Euro NCAP prüft ab 2026 die Bedienbarkeit, Studien warnen vor Blickabwendung. Hersteller holen Schalter und Drehregler zurück.
- Von der Smartphone Logik zurück zur Fahraufgabe
- Euro NCAP macht Bedienbarkeit ab 2026 zu einem Sicherheitskriterium
- Was Studien zur Ablenkung durch Bedienaufgaben zeigen
- Hersteller reagieren, aber nicht alle in die gleiche Richtung
- Gesetzliche Regulierung erhöht den Druck
- Was Käuferinnen jetzt prüfen können
Die Autoindustrie entdeckt eine alte Tugend neu: Bedienung ohne Hinsehen. Nach Jahren der Bildschirm-Euphorie wächst der Druck, zentrale Funktionen wieder über fühlbare Knöpfe und Schalter zu steuern. Treiber sind Sicherheitsdebatten, Kundenfrust und neue Bewertungsmaßstäbe, die ab 2026 spürbar werden.
Von der Smartphone Logik zurück zur Fahraufgabe
Touchscreens sind für Hersteller attraktiv, weil sie Innenräume aufgeräumt wirken lassen und Funktionen per Software nachreichen können. In der Praxis bedeutet „alles im Menü“ aber oft: Blick weg von der Straße, Suche nach Symbolen, mehrere Eingabeschritte. Diese Sekunden der Abgelenktheit summieren sich während der Fahrt und werden zum Problem, wenn während der Fahrt Temperatur, Lüfter oder anderes nachjustiert wird.
Die Kritik kommt längst nicht nur von Nostalgikern. Sicherheitsforscher und Verkehrsbehörden messen seit Jahren, wie stark visuell manuelle Bedienaufgaben die Aufmerksamkeit binden. Die zentrale Frage lautet dabei nicht, ob ein Bildschirm da ist, sondern ob häufig genutzte Funktionen ohne visuelle Kontrolle sicher erreichbar sind.


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Euro NCAP macht Bedienbarkeit ab 2026 zu einem Sicherheitskriterium
Ein wichtiger Hebel ist Euro NCAP, das European New Car Assessment Programme. Das unabhängige Testprogramm kündigte am 26. November 2025 an, seine Protokolle für 2026 zu verschärfen, um „moderne Fahrrisiken“ besser abzubilden. Ein Schwerpunkt liegt auf der Human-Machine-Interface-Bewertung, also darauf, wie Fahrerinnen und Fahrer sicher mit dem Auto interagieren.
Konkret wird ab 1. Januar 2026 ein Verfahren relevant, das „General Vehicle Controls“ bewertet. Euro NCAP macht darin klar: Für die volle Punktzahl sollen wesentliche Funktionen über direkte, taktile Bedienung erreichbar sein, statt über verschachtelte Menüs. In der Testprozedur ist zudem festgehalten, dass Bedienwege über mehrere Schritte oder ausschließlich über berührungsbasierte Flächen Abzüge riskieren.
Zur Einordnung: Euro NCAP ist nicht gesetzlich bindend. Aber die Sterne sind ein Marktstandard, der Flotten, Leasing und Marketing beeinflusst. Wer in Europa auf Topbewertungen zielt, muss die Anforderungen ernst nehmen.
Was ist Euro NCAP?
Euro NCAP (European New Car Assessment Programme) ist eine Organisation europäischer Verkehrsministerien, Automobilclubs und Versicherungsverbände mit Sitz in Brüssel. Sie testet neue Fahrzeugmodelle in Crashtests und bewertet deren Sicherheit anhand der Ergebnisse sowie vorhandener Sicherheitssysteme. Die Bewertungen sind freiwillig und dienen der Verbraucherinformation.
Seit Februar 2009 wird die Gesamtsicherheit eines Fahrzeugs mit bis zu fünf Sternen angegeben. Vergleichbar sind nur Fahrzeuge desselben Testjahrgangs.
Gegründet wurde Euro NCAP Ende 1996 für das britische Verkehrsministerium durch das Transport Research Laboratory (TRL). Später kamen weitere europäische Institutionen hinzu, darunter die International Consumer Research & Testing (ICRT) sowie Automobilclubs wie ADAC und ACI. Euro NCAP ist Mitglied von Global NCAP.
