Was bei einem Hit fürs Radio nerven würde, kann auf der Bühne des Eurovision Song Contests den Weg zum Sieg ebnen: Dramatik, Stilwechsel, Brüche. Eine Komposition für den ESC ist Teil einer Gesamtinszenierung und folgt eigenen Regeln. Spoiler: Auch die greifen nicht immer.
Drei Minuten tanzbare Popmusik, am besten in Englisch gesungen. So kommt man dem Sieg beim Eurovision Song Contest, kurz ESC, sehr nahe. Das erhob die Studie der ETH Zürich „Breaking the code: Multi-level learning in the Eurovision Song Contest“, erschienen im Fachjournal Journal of the Royal Society Open Science.
Jüngere Siegerlieder zeigen, dass es auch anders geht: „Wasted Love“ von Countertenor JJ holte den Sieg mit Opern-Anleihen nach Österreich. Zuvor gewann mit „The Code“ vom Schweizer Nemo ein sperriger Rap-Popsong. Beide erfüllten nur ein Kriterium: die englische Sprache. Nicht einmal das ist Pflicht, um zu gewinnen. Dies zeigte 2022 ukrainischer Rap vom Kalush Orchestra („Stefania“) und davor italienischer Rock von Maneskin („Zitti e buoni“, 2021). Wir ahnten es: Es ist kompliziert.
Längst werden Lieder für den ESC von Komponisten und Produzenten maßgeschneidert, denn in Sachen Komposition folgen ESC-Songs eigenen Regeln.
Für den ESC willst du einen Song schreiben, den man gut visualisieren kann

Komponieren für visuelle Wirkung
Man hört, wenn ein Lied für die ESC-Bühne gemacht wurde, sagt Österreichs Starter aus dem Jahr 2018, Cesár Sampson. Der Sänger, Musiker und Produzent, der „Nobody But You“ selbst schrieb und mitproduzierte, weiß: „Beim ESC geht es darum, drei Minuten lang zu überzeugen. Dafür muss man einen dichten Spannungsbogen schaffen. Es darf nie langweilig werden. Ein Lied braucht dramatische Elemente, eine Entwicklung.“ Dazu komme, so Sampson, dass Künstler und Künstlerinnen bei der Komposition des Songs dessen visuelle Umsetzung mitdenken. „Radiohits haben keine optische Ebene. Für den ESC willst du einen Song schreiben, den man gut visualisieren kann“, sagt er.
Dafür bieten sich Stimmungswechsel im Lied an, die man optisch in Szene setzen kann. Das könne laut dem 42-Jährigen ein Tempowechsel sein, ein Stilbruch, jeder dramatische Wechsel: „Eine dramaturgische Entwicklung im Lied bindet Aufmerksamkeit.“ Ein typisches Beispiel, so Sampson, sei JJs Siegerlied aus dem Vorjahr „Wasted Love“, das mit der Kennmelodie startet, sie im Refrain als Echo fortsetzt und mit klaren Wechseln arbeitet. „Er wechselt das Stimmfach und den Gesangsstil – ein Wow-Effekt – und schließt mit einem Technoteil. Es ist immer klar, worauf man gerade achten soll.“
JJs Gewinnersong von 2025 „Wasted Love“
All diese Elemente würden einem Song für Radioeinsätze eher schaden. Radiohits sind Alltagsbegleiter, die zwar Höhepunkte brauchen, aber nicht zu viel Aufmerksamkeit binden wollen und keinesfalls als störend empfunden werden sollten, beschreibt Sampson. Mit „Nobody But You“ belegte er beim ESC 2018 Platz drei und landete auch einen Radiohit. Mit Absicht, wie er sagt: „Ich wollte nicht unbedingt den perfekten ESC-Song schreiben, sondern ein Lied, das mir als Artist dienlich ist. Ich wollte ein Lied, das meine Stimme zeigt und auch ein Hit werden kann.“
7 ESC-Siegertitel …
… wurden alleine von den Interpreten komponiert, u. a. „Zitti E Buoni“ (Maneskin), „Insieme 1992“ (Toto Cutugno), „Hold Me Now“ (Johnny Logan)
Das Orchester-Aus änderte die Songs
Die Regeln, denen sich ein ESC-Lied unterwerfen muss, gibt die European Broadcasting Union (EBU) vor: höchstens drei Minuten, politische Botschaften sind tabu wie auch Coverversionen. Gesungen werden kann seit 1999 in jeder Sprache. Im gleichen Jahr wurde die Orchesterbegleitung durch Playbackmusik ersetzt. Lediglich der Hauptgesang muss live auf der Bühne erfolgen. Die Abschaffung des Orchesters brachte Perfektion und internationale Produktionsqualität in den Bewerb, veränderte aber die Kompositionen für den ESC.
