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Der unterschätzte Milliardenhebel im Gesundheitssystem

In Kooperation mit Biogena
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©Averie Woodard

Steckbrief

Albert Schmidbauer

Gründer von BIOGENA, Gesundheitsunternehmer

Gesundheit ist auch eine wirtschaftliche Ressource

Österreich diskutiert über Budgets, Belastungen und neue Einnahmen. Es wird gerechnet, gekürzt, verschoben und konsolidiert. Das ist notwendig, weil ein Staatshaushalt am Ende aufgehen muss. Aber gerade jetzt lohnt sich ein Blick auf jene Milliarden, die jedes Jahr dort verloren gehen, wo Krankheit früher erkannt, besser begleitet oder in manchen Fällen sogar vermieden werden könnte.

Gesundheit ist weit mehr als ein Kostenfaktor. Gesundheit ist eine der wichtigsten wirtschaftlichen Ressourcen eines Landes. Wenn Menschen länger gesund bleiben, profitieren alle: die Menschen selbst, ihre Familien, Unternehmen, Sozialversicherung, Pflege, Spitäler und am Ende auch der Staatshaushalt.

Österreich hat 2024 rund 57,8 Milliarden Euro für laufende Gesundheitsausgaben aufgewendet. Das entspricht 11,7 Prozent des BIP. Allein diese Größenordnung zeigt, wie groß der Hebel ist, wenn Prävention besser gelingt.

Früher hinschauen, gezielter handeln

Gesundheitspolitik wird oft erst dort sichtbar, wo Krankheit bereits eingetreten ist: im Spital, in der Reha, in der Pflege oder bei chronischen Erkrankungen, die über Jahre hohe Kosten verursachen. Moderne Gesundheitsvorsorge beginnt früher. Sie beginnt bei messbaren Defiziten, bei Risikofaktoren, bei Ernährung, Mikronährstoffversorgung, Bewegung, Stoffwechsel, Entzündung, Knochengesundheit und Darmgesundheit.

Dabei geht es nicht um wahllose Nahrungsergänzung. Es geht um zielgerichtete Prävention: messen, verstehen, gezielt versorgen.

Dieser Gedanke ist einfach und zugleich sehr kraftvoll. Wenn wir besser wissen, wo Menschen unterversorgt sind, wo Risiken entstehen und wo der Körper gezielte Unterstützung braucht, können wir früher handeln. Aus einer allgemeinen Empfehlung wird dann eine konkrete Gesundheitsstrategie.

Prävention bedeutet Mobilität, Lebensqualität und weniger vermeidbare Folgekosten.

Vitamin D: Knochen, Mobilität und mehr Lebensqualität

Ein besonders anschauliches Beispiel ist Vitamin D . Der deutsche Wissenschaftler Armin Zittermann berechnete bereits 2010 in einer gesundheitsökonomischen Modellrechnung, dass eine bessere Vitamin-D-Versorgung in Deutschland ein Einsparpotenzial von bis zu 37,5 Milliarden Euro pro Jahr haben könnte. Auf Österreich übertragen entspricht das einer Größenordnung von rund vier Milliarden Euro jährlich.

Diese Zahl ist kein unmittelbares Budgetversprechen, sondern eine Modellrechnung. Sie zeigt aber, wie groß der Hebel sein kann, wenn ein weit verbreiteter Mangel systematisch adressiert wird.

Besonders relevant ist Vitamin D im Zusammenhang mit Osteoporose , Stürzen und Frakturen. Gerade im höheren Alter können schlechte Knochengesundheit, Muskelschwäche und ein unerkannter Mangel dramatische Folgen haben: Krankenhausaufenthalte, Operationen, Reha, Pflegebedarf, Mobilitätsverlust und der Verlust von Selbstständigkeit.

Prävention bedeutet hier keine abstrakte Gesundheitsoptimierung. Prävention bedeutet Mobilität, Lebensqualität und weniger vermeidbare Folgekosten.

Warum Vitamin D auch zur Stimmung passt

Vitamin D hat noch eine zweite Dimension, die gerade in unserer Zeit wichtig ist: Stimmung, mentale Energie und psychisches Wohlbefinden.

Die wissenschaftliche Lage ist differenziert. Vitamin D ist kein Glücksmittel und kein Ersatz für psychologische oder medizinische Behandlung. Große randomisierte Präventionsstudien zeigen keinen einfachen Effekt nach dem Motto: Vitamin D einnehmen und Depression verhindern. Gleichzeitig zeigen systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen, dass niedrige Vitamin-D-Spiegel häufig mit depressiven Symptomen verbunden sind und dass eine gezielte Supplementierung bei Menschen mit Mangel oder depressiver Symptomatik positive Effekte haben kann.

Auch hier gilt: nicht pauschal, sondern gezielt. Messen, einordnen, versorgen.

Ein guter Vitamin-D-Status ist ein einfacher, messbarer und biologisch plausibler Baustein für körperliches und mentales Wohlbefinden. Und vielleicht ist genau das in der aktuellen Zeit besonders wichtig. Österreich braucht nicht nur finanzielle Stabilität. Österreich braucht auch Zuversicht, Energie und gute Stimmung.

