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"Die chronische Hepatitis-B-Virusinfektion (HBV) ist ein schwerwiegendes globales Gesundheitsproblem, von dem weltweit 240 Millionen Menschen betroffen sind und das jährlich über eine Million Todesfälle verursacht. Menschen mit chronischer HBV-Infektion haben häufig eine eingeschränkte Lebensqualität und sind Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt", schrieben Jinlin Hou (Medizinische Universität Südchina/Guangzhou) und seine Co-Autoren in ihrer internationalen Studie mit starker europäischer Beteiligung im angesehensten medizinischen Fachjournal der Welt (DOI: 10.1056/NEJMoa2515131).
Mit sogenannten Nukleosid-Analoga stehen seit Jahren Arzneimittel zur Verfügung, mit denen eine chronische Hepatitis B unter Kontrolle gehalten werden kann. Doch eine "funktionelle Heilung" mit Virus-DNA-Konzentrationen im Blut unter der Nachweisgrenze und einem Verschwinden des Oberflächenantigens der Viren (HbsAg) ohne weitere Behandlung wurde bisher nicht erzielt. In diesem Aspekt ist die durch Blut und Intimkontakte übertragbare Hepatitis-B-Erkrankung im Vergleich zu weit mehr als 90-prozentigen Ausheilungschancen beispielsweise für Menschen mit chronischer Hepatitis C durch relativ neue medikamentöse Therapien ein Bereich, in dem noch auf einen großen Durchbruch gewartet wird.
Mit einem Vortrag beim Jahreskongress der Europäischen Vereinigung für die Erforschung von Lebererkrankungen (EASL) in Barcelona und der gleichzeitigen Publikation im "New England Journal of Medicine" am Donnerstag könnte jetzt ein neues Forschungskapitel mit Hoffnung für die Betroffenen aufgeschlagen worden sein. Vorgestellt wurden zwei Wirksamkeitsstudien (B-Well 1 und B-Well 2), welche die Zulassung des neuen Hepatitis-B-Arzneimittels Bepirovirsen ermöglichen sollen.
"Die zusammengefassten Daten beider Studien zeigten, dass eine sechs Monate dauernde Behandlung (zusätzlich zu den herkömmlichen Medikamenten; Anm.) mit Bepirovirsen (...) eine statistisch signifikante und klinisch relevante funktionelle Heilungsrate von 19 Prozent erreichte (233 von 1.220 Probanden im Vergleich zu keiner funktionellen Heilung in der Placebogruppe in beiden Studien)", schrieb dazu der britische Pharmakonzern GSK in einer Presseaussendung. Bei Studienteilnehmern mit einer durch die bekannten Therapien bereits guten Unterdrückung der chronischen Infektion sei eine funktionelle Heilungsrate von 26 Prozent erzielt worden. Die positiven Ergebnisse bezogen sich auf Tests 72 Wochen nach Beginn der Studie und waren statistisch signifikant.
Bei Bepirovirsen handelt es sich um ein sogenanntes Antisense-Oligonukleotid, das die Boten-RNA der Viren als Muster für die Bildung neuer Virus-Proteine in infizierten Zellen blockiert. "Zusätzlich zu seiner direkten antiviralen Wirkung stimuliert Bepirovirsen die körpereigenen Abwehrreaktionen, was sich in einer Anregung der Bildung von Immunbotenstoffen und in der Aktivierung von Immunzellen zeigt", schrieben die Wissenschafter in ihrer Studie im "New England Journal of Medicine", die zwischen Dezember 2022 und Mai 2025 gelaufen war.
Das Antisense-Oligonukleotid wurde in der Untersuchung einmal wöchentlich per Injektion unter die Haut angewendet, bei einem Drittel der Probanden mit zufälliger Zuteilung zu dieser Gruppe gab es dafür ein Placebo (verblindet). Spätestens nach 48 Wochen wurde auch die sonstige antivirale Therapie in Tablettenform (Nukleosid-Analoga) beendet. Bei etwa einem Viertel der Patienten hatte die Bepirovirsen-Behandlung aufgrund der Laborbefunde bereits bis zur Woche 48 abgebrochen werden können.
"In den zwei Phase-III-Studien führte eine 24-wöchige Therapie mit Bepirovirsen bei 20 Prozent bzw. 19 Prozent der Patienten mit virologisch unterdrückter chronischer HBV-Infektion (...) zu einer funktionellen Heilung. Diese Ergebnisse belegen die Wirksamkeit von Bepirovirsen als zeitlich begrenzte Therapie über 24 Wochen zur Erzielung einer funktionellen Heilung und zeigen einen zusätzlichen Nutzen gegenüber der fortgesetzten Nukleosid-Analoga-Therapie als Standardbehandlung bei diesen Patienten", hieß es im "New England Journal of Medicine".
Auch diese mögliche neue Behandlungsstrategie kann offenbar keine "sterile" und endgültige Ausheilung einer chronischen Hepatitis B bewirken. Allerdings könnte sie bei den erfolgreich Therapierten deren Immunsystem eine langfristige Kontrolle der Infektion ohne erneutes Aufflammen der Krankheit ermöglichen. In früheren Studien (Phase II) soll das bei 90 Prozent der Probanden mit funktioneller Heilung der Fall gewesen sein. Derartige Langzeitdaten aus den beiden neuen groß angelegten Studien gibt es noch nicht. Laut der Wissenschaftszeitschrift "Science" schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) allerdings, dass weltweit nur 27 Prozent der HBV-Infektionen diagnostiziert werden. Lediglich fünf Prozent der Betroffenen bekommen eine Behandlung.
ARCHIV - 10.11.2020, Bayern, Kempten: ILLUSTRATION - Eine Flüssigkeit tropft aus der Kanüle einer Spritze. Die globale Logistikbranche bereitet sich schon jetzt auf die globale Verteilung von Covid-19-Impfstoffen vor, die in den nächsten Monaten auf den Markt kommen könnten. (zu dpa «Impfstoff-Verteilung: Logistiker rechnen mit 10 Milliarden Dosen») Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa +++ dpa-Bildfunk +++.






