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ARAX: Millionen-Krimi um den Wiener Kapitalgeber

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Im neunten Stock des Wiener Millenium Towers hatte der Venture-Capital-Geber einst ein schickes Büro.©APA-Images / Robert Kalb

Start-ups haben es in Österreich besonders schwer, an Geld zu kommen. Das hat strukturelle Probleme. Aber nicht nur, wie der Niedergang des österreichischen Kapitalgebers ARAX zeigt. Dort wurde selbst ein wirtschaftlich erfolgreiches Start-up-Investment zum Anleger-Albtraum. Millionen Euro sind verschollen – nun ermittelt die Justiz.

Die ARAX Capital Partners war einmal ein stolzes Unternehmen. Als „einer der führenden Venture-Capital-Geber Österreichs“ bezeichnete sich die Firma zuletzt auf ihrer Website. 85 Millionen Euro hatte Arax laut eigenen Angaben bis zum Jahr 2024 investiert, und das großteils in aufstrebende Start-ups aus Österreich in den Bereichen Hoch- und Biotechnologie.

Zur dieser Zeit hatte das Unternehmen noch ein schickes Büro im neunten Stock des Wiener Millennium Towers. Mittlerweile ist die Website nicht mehr aufrufbar, und die Arax ist offiziell in eine Wohnung in Wien-Währing gezogen. Denn seit Sommer 2025 kommt es bei der Arax zu seltsamen Vorgängen: Geschäftsführer werden ausgetauscht, Firmenanteile und Geld hin- und hergeschoben und die Kommunikation zeitweise vollständig eingestellt, eine Treugeberversammlung verkommt zur Farce. Nun bangen viele Anleger um ihr Geld.

Start-up-Investments für alle

Das Risiko ist zwar hoch, die potenziellen Erträge aber genauso. Deshalb interessieren sich auch weniger finanzstarke Anleger für das Thema Venture Capital – Investitionen in nicht börsenotierte Jungunternehmen. Dort stoßen sie jedoch meist auf hohe Einstiegshürden: Wer Anteile erwerben will, muss nicht selten gleich mehrere Millionen Euro in die Hand nehmen. Unternehmen wie Arax bieten deshalb an, das Geld dieser Kleinanleger zu bündeln und ihnen so die Tür zur Welt des Risikokapitals zu öffnen.

Unter den Anlegern der Arax ist etwa der 63-jährige Steirer Wolfgang J. Er ist ein alter Hase im Investmentbereich, seit fast 30 Jahren ist er selbstständig als Berater tätig. Bereits im Jahr 2008, kurz nach der Gründung der Arax, unterhielt er erste Geschäftsbeziehungen mit dem Wiener Risikokapitalgeber, bis 2012 bleibt er dort investiert. Neun Jahre später, im Jahr 2021, weckt erneut ein Angebot der Arax sein Interesse: Das Innsbrucker Biotechnologie-Start-up „Biocrates“, das sich mit der Analyse von Stoffwechselprozessen beschäftigt. Das Angebot liest sich auch im Kapitalmarktprospekt der Arax attraktiv: „Umfangreiche Mitwirkungs- und Kontrollrechte“ sollten die Anleger über ihr Investment haben.

J. und seine Kunden investieren insgesamt 400.000 Euro über Arax in Biocrates, davon kommen 30.000 von ihm selbst und seinem Unternehmen. „Die Biocrates kenne ich schon länger. Und die Arax hatte daran sehr billig Anteile erworben. Da war ich der Meinung, dass nichts passieren kann, was sich wirtschaftlich ja auch bewahrheitet hat.“ Allerdings nur wirtschaftlich.

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ARAX-Präsentation: Bereits vor einem Jahr wurde die erste Tranche aus dem Verkauf des Start-ups Biocrates überwiesen.

Erfolgreiches Biotech-Investment

Insgesamt 2.433 Investorinnen und Investoren steigen über Arax bei Biocrates ein. In Summe investieren sie knapp 8,4 Millionen Euro. Das Geld zahlen sie bei der Treuhandgesellschaft BVT ein, die Teil derselben Holding wie Arax ist, und erwerben damit eine Beteiligung an einer Projektgesellschaft, etwa der „Arax Projekt zwei“. Diese hält dann die eigentlichen Anteile an Biocrates. So weit, so üblich.

J. sollte recht behalten: Biocrates hält, was es verspricht. Elf Millionen Euro sind die vom Wiener Venture-Capital-Unternehmen gehaltenen Anteile im Jahr 2023, zwei Jahre nach seinem Einstieg, wert. Anfang 2025 erreicht die Anleger schließlich ein Umlaufbeschluss: die US-amerikanische Bruker Corporation will Biocrates aufkaufen. Die Arax kann durch den Verkauf laut einem an die Anleger verschickten Umlaufbeschluss „bis zu 15 Millionen Euro“ lukrieren – abzüglich „Transaktionskosten und Verbindlichkeiten“. Anleger wie J. sind euphorisch: „Da war ich voller Freude. Von Arax hieß es auch, dass die Ausschüttung gleich einmal kommt.“ Das passiert aber nicht – bis heute.

Fragen seitens der Anleger, wann denn nun mit wie viel Geld zu rechnen sei, beantwortete die Arax in der Folge ausweichend. Mit Verweis auf „gesellschaftsrechtliche Veränderungen“ und eine laufende „interne Reorganisation“ des Unternehmens käme es zu „Verzögerungen bei Auszahlungen und Provisionsabrechnungen“.

Rätselhafter Eigentümerwechsel

Dann kommt Bewegung in die Unternehmensstruktur der Arax. Die ARAX Capital Partners gehörte zur CETI Holding, und Mitte 2025 werden dort plötzlich die Arax-Gründer Daniel Cesky und Christian Tiringer, die Arax bzw. die CETI-Holding seit 2008 geleitet hatten, gleichzeitig abgelöst. Sie werden durch drei Personen ersetzt, die in der Vergangenheit im Zusammenhang mit der Sveta-Unternehmensgruppe auftraten. Diese fiel vor allem in Wien immer wieder durch fragwürdige Geschäftspraktiken auf. Warum die Arax-Gründer ihr Unternehmen Mitte 2025 verkauft haben? News hat versucht, sie dazu zu kontaktieren – bisher ohne Erfolg.

J. und andere Anleger sind durch den plötzlichen Wechsel alarmiert. In den folgenden Wochen und Monaten kommt es zu einer Vielzahl von Wechseln in der Geschäftsführung und Eigentümerstruktur der Arax und anderen Unternehmen der CETI-Holding. Für die Kunden würde sich dadurch aber nichts ändern, heißt es in einer Aussendung der Arax, die News vorliegt. Tatsächlich ändert sich aber so einiges.

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E-Mail an die Anleger: Der ehemalige ARAX-Geschäftsführer M. verträstete die Anleger immer wieder – nun wird gegen ihn ermittelt.

„Bombenstimmung“ bei Anlegern

Weil die Anleger nach den Veränderungen auf ihre Fragen nach dem Verbleib des Verkaufserlöses nur vertröstet werden, verlangen sie Anfang September 2025 eine Treugeberversammlung der BVT. Diese muss laut Treuhandvertrag binnen 14 Tagen stattfinden. Tatsächlich fand die Versammlung aber erst dreieinhalb Monate später statt.

Die Versammlung bringt für die Anleger wenig Klarheit und wirft eher zusätzliche Fragen auf. Eine „Bombenstimmung habe dort geherrscht, sagt Anleger J. im Interview mit News. Laut Treuhandvertrag müsste den Vorsitz der Versammlung der Geschäftsführer übernehmen, der sich jedoch wegen Krankheit entschuldigen ließ. Ihn vertraten ein Arax-Mitarbeiter und der langjährige Arax-Geschäftsführer S. Im Zuge der Präsentation wurde den Anlegern ein Screenshot aus einem Online-Banking-System gezeigt, wonach bereits ein Teil des Kaufpreises, knapp 5,3 Millionen Euro, eingelangt sei – wie S. angab, auf einem BVT-Treuhandkonto bei der Bank Austria.