Ein Gesundheitssystem, das Menschen früher stärkt, stärkt am Ende auch das gesellschaftliche Klima.

Ernährungstherapie im Krankenhaus: kleine Intervention, große Wirkung

Auch im Krankenhaus zeigt sich, wie viel Potenzial in Ernährung und gezielter Versorgung liegt. Eine große Analyse von Philipson et al. untersuchte den Einsatz oraler Ernährungssupplementierung bei hospitalisierten Patient:innen.

Das Ergebnis: Die Aufenthaltsdauer war um rund 2,3 Tage kürzer, die Behandlungskosten lagen um 21,6 Prozent niedriger, und die 30-Tage-Wiederaufnahmerate sank um 6,7 Prozent.

Auf Österreich übertragen ergibt sich daraus – konservativ gerechnet für nur fünf bis zehn Prozent der stationären Fälle – ein modellhaftes Potenzial von rund 350 bis 750 Millionen Euro pro Jahr.

Das zeigt: Ernährung ist im Krankenhaus kein Nebenthema. Ein schlechter Ernährungsstatus kann Heilungsverläufe erschweren, Kräfte rauben und Regeneration verzögern. Rechtzeitig erkannt und gezielt behandelt, kann Ernährungstherapie Lebensqualität verbessern und Ressourcen schonen.

Omega-3: Wenn Risiko messbar wird

Auch Omega-3-Fettsäuren gehören in eine moderne Präventionsdebatte. Besonders relevant ist das bei Menschen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko, niedrigem Omega-3-Index oder ungünstigem Entzündungsprofil.

Europäische gesundheitsökonomische Modellrechnungen zeigen für Österreich ein mögliches Potenzial von rund 250 Millionen Euro jährlich. Entscheidend ist auch hier die Präzision: Der Omega-3-Index macht sichtbar, wer tatsächlich schlecht versorgt ist. Aus einer allgemeinen Empfehlung wird damit eine messbare Präventionsstrategie.

Gerade Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören zu den großen Belastungen moderner Gesundheitssysteme. Jeder Schritt, der Risiken früher sichtbar macht und Versorgung gezielter ermöglicht, ist deshalb auch volkswirtschaftlich relevant.

Probiotika: Präzision statt Pauschalversprechen

Ein weiteres Feld ist das Mikrobiom. Probiotika werden häufig pauschal diskutiert, dabei ist die wissenschaftliche Perspektive deutlich genauer: Stamm, Dosis, Indikation und Zielgruppe entscheiden.

Besonders interessant ist der Einsatz definierter Probiotika bei Antibiotikatherapie und erhöhtem Risiko für Antibiotika-assoziierte Durchfälle. Gesundheitsökonomische Arbeiten zeigen, dass hier relevante Einsparungen möglich sind. Auf Österreich übertragen lässt sich daraus modellhaft ein Potenzial von rund 120 bis 175 Millionen Euro pro Jahr ableiten.

Auch hier liegt die Stärke im gezielten Einsatz. Probiotika sind dort interessant, wo sie evidenzbasiert, indikationsbezogen und qualitätsgesichert verwendet werden.

Aus einzelnen Zahlen wird eine neue Präventionslogik

Diese Zahlen dürfen nicht einfach zusammengerechnet werden. Die Studien beruhen auf unterschiedlichen Annahmen, Zielgruppen überschneiden sich, und nicht jedes theoretische Potenzial lässt sich unmittelbar in reale Budgetentlastung verwandeln.

Aber die Richtung ist bemerkenswert: Internationale gesundheitsökonomische Studien deuten darauf hin, dass zielgerichtete Mikronährstoffversorgung, Ernährungstherapie und moderne Diagnostik ein relevanter Teil einer neuen Präventionsstrategie sein können.

Es geht hier nicht um ein einzelnes Produkt oder eine einzelne Substanz. Es geht um ein neues Verständnis von Vorsorge.

Vitamin-D-Status messen. Omega-3-Index bestimmen. Ernährungsstatus älterer Menschen erfassen. Mangelernährung im Krankenhaus konsequent behandeln. Knochengesundheit früher in den Blick nehmen. Entzündungsmarker, Blutzucker, Cholesterin und Stoffwechselrisiken besser nutzen. Das Mikrobiom dort unterstützen, wo es medizinisch sinnvoll und evidenzbasiert ist.

Das ist moderne Vorsorge: als Bestandteil einer intelligenten Gesundheitsökonomie.

Mehr gesunde Jahre als Standortfaktor

Österreich hat eine große Chance: Wir könnten Prävention viel stärker als Standortfaktor verstehen. Als Weg zu mehr gesunden Lebensjahren. Als Entlastung für Spitäler und Pflege. Als Beitrag zur Arbeitsfähigkeit. Als Chance für ältere Menschen, länger selbstständig zu bleiben. Und ja: auch als Beitrag zu einem nachhaltigeren Staatshaushalt.

Die Budgetdebatte braucht diese positive Perspektive. Finanzielle Herausforderungen lassen sich auch dort lösen, wo Menschen gesünder bleiben.

Vielleicht ist das beste Sparpaket am Ende jenes, das Krankheit vermeidet, Lebensqualität schafft und gute Stimmung möglich macht.

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