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ESC in Wien: Wie das Großereignis zum Green Event wird

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Jede Großveranstaltung hinterlässt einen CO2-Fußabdruck. Beim Song Contest bemühen sich die Stadt Wien und der ORF, diesen klein zu halten. Emissionen, die sich nicht vermeiden lassen, werden durch Solarlampen in Afrika kompensiert.

Ein Großereignis wie der Song Contest hinterlässt Spuren. Manche sind nicht messbar, wie etwa positive Erinnerungen an die Shows in der Stadthalle oder die vielen Events in der Stadt, aber auch der Grant der Wienerinnen und Wiener, weil in ihrer Stadt noch mehr los ist als sonst. 88.000 zusätzliche Besucherinnen und Besucher erwartet die Stadt Wien in diesen Mai-Tagen und rechnet mit einer Wertschöpfung von rund 52 Millionen Euro für Wien und Rest-Österreich.

Diese Zahl wird sich irgendwann nachrechnen lassen. Ebenso kann man erheben, welchen CO2-Fußabdruck der ESC hinterlässt. Und was bei dieser Rechnung herauskommt, kann man kompensieren.

Größter Faktor: die Anreise

Diese Berechnung wird Catharina Ahmadi, Expertin für Nachhaltigkeitsmanagement, mit dem Wiener Climatetech-Unternehmen Econetix anstellen. Grundsätzlich arbeite man hier auf zwei Schienen, erklärt sie: einerseits Beratung, wie klimaschädliche Emissionen vermieden werden können, andererseits transparente Dokumentation jener Auswirkungen, die eben nicht vermeidbar oder beeinflussbar sind.

Den größten Anteil nicht beeinflussbarer Emissionen mache die Anreise der Besucherinnen und Besucher aus. Laut jüngsten Zahlen der Veranstalter kommen die Gäste aus insgesamt 70 Ländern. Die größten Besuchergruppen stellen, neben Österreich, Deutschland und Großbritannien. Gar nicht wenige Enthusiasten kommen aus den USA, ­Canada und Australien. Es sind aber auch Gäste aus Hongkong, Neuseeland und Japan registriert. Wer so weit reist, muss wohl oder übel ins Flugzeug steigen.

Die Anreise mache auch den größten Teil der nicht beeinflussbaren Emissionen aus, erklärt Ahmadi. Wer sich aber in Österreich mit der Bahn oder in Wien mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bewegt, tue das weitestgehend mit Grünstrom. Um zu sehen, wie sich die ESC-Fans bewegen, werden Daten von ÖBB und Wiener Linien, aber auch Bewegungsprofile von Mobil-Telefonen analysiert.

Grüner Strom in der Stadthalle

Ausschließlich grüner Strom soll am Veranstaltungsort fließen, der Wiener Stadthalle. Zudem setzt man auf energiesparende LED-Beleuchtung. Es gibt Regeln für Zulieferer, etwa das Catering, ein Müllsystem, das auf Pfand bzw. Wiederverwertung ausgelegt ist. Für die ESC-Bühne werden bereits anderwertig verwendete Teile wieder verbaut, die Banner und Transparente sollen nach dem Ereignis zu Design-Produkten weiterverarbeitet werden.

Am Ende ihrer Analyse soll ein Bericht stehen, so Ahmadi, der auch bei anderen Großereignissen zu einer nachhaltigen Ausrichtung verhelfen soll.

Freiwillige Kompensation

Vorab schätzt die Expertin, dass etwa 10.000 Tonnen CO2 nicht vermieden werden können. Für diese stellt Econetix als Sponsorin des Events die freiwillige Kompensation zur Verfügung. Econetix-Gründer Paul Nimmerfall schätzt den Wert dieser CO2-Kompensation auf rund 130.000 Euro. Konkret investiert wird dabei in ein Solarlampenprojekt in Uganda und der Demokratischen Republik Kongo. Die Lampen werden von lokalen Unternehmen hergestellt. Das schafft Arbeitsplätze.

Und: „Die Menschen, die diese Lampen kaufen und verwenden, haben oft zum ersten Mal elektrisches Licht zu Hause und grünen Strom, wo es bisher Dieselgeneratoren und Öllampen gab“, sagt Nimmerfall. Zehn dieser Solarlampen sparen übers Jahr eine Tonne CO2 ein, wurde errechnet. Jede Solarlampe, die verkauft wird, könne man über ein eigenes Monitoringtool tracken, „nur so wissen wir, wie viele Lampen überhaupt draußen sind“ und ob die CO2-Einsparung funktioniert. 40 bis 60 Dollar koste dieses „kleine Solarkraftwerk“, ein hoher Betrag, der nach und nach abbezahlt wird. Nur 13 bis 15 Prozent der Lampen fallen aus, so Nimmerfall, entweder, weil die Nutzerinnen und Nutzer (selten) nicht bezahlen können oder wegen technischer Defekte.

Econetix entwickelt weltweit CO2-Projekte, erklärt Nimmervoll. Die Bandbreite reiche von Solarlampen bis zu großen Forstprojekten. Zudem habe man eine Monitoringlösung entwickelt, die den Effekt dieser Projekte auch messbar mache. „Unternehmen beschäftigen sich momentan sehr intensiv damit, wie sie dekarbonisieren und was sie das kostet“, erklärt Ahmadi. Dabei gehe es um eine langfristige Planung. Die Diskussion laufe nicht mehr über die Extrempositionen „Emissionen sind Teufelszeug“ und „Die Reduktion kostet mich all mein Geld“, so die Expertin, sondern es gehe um Fragen wie „Was erwartet der Markt von mir?“ oder „Welchen Profit kann ich durch meine Reduktion generieren?“

CO2-Reduktion an erster Stelle

Letztendlich lande man aber an einem Punkt, an dem Emissionen nicht mehr vermieden werden können bzw. der Preis dafür zu hoch werde, erklärt Nimmerfall, und da komme die Kompensation ins Spiel. Neben der in der EU verpflichtenden CO2-Kompensation für Industriebetriebe oder Kraftwerke gibt es den freiwilligen Markt, bei dem Unternehmen, die nicht dazu verpflichtet sind, CO2 kompensieren, um Verantwortung zu übernehmen oder um mit Klimaneutralität werben zu können. Die EU-Richtlinien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung, durch die Unternehmen verpflichtet werden, ihre CO2-Bilanz offenzulegen, kurbelt diesen Bereich an.

An erster Stelle stehe, CO2 zu reduzieren, sagt Nimmerfall. „Würde ein Unternehmen sagen, das geht mich überhaupt nichts an, ich kaufe nur Carbon Credits und mache sonst nichts, wäre das zu 100 Prozent der falsche Ansatz.“ Was die CO2-Bilanz des Song Contests betrifft, hat Nimmerfall eine klare Meinung: „Am klimaeffizientesten ist natürlich, wenn eine Großveranstaltung gar nicht stattfindet. Aber wäre das Leben ohne solche Ereignisse so schön?“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 19/2026 erschienen.

Diversity feiern – ESC in Wien

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