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Selbstkritische Wissenschaft "ist kein Bug, sondern ein Feature"

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Transparenz bei Unsicherheiten in der Regel vorteilhaft
©APA, GEORG HOCHMUTH, Themenbild
Von der Forschung erwartet man sich am liebsten eindeutige Antworten. Dass dies Wunschdenken ist, sickerte spätestens mit der Coronapandemie in das kollektive Bewusstsein. "Was die Wissenschaft von anderen Wissensarten unterscheidet, ist dieser selbstkritische, transparente Umgang mit den eigenen Grenzen", sagte ÖAW-Forscher Andreas Scheu zur APA. Im Rahmen einer Überblicksstudie untersuchte er mit einem Kollegen, was für Transparenz bei Unsicherheiten spricht.

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Wissenschaftliches Wissen entwickelt sich ständig weiter. Der transparente Umgang mit Zweifeln oder noch unbeantworteten Fragen in der Forschung "ist kein Bug, sondern ein Feature", sagte der Professor für Wissenschaftskommunikation von der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Universität Klagenfurt. Wer diese Unsicherheit als Makel darstelle, würde versuchen, aus einer Stärke eine Schwäche zu machen. "Damit wird aus meiner Sicht im Fall des Falles in der Außenkommunikation oft ein bisschen zu defensiv umgegangen." Wissenschaft sei eben "ein Prozess der permanenten Selbstkorrektur", so Scheu. Das zu kommunizieren, sei wichtig.

Uneindeutige wissenschaftliche Ergebnisse werden - das zeigte sich eben auch rund um Covid-19 - in polarisierten Debatten nicht selten für die eigenen Zwecke von Interessensvertretungen instrumentalisiert. Übertreibungen in die eine oder andere Richtung seien nicht hilfreich.

"Nehmen wir die Klimaforschung, wo es gute systematische Analysen und einen großen wissenschaftlichen Konsens gibt: Auch hier kann es in der strategischen Kommunikation - unabhängig davon, ob sie für oder gegen Klimaschutzmaßnahmen argumentiert - zu einer Überspitzung wissenschaftlicher Sicherheit kommen. Das ist problematisch, weil solche Überzeichnungen Gegenpositionen unnötige Angriffspunkte bieten", so Scheu.

Wer wissenschaftliche Unsicherheiten transparent kommuniziert, stärke aber in der Regel die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse. Zu diesem Schluss kommen der Forscher und sein Kollege Christian Schuster von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen ihrer im Journal "Risk Analysis" veröffentlichten Studie. Sie basiert auf einem bereits 2023 veröffentlichten Bericht, den beide für die deutsche Initiative "Transfer Unit Wissenschaftskommunikation" verfassten.

Die Forscher analysierten 24 internationale Studien, die im Zeitraum 1995 bis Ende 2022 erschienen sind, davon elf aus Europa und neun aus Nordamerika. "In unserer Übersichtsanalyse haben positive und neutrale Effekte deutlich gegenüber den negativen Effekten überwogen", so Scheu. "Wenn man durchwegs wissenschaftliche Ergebnisse als zu sicher darstellt und den Prozess gar nicht thematisiert, kann mittelfristig das Misstrauen gefördert werden."

Was Forschende davon abhält, über Unsicherheit zu reden, hatte jüngst eine Gruppe um Erstautorin Claire Roney von der Uni Wien im Fachblatt "Humanities and Social Sciences Communications" erhoben (DOI: 10.1057/s41599-026-07026-0). Die Ergebnisse von Scheu und Schuster sollten sie bestärken: Reflektiertes und vorsichtiges Formulieren würden viele Menschen schätzen. In der Kommunikation sollten Unsicherheiten gut eingeordnet werden.

Die Forscher unterscheiden zwischen Erkenntnisunsicherheit, methodischer Unsicherheit und Konsensunsicherheit. "Die epistemische Unsicherheit ist immer da. Jede Art von Wissen ist unsicher", so Scheu. Die methodische Unsicherheit, die auch immer bestehe, sei "ein beliebter Angriffspunkt, falls jemand Zweifel an Ergebnissen säen will".

Die größte Herausforderung aber sieht Scheu bei Konsensunsicherheiten, wie sie z.B. bei zwei Studien mit widersprüchlichen Ergebnissen vorkommen können. Zu vermeiden seien, wie ebenfalls in der Corona-Zeit geschehen, künstlich aufgebauschte Konsensunsicherheiten, die eigentlich keine sind - sprich, wo einzelne Akteure mit konträren Meinungen wort- und mediengewaltig überproportional vorkommen.

Das Narrativ, dass es in Österreich vergleichsweise viel Desinteresse bzw. Skepsis gegenüber Wissenschaft gibt, teilt Scheu nicht mit Verweis auf die jährlichen Umfrageergebnisse des ÖAW-Wissenschaftsbarometers, "die ein gutes Wissenschaftsvertrauen in Österreich belegen": "Es gibt aber eine bestimmte, anteilig kleinere Bevölkerungsgruppe, die sehr stabil skeptisch bis sogar misstrauisch ist, und die sollte man auch gut im Blick haben."

Gleichzeitig kritisiert Scheu die beliebten Ländervergleiche. Erhebungen wie das EU-Eurobarometer würden über die Zeit tatsächlich Trendanalysen liefern können. Grundsätzlich stelle sich in den Sozialwissenschaften aber die Herausforderung von konzeptioneller und methodischer Vergleichbarkeit verschiedener Analysen, da hier kein so hoher Grad der "Standardisierung" von Definitionen etc. vorliege wie etwa in den Naturwissenschaften.

Und: "Bei den Vertrauens-Misstrauens-Narrativen werden die Länder oft gegeneinander gelegt, als wäre es eine Fußball-WM. Platz eins, Platz zwei ... So würde ich Vertrauenswerte nicht lesen wollen." Sehr hohe Vertrauenswerte in Wissenschaft seien nicht automatisch ein Zeichen für besonders günstige gesellschaftliche Verhältnisse. Sie könnten z.B. auch in Kontexten auftreten, in denen das Vertrauen in politische Institutionen gering ist und Wissenschaft stärker als Korrektiv wahrgenommen wird. Das sei keinesfalls per se schlecht. Entscheidend sei aber, so Scheu: "Wir brauchen ein kritisches, informiertes Vertrauen in die Wissenschaft - und das produziert nicht unbedingt maximale Vertrauenswerte."

(S E R V I C E - Studie: https://doi.org/10.1111/risa.70233 ; Bericht: https://go.apa.at/Z4iEpeOE )

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