ABO

26 Prozent glauben laut Studie an "Opferthese"

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
3 min
Heute informieren vor allem Schulen und Gedenkstätten wie Mauthausen
©APA/APA/THEMENBILD/BARBARA GINDL, Themenbild, Barbara Gindl
Die Beliebtheit der "Opferthese" über die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus hat über die letzten Jahrzehnte abgenommen. 2026 gab in einer Umfrage mit 26 Prozent ein Viertel an, dass Österreich das erste Opfer Hitlerdeutschlands war. 2008 glaubte das mit 33 Prozent ein Drittel, 1987 mit 48 Prozent knapp die Hälfte, wie eine Studie des Analytix-Instituts anlässlich der Novemberpogrome 1938 zeigt. Die damaligen Gewaltakte an Juden jähren sich Montagnacht zum 88. Mal.

von

News auf Google bevorzugen

Die Studie vergleicht repräsentative Umfragen aus drei Jahren. Befragt wurden 1987 sowie 2026 je 1.000 und 2008 500 wahlberechtigte Österreicherinnen und Österreicher (Schwankungsbreite: 3,1 bzw. 4,4 Prozentpunkte). Mit 59 Prozent war bei der heurigen Befragung die Mehrheit davon überzeugt, dass Österreich Mittäter war. 2008 dachten das noch 48, 1987 gar nur 24 Prozent.

Die erste Umfrage 1987 fand laut den Autoren Johannes Klotz und Reinhard Heinisch zu Beginn eines "erinnerungspolitischen Umbruchs" statt. Österreich galt nach dem Zweiten Weltkrieg lange als erstes Opfer. Wendepunkt war die Waldheim-Affäre im Jahr 1986, die die Öffentlichkeit mit der Frage individueller und gesellschaftlicher Verstrickung konfrontiert habe. 1991 bekannte der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) dann im Nationalrat eine Mitverantwortung von Österreichern für die Verbrechen des Nationalsozialismus. Restitution, Entschädigung und Holocaust-Erinnerung folgten.

Überhaupt etwas mit dem Datum März 1938 zu verbinden, gaben 1987 73 Prozent an, 2008 55 Prozent und 2026 66 Prozent. Heuer fühlten sich 63 Prozent der Probanden über die Ereignisse im März 1938, als Österreich an Deutschland angeschlossen wurde, sehr gut oder eher gut informiert, 33 Prozent weniger oder überhaupt nicht gut. "Die Daten zeigen, dass die österreichische Erinnerungskultur nicht in Richtung Vergessen geht", stellte Klotz fest.

"Gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verschwindet nicht, wenn die Zeitzeugen verschwinden", betonte auch Heinisch. Vielmehr gewinnen Institutionen laut der Studie gegenüber persönlicher Überlieferung an Bedeutung. Ihr Wissen über den März 1938 beziehen 61 Prozent der 2026 Befragten aus der Schule, ebenso viele aus den klassischen Medien. 40 Prozent haben ihre Informationen aus Museen und Gedenkstätten, 28 Prozent von Freunden und Familie und 12 Prozent aus Sozialen Medien. Die Ergebnisse würden nahelegen, die bestehende Bildungsinfrastruktur weiterzuentwickeln, heißt es im Paper.

In etwa gleich geblieben sind die Antworten zur Frage nach der damaligen Einstellung der Österreicher zum Anschluss an Nazideutschland. Dass die Mehrheit dafür war, glaubten 1987 und 2026 59 Prozent. Dass die Mehrheit dagegen war, meinten 1987 16 Prozent, 2026 25 Prozent.

Verändert hat sich hingegen die hypothetische Einschätzung des eigenen Verhaltens. Gefragt, wie sie selbst im März 1938 gehandelt hätten, meinten 2026 35 Prozent der Probanden, dass sie es nicht wissen oder machten keine Angabe (1987: zehn Prozent). 34 Prozent glauben, sie hätten sich mit der Situation abgefunden (1987: 50 Prozent), 21 Prozent, sie hätten öffentlich gegen den Anschluss protestiert (1987: 14 Prozent), sechs Prozent, sie hätten den Anschluss begrüßt (1987: 21 Prozent) und vier Prozent, sie hätten bewaffneten Widerstand geleistet (1987: fünf Prozent). Durch den zeitlichen Abstand hätten immer weniger Befragte eine unmittelbare biografische oder familiäre Vorstellung davon, wie sie selbst unter diktatorischen Bedingungen gehandelt hätten, schlossen die Forscher.

Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER