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Fettleibigkeit verlagert sich zunehmend in ärmere Länder

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Fettleibigkeit gilt nicht mehr als Wohlstandsproblem
©APA, dpa, Waltraud Grubitzsch
Lange galt Fettleibigkeit als Wohlstandsproblem, doch die Dynamik verschiebt sich. Während der Anstieg an Adipositas in reicheren Ländern abflacht, nimmt er in vielen ärmeren Ländern erst richtig Fahrt auf. Zu diesem Schluss kommt eine neue internationale Analyse, die am Mittwoch im Fachjournal "Nature" erschienen ist.

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Ein internationales Forschungsnetzwerk, an dem auch Schweizer Forschende beteiligt waren, wertete dafür Daten von mehr als 230 Millionen Menschen aus rund 200 Ländern und Territorien aus den Jahren 1980 bis 2024 aus. Grundlage waren über 4.000 bevölkerungsbasierte Studien mit gemessenen Größen- und Gewichtsdaten.

Das Resultat: In vielen einkommensstarken Ländern, etwa in Westeuropa und Nordamerika, verlangsamte sich der Anstieg der Fettleibigkeit nach einer anfänglichen Zunahme. In Westeuropa habe sich der Anteil adipöser Menschen bei Erwachsenen bei elf bis 23 Prozent stabilisiert, bei Kindern und Jugendlichen bei vier bis 15 Prozent.

Die erste Verlangsamung des Fettleibigkeitsanstiegs trat um 1990 in Dänemark auf. Die Schweiz folgte kurz später in den 1990er-Jahren. Wie auch in vielen anderen westlichen Ländern verlangsamte sich der Anstieg zunächst bei Kindern und Jugendlichen, erst später auch bei Erwachsenen.

Anders entwickelt sich die Lage in vielen Ländern mit tiefem und mittlerem Einkommen. Dort steigen die Adipositas-Raten weiterhin stark an oder beschleunigen sich sogar. Besonders ausgeprägt ist die Zunahme laut den Forschenden in Ländern, die sich wirtschaftlich rasch verändern. Besonders betroffen sind laut den Forschenden viele Länder in Afrika, Asien, Lateinamerika sowie Inselstaaten im Pazifik und in der Karibik. In einigen Ländern liegen die Anteile adipöser Erwachsener inzwischen bei 30 bis 40 Prozent oder darüber.

Als Gründe nennen die Forschenden veränderte Lebensbedingungen: Mit wachsendem Wohlstand und zunehmender Urbanisierung werden stark verarbeitete, kalorienreiche Lebensmittel breiter verfügbar. Gleichzeitig nimmt körperliche Arbeit ab. Viele Gesundheitssysteme in diesen Ländern seien zudem schlechter auf die Folgen von Adipositas vorbereitet - etwa Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Studie widerspricht damit der Vorstellung, Adipositas sei primär ein Problem reicher Gesellschaften. Zwar bleiben die absoluten Zahlen in vielen Industrieländern hoch. Das stärkste Wachstum findet heute jedoch oft anderswo statt.

Warum sich die Entwicklung in Teilen Europas stabilisiert, lässt sich laut den Autorinnen und Autoren nicht eindeutig beantworten. Wahrscheinlich spielten mehrere Faktoren zusammen: veränderte Ernährungsgewohnheiten, mehr Sensibilisierung für Gesundheitsthemen, Präventionsprogramme in Schulen sowie politische Maßnahmen gegen stark zuckerhaltige Lebensmittel, heißt es in der Studie.

Die Autorinnen und Autoren warnen davor, von einer einheitlichen globalen Adipositas-Epidemie zu sprechen. Zwar habe die Fettleibigkeit weltweit fast überall zugenommen. Doch die Verläufe unterschieden sich heute stark von Land zu Land. Gerade darin liege eine wichtige Erkenntnis für die Gesundheitspolitik: Präventionsmaßnahmen müssten stärker an die jeweilige Situation eines Landes angepasst werden.

ARCHIV - Eine übergewichtige junge Frau sitzt am 17.01.2010 vor einer Ernährungssprechstunde auf einem Stuhl in der Klinik für Innere Medizin der Universität Leipzig. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa (zu dpa "Krebsforscher warnen vor Zeitbombe Fehlernährung" vom 17.01.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++

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