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Jeannette zu Fürstenberg: Die KI-Fürstin

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Jeannette zu Fürstenberg

©Peter Rigaud, laif

Jeannette zu Fürstenberg ist als Investorin die „Frau der Stunde“. Sie hat zwei der wichtigsten europäischen Start-ups entdeckt. Selbst der deutsche Bundeskanzler sucht ihre Nähe.

Auf diesen Moment kommt es an. Jeannette zu Fürstenberg wartet auf die Ehrengäste, immer wieder blickt sie auf ihr Handy, telefoniert kurz. In wenigen Augenblicken soll Bundeskanzler Friedrich Merz mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron zur Tür hereinkommen. Und die Investorin will das Foto liefern, das vom deutsch-französischen Souveränitätsgipfel um die Welt gehen soll. Ein Symbol für die digitale Stärke Europas.

Schnell begrüßt sie noch die 30 anderen Gäste, die sich bereits aufreihen, darunter SAP-Chef Christian Klein und Gründer Arthur Mensch von der europäischen KI-Hoffnung Mistral. Siemens-CEO Roland Busch, der etwas verloren am Rand steht, holt sie in die Gruppe und unterhält sich kurz vertraulich mit Digitalminister Karsten Wildberger. Die Investorin ist die strahlende Gastgeberin an diesem Abend. Sie hat alle zusammengetrommelt und extra die Räume auf dem Gelände des Gasometers in Berlin angemietet.

Auf Du mit allen Tech-Champions

Dann der Auftritt der beiden Staatsmänner. Hinter ihnen liegt ein politischer Gipfel ohne viel Glamour. Das Gruppenfoto mit den CEOs soll Einigkeit demonstrieren, nebenbei werden Kooperationen zwischen deutschen Konzernen und vielversprechenden Startups für Künstliche Intelligenz verkündet. Europas aktuell einflussreichste Investorin will ein Aufbruchssignal senden. Licht, Kamera, Action!

Wer sich noch fragt, welche Rolle Jeannette zu Fürstenberg in der deutschen Wirtschaft spielt, findet an diesem Tag Mitte November die Antwort. Spitzenpolitik, Deutschland AG und Tech-Champions lächeln gemeinsam in die Kamera – und zu Fürstenberg steckt mittendrin. Sie ist ganz oben angekommen. Als „Frau der Stunde“ bezeichnet sie die Jury der Initiative „Die 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft“ von Manager Magazin und Boston Consulting Group und ehrt Jeannette zu Fürstenberg als Prima inter Pares des Jahres 2025.

Netzwerken als Superpower

Über die Jahre hat sie sich den Ruf einer glänzenden Frühphaseninvestorin erarbeitet, die äußerst erfolgreich auf einige der inzwischen wertvollsten Start-ups des Kontinents gesetzt hat. Sie war ganz früh bei Mistral dabei und auch beim Rüstungsstar Helsing; als Europachefin des US-Fonds General Catalyst kann sie jährlich rund eine Milliarde Dollar investieren, so viel wie kaum jemand sonst. Zudem versteht es die Meisternetzwerkerin wie wenige andere, die führenden Köpfe aus Wirtschaft und Politik miteinander zu verdrahten. Sie pflegt den Kontakt ins Bundeskanzleramt genauso wie in den Élysée-Palast, organisiert Round Tables und ringt für ihre Initiativen anderen Geldgebern Milliardenversprechen ab.

Den Ton setzte zu Fürstenberg bereits zu Beginn des Jahres. „Wie gut wir sind, zeigt sich in Krisenzeiten“, lautet der Titel ihres im Januar 2025 erschienenen Buches, als nach der Wahl von US-Präsident Donald Trump gerade die Debatte um die Souveränität Europas losbrach. Sie entwirft darin ein Programm für eine Reindustrialisierung des Kontinents, mit Fokus auf die Segmente KI, Rüstung und Klimatechnologie. Bis 2040, so ihr erklärtes Ziel, sollen drei der zehn größten Tech-Unternehmen weltweit aus Europa kommen. Das pusht sie gerade, wo sie kann. „Wenn sich Jeannette etwas in den Kopf setzt, dann zieht sie das durch“, sagt ein Gründer aus ihrem Portfolio ehrfürchtig, „whatever it takes“.

