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Bei Terrorakten und Amokläufen wie vor einem Jahr in Graz müssen Journalistinnen und Journalisten schnell entscheiden, was sie schreiben und zeigen und was nicht. Dafür gibt es bereits Empfehlungen. Deren Konsens ist laut dem Medienpsychologen: zurückhaltende Berichterstattung, ähnlich wie es bei Suiziden hierzulande bereits üblich ist. Zentral sei es, sich nicht auf den Täter oder die Täterin zu fokussieren: "Dadurch schafft man diesen Menschen eine Plattform und ruft potenzielle Nachahmerinnen auf den Plan", erklärte Till. Auch mit Details zu den Attentaten und der Vorgehensweise sollte deshalb sparsam umgegangen werden. Wichtig sei zudem, keine Ängste zu schüren oder Gefahrenszenarien zu spinnen. Vielmehr sollen Medien auf Hilfsangebote hinweisen, über das Leben der Opfer oder auch über Menschen schreiben, die den Ausstieg aus dem Extremismus geschafft haben.
Das Problem: Diese Empfehlungen werden oftmals nicht umgesetzt, wie das Wiener Forschungsteam feststellte. Es analysierte die Publikationen der auflagenstärksten österreichischen und deutschen Zeitungen und deren Onlineauftritte in den vergangenen Jahren über Terroranschläge, darunter jene in Wien, Hanau und München. "Unser Fazit ist nicht sehr positiv", sagte Till zur APA. "Besonders den Fokus auf den Täter haben wir sehr oft gesehen. Es wird seine Geschichte erzählt, nicht die der Opfer." Mitunter seien Namen und Fotos von Terroristen veröffentlicht worden. Auch Hinweise auf Hilfsangebote oder Extremismusstellen hätten oft gefehlt.
Weiters stellten die Fachleute fest, dass der Hintergrund der Tat eine Rolle dabei spielt, wie berichtet wird. Bei islamistischen Tätern sei meist das Bild eines radikalisierten Muslims gezeichnet worden, hinter dem eine Terrororganisation steht, so Till. "Teils war auch etwas glorifizierend von 'Soldaten' die Rede, die trainiert und sich Fähigkeiten angeeignet hätten." Oft sei das Label "Selbstmordattentat" verwendet worden, "was interessant ist, denn zwölf der 15 Täter, die in unserer Analyse vorkamen, wurden von der Polizei erschossen", sagte Till. Anders lautete das Narrativ bei Rechtsextremen: Hier sei meist von Einzelgängern gesprochen worden, obwohl es auch in diesem Bereich Organisationen im Hintergrund gebe. Im Zentrum der Berichte standen in der Regel die psychischen oder persönlichen Probleme und die Suche nach den Gründen für die Tat.
Diese Art der Berichterstattung über Terror kann mitunter große Auswirkungen haben. Das zeigen laut Till internationale Studien: "Sensationalistische Artikel erzeugen ein Klima der Angst, was die Probleme von Menschen mit Angsterkrankungen verstärken kann." Darüber hinaus werden laut dem Forscher bestimmte Gruppen weiter stigmatisiert, wie Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Menschen mit muslimischem Glauben. Zudem würden sehr detaillierte Berichte über Attentate Nachahmer auf den Plan rufen. "Das ist relativ evident. Wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass ein Lkw eine terroristische Waffe ist?" Nach dem Terroranschlag in Nizza und der großen medialen Aufmerksamkeit sei diese Vorgehensweise wiederholt angewendet worden. "Dass wir an öffentlichen Orten Poller aufstellen, damit da niemand durchfahren kann, ist heute eine normale Anti-Terror-Maßnahme", sagte Till. "Bei Terrorismusberichterstattung ist das Bewusstsein noch nicht da, was man damit bewirkt. Das ist das grundlegende Problem."
Tills Team hat nun untersucht, welche Rolle Medien im Radikalisierungsprozess spielen. Dafür führten sie qualitative Interviews mit elf Personen in Deradikaliserungsprogrammen. Die Geschichten seien sehr individuell, gemeinsam hätten die Interviewten, dass sie sich zum Zeitpunkt der Radikalisierung in einer psychischen Krise befunden hatten. Durch Bekannte oder auch das Internet seien sie mit radikalem Gedankengut in Berührung gekommen. Und: Vor allem durch soziale Medien hätten sich extremistische Ansichten verstärkt. Traditionelle Medien würden hier aber eine geringe Rolle spielen.
In Zukunft will das Wiener Forschungsteam die Wirkung der Terrorberichterstattung auf die allgemeine Bevölkerung untersuchen, auch eine Analyse öffentlicher Diskurse ist geplant. Das Forschungsprojekt "Medienberichterstattung über Terrorismus und ihre Wirkung" läuft noch bis 2029. Es wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit knapp 400.000 Euro gefördert, hieß es am Montag in einer Aussendung.
Kerzen vor der Schule am Donnerstag, 12. Juni 2025, anl. einer Attacke mit zehn Todesopfern in einer Schule in Graz.