Der Sprach- und Kulturwissenschafter Irving Wolther, der 2006 die weltweit erste Doktorarbeit über den Eurovision Song Contest verfasste, erlebt den Sangeswettbewerb dieses Jahr in Wien bereits zum 32. Mal live vor Ort.
Er erinnert sich an Orchesterproben, nach denen Arrangements umgeschrieben wurden und erzählt, wie einst schneller dirigiert wurde, damit ein Lied in den Drei-Minuten-Rahmen passt. Letzterer sei vor allem für Italien, das traditionell den Sieger oder die Siegerin des Sanremo-Musikfestivals zum Song Contest schickt, heute noch problematisch, wie er sagt: „Lieder müssen oft gekürzt werden, was der Dramaturgie nicht immer zuträglich ist.“
Mit dem Ende der Orchesterpflicht schwanden hymnische Kompositionen, die im Orchestergewand besondere Wirkung entfalten. Das Playback ermöglichte Experimente mit modernen Pop- oder Rocksounds. Statt orchestertauglichen Cold Ends seien Fade-outs möglich, so Wolther, wie die meisten Pop-Produktionen sie nutzen.
Komposition nur Teil der Inszenierung
Der ESC ist ein Ereignisformat mit eigenen ästhetischen Erwartungen. Komposition wird zum Teil einer Gesamtinszenierung und Songs werden auf Bühne, Kamera und Publikumsreaktion hingedacht. In Zeiten schwindender Aufmerksamkeit binnen drei Minuten möglichst hohes Interesse zu generieren, erzwingt dabei von Kompositionen starke Verdichtung. Es gibt keine langen Intros mehr, kaum instrumentale Passagen oder Soli, der volle Fokus liegt auf Wirkung. „Die Leute wollen nicht hören, was sie überall serviert bekommen. Süd-und osteuropäische Länder haben früh begriffen, was man tun muss, damit die Leute von der Suppe hochgucken.“
Als Beispiel nennt er Ruslanas Siegertitel für die Ukraine 2004 „Wild Dances“: „Schon im Jahr zuvor zeigte Sertab Erener („Everyway that I Can“) für die Türkei, dass Tanz nicht nur Dekoration, sondern Ausdrucksträger sein kann. Ruslana inszenierte optisch eine archaische Ästhetik und griff symbolisch auf traditionelle Motive zurück, etwa mit der Trembita, eine Art Alphorn. Damit bediente sie gezielt kulturelle Vorstellungen, die man im Westen noch nicht mit der Ukraine verband. Es entstand das Bild von einem Land mit tiefer Kultur. Diese Projektionsfläche funktionierte.“
Die Ukrainerin gewann den ESC 2004 mit dem Song „Wild Dances“
Konservativer Spiegel der Popkultur
Als Trend der letzten Jahre beobachtet Wolther, dass viele Songs vor allem die Stimmen von Talenten – oft aus Castingshows – in die Auslage stellen. Das führe zu ähnlichen Dramaturgien mit großen Steigerungen und hohen Tönen. Ein weiterer Trend sei die Häufung von Tanzbreaks in Kompositionen, für die oft die Bridge verlängert wird, wie Noa Kirel 2023 für Israel mit „Unicorn“ einprägsam inszenierte.
Moderne Musikrichtungen aus den Charts werden dem Massenpublikum beim ESC mit großer Vorsicht zugemutet. „Der ESC präsentiert immer einen konservativen Ausschnitt aus der Popularmusik“, beschreibt Wolther. „Stark polarisierende Genres gelten als Risiko. Deshalb hat es gedauert, bis Ska oder Punkrock auf dieser Bühne ankamen, das geschah erst in den 2000er-Jahren.“
Gleichzeitig hätten Lordi, so Wolther, mit ihrem Sieg 2006 für Finnland mit „Hard Rock Hallelujah“ gezeigt, dass selbst Metal funktioniert, wenn er entsprechend aufbereitet wird. Zuletzt bahnen sich Rap und Hip-Hop zunehmend ihren Weg auf die ESC-Bühne.
70. Eurovision Song Contest in Wien
Vom 11. bis 16. Mai richtet Wien unter dem Motto „United by Music“ den 70. Wettbewerb in der Stadthalle aus. 35 Länder kämpfen um den Sieg.