Leben auf dem Schloss

Als zu Fürstenberg vor rund einer Dekade in der Gründerszene aufschlug, hatte sie wohl niemand auf dem Zettel – reichlich naiv sei sie in die Tech-Welt hineingerutscht, sagte sie einmal. Ihr privates Umfeld hätte kaum weiter von der Start-up-Kultur in Berlin-Mitte entfernt sein können.

Mit ihrem Mann Christian Fürst zu Fürstenberg und den vier Kindern lebt Ihre Durchlaucht, so ihre traditionelle Anrede, auf zwei Schlössern. Die Dynastie zählt sich zum ältesten europäischen Hochadel, deren Geschichte bis ins 11. Jahrhundert zurückreicht und die lange eines der größten Territorien im deutschen Südwesten regierte. Das Residenzschloss in Donaueschingen, umgeben von einem herrschaftlichen Park, ist tagsüber eine Touristenattraktion. In die Spiegelsäle des „Partyschlosses“, wie ein Gründer es nennt, lädt die Fürstin regelmäßig zu Festen.

Im zweiten Schloss, einem Renaissancebau in Heiligenberg am Bodensee, lebt die Familie die meiste Zeit. Zum Vermögen zählen unter anderem 18.000 Hektar Wald und ein 14-Prozent-Anteil an der Privatbank Berenberg. Jeannette zu Fürstenberg, die ihren Mann einst beim Skifahren kennenlernte, stammt selbst aus einer Unternehmer­familie. Ihr Großvater machte Krohne Messtechnik groß. „Dass ich Risikokapitalgeberin werden wollte, erschien meinem Umfeld seinerzeit nicht besonders vielversprechend“, erinnert sie sich. Doch sie wollte trotzdem in die Start-up-Welt.

Über einen gemeinsamen Kontakt lernte sie den früheren Start-up-Gründer Robert Lacher kennen. Zusammen mit einer Gruppe von Familienunternehmern neuen Schlags um Maximilian Viessmann, Sebastian Johnston aus der Siemens-Familie und Christian Miele entwickelte sie Ideen. Die Truppe wollte visionäre Start-ups stärker mit dem etablierten Mittelstand verknüpfen.

Jeannette zu Fürstenberg hatte ihre Promotion über die Wechselwirkung von Unternehmertum und Kunst in Berlin beendet und zuvor für einen Fonds des Versicherungskonzerns Axa gearbeitet. Das Projekt wurde über die Monate viel größer als gedacht. Lacher und zu Fürstenberg stiegen schließlich Vollzeit ein und gründeten 2016 die Wagniskapitalfirma La Famiglia. Schon mit dem ersten Fonds investierte das Duo in Start-ups wie die Personalsoftware Deel und Personio, die heute Milliarden wert sind. Das begründete ihren Nimbus.

Empathie ist ihr Erfolgswerkzeug

Helsinki, Mitte November, der erste Schnee ist gefallen. Jeannette zu Fürstenberg tritt bei der Start-up-Konferenz Slush* auf. Am Tag zuvor hat sie Merz und Macron empfangen – nun gehört sie zu den Stars unter den rund 10.000 Menschen. Per Firmenjet des Fonds ist sie mit einer Gruppe von Gründern wie dem Black-Forest-Labs-Chef Robin Rombach von Berlin nach Helsinki geflogen.