Die ersten Bewertungen erschienen 1997. Während damals vier Sterne die höchste Wertung waren, erreichten 2001 erstmals Fahrzeuge fünf Sterne. Heute ist dieses Niveau beim Insassenschutz Standard. Die Testkriterien werden laufend an neue Unfallanalysen angepasst und erweitert. Neben Crashtests fließen mittlerweile auch aktive Sicherheitssysteme in die Gesamtbewertung ein.
Was Studien zur Ablenkung durch Bedienaufgaben zeigen
Die US Verkehrssicherheitsbehörde National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) arbeitet seit Jahren mit Akzeptanzkriterien für visuell manuelle Aufgaben. In den Richtlinien werden als Orientierungswerte genannt: einzelne Blickabwendungen von höchstens 2 Sekunden und eine kumulierte Blickzeit weg von der Fahrbahn von höchstens 12 Sekunden – sonst soll eine Aufgabe während der Fahrt im Zweifel gesperrt werden.
Die AAA Foundation for Traffic Safety hat 2019 im Rahmen eines On-Road-Tests zusätzlich Altersunterschiede betont. In einer Mitteilung heißt es, ältere Fahrerinnen und Fahrer (55 bis 75 Jahre) hätten im Schnitt „mehr als acht Sekunden länger“ die Augen und Aufmerksamkeit von der Straße genommen als Jüngere (21 bis 36 Jahre), selbst bei einfachen Aufgaben wie Navigation programmieren oder Radio einstellen. Im selben Kontext wird darauf hingewiesen, dass bereits zwei Sekunden Blick weg das Unfallrisiko verdoppeln können.
Diese Befunde erklären, warum fühlbare Bedienelemente zurückkehren: Sie ermöglichen Muskelgedächtnis und Rückmeldung über Form, Druckpunkt und Weg. Ein Touchscreen kann das nur begrenzt ersetzen, selbst mit Haptik-Simulation.


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Hersteller reagieren, aber nicht alle in die gleiche Richtung
Volkswagen gehört zu den Konzernen, die den Kurswechsel offen eingestehen. Designchef Andreas Mindt sagte Autocar am 6. März 2025, künftige Modelle sollten für die „fünf wichtigsten Funktionen“ wieder physische Tasten bekommen, ausdrücklich genannt werden Lautstärke, Heizung links und rechts, Lüfter und Warnblinker. Und: Man werde diesen Fehler „nie wieder“ machen.
Auch Hyundai verweist auf Kundenrückmeldungen. Der Designchef für Nordamerika wird Medienberichten zufolge damit zitiert, dass Fokusgruppen die Touch-Bedienung als stressig empfunden hätten, wenn in einer Situation „auf die Schnelle“ etwas geregelt werden müsse.
Gleichzeitig gibt es Gegenbewegungen. BMW zeigte rund um seine Panoramic-iDrive-Strategie, wie stark manche Hersteller auf große Displays und neue Sprachassistenten setzen. TechRadar berichtet Anfang Januar 2026 über ein System, das den klassischen Drehregler ersetzt und stärker auf Touch und Sprache baut.
Gesetzliche Regulierung erhöht den Druck
Neben Testprogrammen wirkt in Europa die Gesetzgebung. Die Verordnung (EU) 2019/2144, häufig als General Safety Regulation bezeichnet, schreibt schrittweise neue Assistenz und Warnsysteme vor. In der konsolidierten Fassung sind unter anderem ein „advanced driver distraction warning“ sowie ein „driver drowsiness and attention warning“ als verpflichtende Systeme aufgeführt.
Was Käuferinnen jetzt prüfen können
Wer 2026 oder später ein Auto kauft, wird sehr wahrscheinlich mehr Mischformen sehen: Touchscreens bleiben, aber daneben kehren Schalterleisten, Drehregler und echte Lenkradtasten zurück. Entscheidend ist weniger, wie groß der Bildschirm ist, sondern wie viele Kernfunktionen ohne Menüsuche erreichbar sind. Der Trend ist real, aber nicht einheitlich, und manche Marken setzen weiterhin auf Software und Sprache als Lösung.
Wenn Euro NCAP Bedienbarkeit stärker in die Sterne übersetzt, dürfte der Druck auf die Branche zunehmen, weil Sterne in Europa ein Verkaufsargument bleiben. Für die Verkehrssicherheit wäre das ein ungewöhnlich analoger Fortschritt: weniger Wischen, mehr Greifen.






