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Tatsächlich habe man vor nahezu 15 Jahren "EIN Higgs-Teilchen" gefunden - und dafür letztlich den Physik-Nobelpreis eingeheimst. Niemand könne heute sagen, ob es nicht noch andere, ähnliche Partikel aus diesem Dunstkreis gibt. Um dieser Frage nachzugehen, wählt man am nahe Genf liegenden Großforschungszentrum CERN mit dem LHC - der größten Maschine der Welt mit seinem 27 Kilometer langen Tunnel - als Herzstück einen unorthodox anmutenden Weg: Man hat den LHC vor kurzem für vier Jahre abgeschaltet.
Das brachte Thomson - seit Anfang des Jahres CERN-Chef - gleich eine Schlagzeile als der Mann ein, der den LHC abgedreht hat. Das sei zwar ein guter Aufmacher gewesen, schmunzelte der Forscher bei einem "Science Update" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien, es erzähle aber nur einen kleinen Teil der Geschichte. Tatsächlich arbeitet man an einem substanziellen Upgrade des Beschleunigers, der für Europa eine Art "Leuchtturm" sei.
Mit sechs- bis siebenfacher Leistung soll im Jahr 2030 zunächst der "High-Luminosity Large Hadron Collider" (HL-LHC) an den Start gehen. Wenn es nach den Vorstellungen der Teilchenphysik-Community geht, dann übernimmt "in der zweiten Hälfte der 2040er Jahre" der FCC. Dieser wäre eine Art Kulminationspunkt für eine "Vision für die Wissenschaft in Europa", zeigte sich der 60-jährige Brite überzeugt.
Ohne das Higgs-Boson würde es das Universum in dieser Form nicht geben, der Nachweis war dementsprechend eine "große Entdeckung" im Rahmen des gängigen Standardmodells der Teilchenphysik, so Thomson. Mit dem aufwendigen LHC-Upgrade und dem FCC hoffe man aber auch, etwas zu finden, das ein Stück weit an dem sich bisher sehr robust präsentierenden Modell kratzt, erklärte Jochen Schieck, Chef des Marietta-Blau-Instituts der ÖAW: "Wir sind ein Stück weit Opfer unseres Erfolges beim Testen des Standardmodells." Um also zu einer hypothetischen "neuen Art der Physik" zu gelangen, brauche man noch exaktere Messungen, an denen die österreichischen Physiker selbstverständlich beteiligt sein wollen.
Mit dem aus der Zusammenlegung des Instituts für Hochenergiephysik und des Stefan-Meyer-Instituts der Akademie entstandenen Institut spiele Österreich schon jetzt "eine Schlüsselrolle am CERN", sagte Schieck. Für ÖAW-Präsident Heinz Faßmann hat das Land durch die jahrzehntelange CERN-Mitgliedschaft schon sehr stark profitiert. Man stehe mit an vorderster Front in einigen Bereichen der Technologieentwicklung. Dass vor einigen Jahren laut über einen Austritt nachgedacht wurde, sei angesichts der Bilanz und Aussicht durchaus befremdlich gewesen. Ähnliches auf nationaler Ebene hochzuziehen, sei unrealistisch und mit weit mehr Geldeinsatz verbunden, als der CERN-Beitrag ausmacht.
Apropos Geld: Die Machbarkeitsstudie für den FCC leitet der österreichische Physiker Michael Benedikt. Kostenpunkt laut Thomson: rund 15 Milliarden Schweizer Franken (knapp 16 Mrd. Euro). Aktuell fehlen dem CERN-Chef rund sechs Milliarden. Für die Hälfte davon könnte die EU aufkommen. Dazu gebe es positive Signale. Die andere Hälfte könnte von privaten Geldgebern kommen. Aktuell habe man immerhin Aussichten auf knapp eine Milliarde Euro aus diesem Bereich, sagte Thomson. Bis 2028 soll die Entscheidung zu dem "höchst ambitionierten Vorhaben" fallen. Dass es klappt, "sei realistisch", eine Einigung "aber nicht um die Ecke".
Ähnliche Pläne werden momentan allerdings auch in China gewälzt, sehr konkret seien sie aktuell aber nicht, betonte Thomson. Sollte China Europa hier aber quasi überholen, sei keineswegs aller Tage Abend. Denn es sei "eigentlich fast ein Wunder, dass der LHC funktioniert". Europa habe sich hier eine ungeheure Expertise aufgebaut. Ob ein chinesisches Projekt dieser Größenordnung auch Ergebnisse liefern kann, sei völlig offen. Sollte China also schneller sein, dürfe Europa die Flinte nicht ins Korn werfen.
Apropos militärische Metaphern: Klar ist für Thomson, dass bei all den momentanen politischen Diskussionen um die militärische Nutzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Entwicklungen, CERN absolut nicht in diese Richtung tendiere. In der Grundlegung der weltweit einzigartigen, international ausgerichteten Institution im Jahr 1954 sei festgehalten worden, dass man im Grundlagenforschungsbereich tätig ist. Thomson, der am Donnerstagnachmittag im Rahmen einer Podiumsdiskussion bei den "Technology Talks Austria" spricht und am Abend einen öffentlichen Vortrag an der ÖAW mit dem Titel "Wohin steuert die Teilchenphysik?" in Wien hält, zeigte sich von dieser "weitsichtigen Entscheidung" der CERN-Gründer im Heute sehr angetan.
(S E R V I C E - ÖAW-Vortrag: https://www.oeaw.ac.at/detail/veranstaltung/wohin-steuert-die-teilchenphysik ; "Technology Talks Austria": https://technologytalks.ait.ac.at )