Am Rathausplatz werden alle Shows im Public Viewing gezeigt:
12. Mai: 1. Semifinale
14. Mai: 2. Semifinale
16. Mai: Finale
Nationale Klischees im Vorteil
Das Bedienen nationaler Klischees und musikalischer Identität kann im Wettbewerb, der stark von Stereotypen und Erwartungshaltungen lebt, ein Vorteil sein. „Man erwartet von Frankreich einen Beitrag, der nach Chanson klingt. Akustische Wiedererkennbarkeit wird zum Vorteil in einem Wettbewerb, wo man hinterher überlegt: War Malta jetzt besser als Finnland oder Österreich besser als Norwegen?“, sagt Wolther.
Beispielhaft ist Rapper Satoshi, der in Wien seine Heimat mit „Viva, Moldova!“ besingen wird. Auch die absoluten Favoriten bei den Buchmachern, Linda Lampenius und Pete Parkkonen aus Finnland, setzen auf vertonte nationale Identität. „Sie treten mit einem Mash-up aus Iskelmä, traditionellem finnischem Schlager, Metal-Ästhetik und Geigen-Anleihen, wie die finnische Band Nightwish sie populär machte, an. Das sind viele Finnland-Klischees extrem verdichtet“, beschreibt Wolther.
Linda Lampenius und Pete Parkkonen gelten bei den Buchmachern als Top-Favoriten auf den diesjährigen ESC-Sieg.
Auch der ukrainische Beitrag „Ridnym“ der Band Leléka setzt in Wien auf folkloristische Elemente. Wolther: „Mit der Bandura, einem traditionellen ukrainischen Zupfinstrument, und der ukrainischen Flöte Sopilka wird klar kulturelle Identität vermittelt.“ Auch Portugals Beitrag von Bandidos do Cante greift mit „Rosa“ im Stil des Cante Alentejano auf ein starkes musikalisches Erbe zurück. Der traditionelle, polyphone Gesangsstil aus dem Süden Portugals ist – wie der Fado – von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Bei den Zusehenden wird all dies zwar nur subtil wahrgenommen, es unterstützt aber im Voting die Unterscheidbarkeit.
Einen Beweis, dass auch nationales Kulturgut den Sieg nicht garantieren kann, lieferte übrigens Österreich 2005. Mit einer Sängerin im Dirndl und einem Stil-Mix aus Alpen-Folklore und Latino-Pop – samt Jodeleinlage – schieden Global Kryner mit „Y Asi“ vor dem Finale aus.
68 Teilnahmen …
… hat Deutschland geschafft. Rekord! Dahinter liegen Frankreich und Großbritannien mit 67, Belgien (66). Österreich nahm 57 mal am ESC teil
Die Konkurrenz entscheidet mit
In einem anderen Starterfeld hätten sie womöglich Finalchancen gehabt, denn zu den vielen Stellschrauben eines ESC-Siegs zählen auch die Songs der Konkurrenz. Jedes Land kann nur den eigenen Beitrag steuern und weiß nicht, auf welche Art von Liedern es beim Bewerb trifft. In Wien fällt laut Wolther auf, dass es 2026 viele laute, krawallige Performances gibt, während kaum überzeugende Balladen vertreten sind.
Wenn alle laut und schrill die Bühne abfackeln, ist es am Ende vielleicht der Junge mit der Gitarre, der das Rennen macht

Gerade darin liegt eine riesige Chance, weil ein ruhiger Beitrag in einem solchen Umfeld herausstechen kann. Der Portugiese Salvador Sobral hat es 2017 gezeigt, als er mit „Amar pelos dois“, einer leisen, reduzierten Gegenposition zu vielen tanzbaren Liedern, ganz in Schwarz gekleidet gewann.
„Man weiß nie, was die anderen zeigen werden“, nennt Wolther die ewige Unbekannte im Rennen um den Sieg. „Wenn alle laut und schrill die Bühne abfackeln, ist es am Ende vielleicht der Junge mit der Gitarre, der das Rennen macht.“
ESC-Konferenz: Treffen von Wissenschaft & Fans
Die Eurovisions International Conference bringt seit 2018 Forschende, Praktiker und Fans zusammen. Inhalte aus der wissenschaftlichen Forschung über den ESC werden aus den Elfenbeinturm geholt und in Dialog mit jenen gebracht, die ESC leben. Pointierte Präsentationen und Diskussionen beleuchten u. a. musik- und kulturwissenschaftliche Analysen, Fragen von Identität, Nation Branding und politischer Symbolik
12. und 13. Mai 2026, Wien, mdw, Universität für Musik und darstellende Kunst. Programm und Online-Teilnahme siehe www.eurovisions.eu
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 19/2026 erschienen.






