielbezogene Störungen Suchterkrankungen sind, vergleichbar mit Abhängigkeiten von Alkohol oder Nikotin. Darüber hinaus müssen Behandlungsangebote vorhanden und sichtbar sein, um die Betroffenen zu erreichen und zu vermitteln, dass eine Besserung möglich ist.
Steckbrief
Steffen Otterbach
Steffen Otterbach ist geschäftsführender Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim (Deutschland).