Erst spricht die Topinvestorin auf der großen Bühne, mitten im Rampenlicht. Dann läuft sie ans andere Ende der Halle zu einer exklusiveren Runde. In einem kleinen Nebenraum dürfen nur noch rund 50 Gründerinnen und Gründer zuhören. Neben ihr sitzt ein KI-Unternehmer aus Schweden, dem sie kürzlich mit anderen Geldgebern sechs Millionen Dollar überwiesen hat. „Wie alt, denkt ihr, ist Charles?“, fragt sie, um die Stimmung aufzulockern. Er sieht aus wie 18, tatsächlich ist er 25. Gelächter.

Nach dem Auftritt bildet sich eine Schlange vor der Investorin. Jeannette zu Fürstenberg hört sich geduldig die Pitches zu Start-up-Ideen an, verteilt ihre Mail­adresse, fragt nach, schüttelt Hände, während ihre Pressesprecherin bereits nervös auf die Uhr schaut. Eigentlich war der Slot extrem eng getaktet.

Ich versuche immer, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen: Was braucht er oder sie, um tatsächlich erfolgreich zu sein?

Jeanette zu Fürstenberg

Auf dem Weg zum nächsten Termin trifft sie zufällig einen früheren Rocket-Internet-Manager. „Hallo Levin“, sagt sie fröhlich und umarmt ihn. Ein kurzer Plausch über die guten alten Zeiten in Berlin, die beiden kennen sich schon lange. Am Vorabend, im Berliner Politikbetrieb, wirkte sie noch staatstragend und förmlich, in der Gründerbubble in Helsinki locker und in Plauderlaune. Sie bewegt sich ungezwungen zwischen den Sphären.

Die Fürstin ist eine begnadete Netzwerkerin. „Ich versuche immer, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen und wirklich zu verstehen: Was braucht er oder sie, um tatsächlich erfolgreich zu sein?“, sagt zu Fürstenberg. „Um mich geht es dabei zunächst gar nicht.“ Aus den Kontakten entstünden dann neue Ideen oder Partnerschaften. Sie sei überzeugt, dass sie aus den Investitionen in die Beziehungen „sehr viel“ zurückbekomme.

Alte und neue Wirtschaft vereint

Über ihre Kontakte verbindet sie alte Unternehmerfamilien und Geldgeber mit jungen Gründerteams. Ihre Drähte reichen dabei bis ins Silicon Valley, etwa zu Stripe-Gründer Patrick Collison oder General-Catalyst-CEO Hemant Taneja, der sich vor zwei Jahren durch einen Deal mit ihrem La-Famiglia-Fonds zusammentat. In Deutschland ist Warburg-Pincus-Europachef und Airbus-Chefaufseher René Obermann (62) seit vielen Jahren Freund und Mentor.

„Sie schafft es, dass die Leute ihre Nähe suchen“, sagt ein Weggefährte. „Sie gibt jedem erst einmal das Gefühl, dass er besonders ist.“ Für ihre Karriere habe sich diese Fähigkeit als eine Art Superpower erwiesen, geben auch Konkurrenten anerkennend zu.

Mehrmals im Jahr lädt zu Fürstenberg auf ihre Schlösser ein. Anfang Dezember pilgerte alte und neue Wirtschaft zum „Winterball“ nach Donaueschingen. Die Feste sind wichtige Kontaktbörsen. „Vor einigen Jahren stand ich da in einer Runde zu dritt mit dem Palantir-Gründer und dem heutigen OpenAI-Chef Sam Altman“, erzählt ein Techunternehmer. Zu Fürstenberg selbst spricht von ihren Gästen als Menschen, die in ihren Positionen „viel bewegen können“.

Mit ihrer Art und ihrem Adressbuch hat sie in den vergangenen Jahren einige wichtige Deals gewonnen. „Ihr Netzwerk ist ein Grund, warum ich sie als Investorin reingeholt habe“, sagt ein Gründer, der auch Angebote von anderen Topinvestoren hatte. Ein anderer berichtet, wie sie über ihre Kontakte erste Aufträge für ihn an Land gezogen habe. „Diese Verbindungen in die alte Industrie haben die meisten einfach nicht.“ So treibt ihre Superpower auch den Wert ihres Portfolios in die Höhe.

