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Von den rund 1.700 öffentlichen Verkehrsflächen in Graz wurden 738 nach Personen benannt. Einige unter ihnen waren Nationalsozialisten, Antisemiten, Hetzer mit demokratiefeindlicher Einstellung. Das alles wurde über mehrere Jahre in Zusammenarbeit der Universität Graz, dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung und einer eigens einberufenen Expertenkommission wissenschaftlich aufgearbeitet. "Ich bin dankbar, dass wir jetzt Bescheid wissen über die Geschichte, die sich in den Straßen und Plätzen festgeschrieben hat", sagte Vizebürgermeisterin Judith Schwentner (Grüne) am Mittwoch bei der Präsentation des Endberichts, der nun auch online zur Verfügung gestellt wurde.
Zwanzig Benennungen wurde ein "hoher Diskussionsbedarf" attestiert. Rund 60 weitere sind problematisch und diskussionswürdig. Der nunmehr vorliegende Endbericht listet sie auf. Vor allem aber liefert er für alle Benennungen detaillierte biografische Angaben samt Analysen und historischen Einordnungen. Diese gehen weit über die Zusatztafeln hinaus, die seit 2021 sämtlichen Straßenbezeichnungen hinzugefügt werden. Dort wird das Verdienst, bzw. die "Belastung" in nicht mehr als 365 Zeichen in sechs Zeilen zusammengefasst.
Einige Verkehrsflächen wurden mittlerweile auch umbenannt: Oktavia Aigner-Rollett-Allee, Ella Flesch-Platz, Maria Stromberger-Gasse, Julia-Pongracic-Straße und Maria-Matzner-Straße würdigen die wichtigen Beiträge dieser Frauen für die Gesellschaft. Im Gegenzug wurden die Benennungen nach Max Mell, Dr. Muck, Ottokar Kernstock, Hans Kloepfer und Karl Lueger abmontiert. Und auch der Hermann-Gmeiner-Weg wird im Juni nach einer verdienstvollen Frau in Rosa-Wartinger-Weg umbenannt.
"Die Entscheidungen darüber, wem eine Straße gewidmet wurde und wem nicht, welche Straße umbenannt und eventuell später wieder rückbenannt wurde, geben Aufschluss über den Umgang einer Gesellschaft mit ihrer Geschichte", betonte Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung. "Wir sehen heute, dass es Namen gibt, die eine solche Würdigung im öffentlichen Raum nicht mehr verdienen. Wir ändern das Schritt für Schritt", so Vizebürgermeisterin Schwentner. Die Umbenennung der Conrad-von-Hötzendorf-Straße mit ihren mehr als 120 Gebäuden inklusive Sitz des Finanzamts ist beispielsweise immer noch ein Thema, aber "nicht in unmittelbarer Absicht", wie es Schwentner formulierte. Hier müsse auch die Frage nach der "Verhältnismäßigkeit des Aufwands" gestellt werden.
Der online gestellte Endbericht sowie die neue digitale Kartendarstellung machen jedenfalls die Personen und ihr Wirken sicht- und nachverfolgbar. Bei Anklicken des Straßennamens im Plan erscheinen die Informationen zu den Namensgebern und Namensgeberinnen. Letztere sind übrigens noch in arger Minderzahl. Lediglich rund 60 Straßen und Plätze sind nach Frauen benannt, wie Schwentner anführte. "Das sind weniger als zehn Prozent, aber immerhin mehr als nach Tieren (55), aber weniger als nach Pflanzen (70)", so die Vizebürgermeisterin. Nicht zuletzt daher wurden für die Umbenennungen Namensgeberinnen gewählt.
Die Zusatztafeln werden seit 2021 angebracht. Die Arbeiten sollen bis 2028 vollständig abgeschlossen sein. Farblich setzt man auf Einheitlichkeit, indem die Tafeln den Straßenschildern angepasst sind: Weiß auf Grün bzw. schwarz auf weiß mit rotem Rand in der Welterbezone in der Innenstadt.
(S E R V I C E - PDF zum 1.500-seitigen Endbericht des Grazer Straßennamen-Projektes findet sich unter: https://www.graz.at/cms/ziel/10900919/DE )
GRAZ - ÖSTERREICH: FOTO: APA/Screenshot/Endbericht