Kontobelege, die News vorliegen, legen nahe, dass dieses Konto auch der Abwicklung von Beteiligungen an anderen Unternehmen dient – etwa der mittlerweile insolventen Crystalsol GmbH. Der ehemalige Arax-Geschäftsführer S. bestätigt das auf Nachfrage. Er gibt gegenüber News an, der Erlös aus dem Biocrates-Verkauf sei ordnungsgemäß an ein Treuhandkonto der BVT geflossen und sei dort auch verblieben, bis er im Zuge der Arax-Übernahme das Unternehmen verlassen habe. „Zum Zeitpunkt meiner Abberufung waren sämtliche Anlegergelder ordnungsgemäß und vollständig auf dem hierfür vorgesehenen Treuhandkonto verbucht.“ Das könne im Bedarfsfall „jederzeit nachvollzogen und belegt werden“.

Aufgelöste Konten und Whistleblower

Wo ist das Geld der Anleger jetzt? Jedenfalls nicht mehr auf besagtem Treuhandkonto – alle Bank-Austria-Konten der Arax und BVT wurden mittlerweile ohne Angabe von Gründen gekündigt.

Später meldet sich ein Whistleblower aus den Reihen der Arax bei den Anlegern. Er gibt an: Das gesamte Geld soll auf drei neue Konten bei drei verschiedenen Banken geflossen sein – und von dort als Darlehen an M. überwiesen worden sein, der Mitte 2025 bei Arax eingestiegen war. Die dazugehörigen Darlehensverträge seien den Anlegern aber nicht vorgelegt worden. M. lässt auf Anfrage über einen Anwalt mitteilen, dass durch ihn während seiner Zugehörigkeit zur Unternehmensgruppe „alle Tätigkeiten ordnungsgemäß abgewickelt“ worden seien.

Ende Februar soll der aktuelle Arax-Geschäftsführer Jürgen Rieger bei einer Arax-Vertriebspartnerveranstaltung nach Angaben mehrerer Anwesender angegeben haben, dass Mittel der Anleger zweckwidrig auf ein Konto der CETI Holding überwiesen wurden. Zugleich habe Rieger bestätigt, dass dieser Geldfluss nicht in Ordnung war und das Geld deshalb rücküberwiesen werden müsse. Das solle noch im März erfolgen.

Gegenüber News bestätigt Rieger, dass das Geld auf ein Konto der CETI geflossen sei – ob zweckwidrig oder nicht, sei für ihn zu diesem Zeitpunkt nicht zu beurteilen gewesen. Anschließend sei das Geld „investiert“ worden – wie genau, habe er bisher nicht herausfinden können. Er könne sich nicht erinnern, eine Rücküberweisung im März in Aussicht gestellt zu haben, sagt Rieger. „Mitte des Jahres“ soll es aber so weit sein. Er will sich in naher Zukunft als Arax-Geschäftsführer zurückziehen – dann soll laut Rieger ein von Investoren und Investorenvertretern geführter Verein mit juristischer Betreuung die Zügel übernehmen.

LKA Wien ermittelt

Bereits im Dezember hatten mehrere Anleger über die Kanzlei Royer eine Sachverhaltsdarstellung bei der WKStA eingebracht. Wie News vorliegende Dokumente belegen, ermittelt das Landeskriminalamt Wien gegen M. und weitere Personen wegen des Verdachts der Untreue. Dabei geht es um den Verbleib der ersten 5,3 Millionen aus dem Biocrates-Verkauf.

Anleger im Burnout

Anleger Wolfgang J. will die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben: „Sollte das Geld weg sein, wäre das ein gewaltiger Reputationsschaden für mich.“ Der Fall belaste ihn auch gesundheitlich: „Ich bin in einen Burnout gefallen, weil mich das so getroffen hat.“ Heute sei er deshalb kaum noch arbeitsfähig. Mit dem wirtschaftlichen Risiko habe er gerechnet – nicht aber, dass bei der treuhändischen Verwaltung der Gelder etwas passieren könne. „Ich frage mich ernsthaft, wo hier die Rechtssicherheit bleibt.“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 18/2026 erschienen.

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