Privates Geld für Defense-Start-up

Ein Schlüsselmoment ihrer Karriere war 2020, als sie auf der Museumsinsel in Berlin einen Spaziergang mit Torsten Reil machte. Als erster Geldgeberin erzählte ihr der Helsing*-Mitgründer von seiner Idee, Drohnen mit künstlicher Intelligenz auszustatten. Russland hatte damals zwar schon die Krim annektiert, aber noch lange nicht den Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen.

In den ersten Gesprächen mit den Gründern sei klar geworden, „dass wir in Europa auch militärisch resilienter werden müssen“, erinnert sich zu Fürstenberg heute. Doch in ihrem Team gab es Widerstand gegen einen Deal mit einer Waffenfirma, sie durfte mit ihrem Fonds zu der Zeit nicht investieren und finanzierte Helsing kurzerhand mit privatem Geld.

Sie will Europa KI-fit machen

„Als alle anderen haderten, hat sie die Notwendigkeit für Defense-Tech in Europa erkannt“, sagt Reil heute. Später stieg zu Fürstenberg dann auch mit ihrem Fonds ein. Sie sitzt im Aufsichtsgremium der Firma, die inzwischen mit 12 Milliarden Euro zu den wertvollsten deutschen Start-ups zählt. Für sie ist der frühe Einstieg bei Helsing aber mehr als eine lukrative Geldanlage: Er begründet ihr neues Investmentnarrativ, KI-Champions in Europa zu erschaffen.

Genau wie ihre Beteiligung an der französischen KI-Hoffnung Mistral. Auf Vermittlung eines Bekannten traf sie 2023 den Gründer Arthur Mensch in einem Fischrestaurant in Paris. Der junge und renommierte KI-Forscher hatte für Google DeepMind gearbeitet und entschieden, in Europa ein eigenes KI-Unternehmen aufzubauen. Das passte, zu Fürstenberg beteiligte sich an der ersten 100-Millionen-Dollar-Finanzierung nur Monate nach der Gründung.

Heute sitzt sie auch bei Mistral im Aufsichtsgremium. „In Europa gibt es die Erzählung, dass wir keine Chance gegenüber den USA haben, technologisch aufzuholen“, sagt Mensch. „Wir sind anderer Meinung – wir glauben, dass Europa gewinnen kann.“ Es brauche Leute, die diese andere Sicht auf Europa verbreiten. „Deswegen spielt Jeannette so eine wichtige Rolle.“

Intuition als Dealfaktor

Bei Investmententscheidungen konzentriert sich zu Fürstenberg komplett auf die Gründer. Zahlen würden anfangs noch keine große Rolle spielen. Die Unternehmer würden meistens eine Form von Zukunft sehen, „die wir so noch nicht wahrnehmen“, sagt die Investorin. „Sie sind oftmals seismografisch für gesamtgesellschaftliche Veränderungen.“ Ihr Gespür für solche Pioniere habe sie mehr durch Charaktere aus der Literatur von Max Frisch, Peter Handke und Dostojewski geschult als durch Businessbücher.

„Sie hört viel auf ihre Intuition, manchmal etwas zu viel“, sagt jemand aus zu Fürstenbergs Umfeld. Doch bislang ist ihr Kalkül aufgegangen. Der erste Fonds von La Famiglia soll bereits viermal seinen Einsatz an die Geldgeber zurückgespielt haben und könnte noch viel erfolgreicher werden. Auf dem Papier soll sich der Wert bereits mehr als verzehnfacht haben, sagen Insider.

Nicht alles auf dem Weg nach oben lief glatt. Von zwei früheren engen Geschäftspartnern hat sich zu Fürstenberg getrennt. Robert Lacher, mit dem sie La Famiglia gegründet hat, stieg aus und startete bereits vor Jahren mit Visionaries Club einen eigenen Fonds.

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Christian und Jeannette zu Fürstenberg mit Brigitte und Arend Oetker bei den Bayreuther Festspielen.

 © Tinkeres, IMAGO

Harte Entscheidungen in Konflikten

Nach außen drang nicht viel über die Businessscheidung, doch es soll geknallt haben. Früh habe man erkannt, dass sie „unterschiedliche Investmentphilosophien“ hätten und deswegen entschieden, getrennte Wege zu gehen, heißt es von der Investorin. Auch Judith Dada, die in den Jahren danach den Fonds zusammen mit zu Fürstenberg leitete, verließ nach dem Deal mit General Catalyst den Fonds. Sie hat sich ebenfalls Visionaries Club angeschlossen.

In Konflikten könne Jeanette zu Fürstenberg durchaus hart agieren, sagt jemand, der sie besser kennt. „Ich möchte nicht bei ihr unter der Guillotine liegen“, formuliert er es zugespitzt. Andere deuten ihr Auftreten so, dass sie von ihrer aktuellen Mission getrieben sei und ihre Pläne durchziehe. Komme, was wolle.

Dass sie unter den europäischen Wagniskapitalgebern eine der wenigen Frauen ist, hat sie lange nicht thematisiert: „Fragen zu meiner Rolle als Unternehmerin oder Fondsgründerin, die sich vor allem auf mein Frausein bezogen und beziehen, habe ich selten beantwortet, habe jedes Statement dazu vermieden“, schreibt sie in ihrem Buch. Nur habe sich in den zehn Jahren wenig verändert. Frauen seien in der Branche immer noch zu selten.

Sie erzählt etwa, wie sie schwanger bei einem Fundraisinggespräch saß und am Ende von ihrem männlichen Gegenüber gefragt wurde, wer denn jetzt die Arbeit erledige. Das Investment habe man ihr und ihrer damaligen Partnerin nicht zugetraut. So etwas müsse sich unbedingt ändern, lautet ihr Fazit.

Für einen US-Riesen in Europa

Angezogen von ihrer Performance, kam 2023 Hemant Taneja auf sie zu. Der Chef des US-Fonds General Catalyst integrierte La Famiglia und machte zu Fürstenberg zur Europachefin seines Unternehmens. Seither steht sie in Diensten eines Giganten: General Catalyst verwaltet mehr als 40 Milliarden Dollar und zählt mit Andreessen Horowitz und Sequoia Capital zu den wichtigsten Start-up-Fonds der Welt. Sie organisiert nun ein größeres Team, auch dürfte ihr Fixgehalt einträglich sein. Vor allem katapultierte der Deal zu Fürstenberg als Personenmarke noch weiter nach oben.

Es hätte Jahre gebraucht, um auf das Investitionsvolumen von General Catalyst zu kommen. Diese Zeit haben wir in Europa nicht

Jeanette zu Fürstenberg

Wie das zusammenpasst, ausgerechnet im Auftrag eines US-Fonds unterwegs zu sein, obwohl ihre zentrale Investmentthese lautet, die KI-Sieger aus Europa heraus aufzubauen? Warum sie keine rein europäische Erfolgsgeschichte aufbaut, was ihr viele in ihrem Umfeld zugetraut hätten? Jeannette zu Fürstenberg verweist auf die Firepower, die sie mit General Catalyst nun hat. „Es hätte sicherlich zehn bis 15 Jahre gebraucht, um auf das Investitionsvolumen zu kommen, das mir jetzt mit General Catalyst für Europa zur Verfügung steht“, sagt sie. „Diese Zeit haben wir in Europa nicht.“

Sie glaubt fest an die Kraft der KI und finanziert viele Start-ups in dem Segment. Etwa Parloa aus Berlin, das KIAgents für den Kundenservice entwickelt, oder Legora aus Stockholm, das KI für Anwaltskanzleien bereitstellt. „Diese Technologie wirkt nicht disruptiv, sondern transformativ“, ist einer von zu Fürstenbergs Leitsprüchen. Wertschöpfung könne durch bestehende Daten und Kundenverhältnisse entstehen – ein Metier, in dem Deutschland und Europa ganz vorn mitspielt.

Diese Mission hat sie vor eineinhalb Jahren auch auf die politische Bühne katapultiert. „Eigentlich ist das einem Zufall geschuldet“, erinnert sich zu Fürstenberg. Vor einem Staatsbesuch von Emmanuel Macron in Dresden kam es über Kontakte in dessen Beraterstab zum Austausch.

„Wir saßen am Tisch, und ich habe gesagt, es sei ein Trauerspiel, dass Deutschland oder Europa immer nur bei der Regulierung den Ton angeben“, erzählt sie. „Wir müssen uns endlich trauen, eine Ambition zu formulieren.“ Der Staatspräsident habe zugestimmt. Und so entstand – unter zu Fürstenbergs Führung im Hintergrund – die „EU AI Champions Initiative“*.

Debüt auf politischer Ebene

Im Februar wurde die Initiative während des „AI Action Summit“ im Élysée-Palast in Paris vorgestellt, im Beisein zahlreicher Staatsoberhäupter und CEOs. Prominente Geldgeber versprachen, in den kommenden fünf Jahren 150 Milliarden Euro in europäische KI-Firmen zu investieren. Es war zu Fürstenbergs erster ganz großer Auftritt auf politischer Ebene.

Der Round Table in Berlin ist die vorläufige Krönung dieser Idee. Nach kurzen Reden müssen Bundeskanzler Merz und Präsident Macron schon wieder los, doch zu Fürstenberg insistiert – die Menschen an dem Tisch seien alle gekommen, um ihre Ideen vorzustellen. Die Politiker bleiben noch kurz, einige der Gründer wollen zumindest ein Selfie mit ihnen. Man spürt eine Aufbruchstimmung.

Wieder verkündet zu Fürstenberg KI-Projekte, 18 Partnerschaften zwischen Start-ups und Konzernen sind es an diesem Abend. So will der Softwarekonzern SAP künftig enger mit dem französischen KI-Unternehmen Mistral* zusammenarbeiten. Sieht sie es als ihre Aufgabe an, die formulierten Investmentsummen auch nachzuhalten? Für die Geldgeberin ist das 150-­Milliar­den-­Ziel wohl eher eine Orientierung. Seit dem Start der Initiative seien bereits 20 Milliarden Euro in europäische KI-Unternehmen geflossen, sagt sie. Das unterstreiche die Dynamik im Markt und dass die Investoren vom KI-Ökosystem in Europa überzeugt seien.

Bleibt die Frage, ob ihre Europamission mehr ist als eine gute Investmentstory zum richtigen Zeitpunkt. Bei aller Betonung der notwendigen „Dringlichkeit“, um nicht den Anschluss zu verlieren – am Ende ist für sie entscheidend, die Geldgeber von General Catalyst reich zu machen.

„Als Erstes muss sie als Investorin den Return im Auge behalten“, sagt jemand aus ihrem Umfeld. Dieser Wert wird ihre weitere Karriere bestimmen. „Sie braucht das Geld nicht, aber es ist in unserer Welt eine Validierung, um sich zu beweisen.“

Enge Wegbegleiter sind überzeugt von der Ernsthaftigkeit ihrer Mission. „Wie sie die Themen vorantreibt, ist Jeannette eine Force of Nature“, sagt René Obermann. Sie meine es ernst. Und ein Gründer sagt: „In Deutschland verdreht man die Augen, wenn jemand so nach vorn prescht mit den Tech-Themen, aber genau davon brauchen wir mehr.“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 15/2026 erschienen.

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