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An der französischen Cote d'Azur gewann der Film bei den diesjährigen Filmfestspielen den Hauptpreis in der prestigeträchtigen Nebenreihe Un Certain Regard. Es ist der dritte Spielfilm der 1983 in Leoben geborenen Wahl-Berlinerin Wollner nach "Das unmögliche Bild" und "The Trouble with Being Born".
"Everytime" erzählt feinfühlig von Trauer und Verlust und lässt in warmen Farben (Kamera: Gregory Oke) die Realität mit der Vergangenheit, Videoaufnahmen mit Erinnerungen verschmelzen. In dem Film geht es um Ella und ihre jüngere Tochter Melli, die ein Jahr nach dem plötzlichen Tod der älteren Tochter Jessie versuchen, ihren Alltag zu bewältigen. Die Trauer zeigt sich in kleinen Gesten, alten Nachrichten und Videoaufnahmen. Eine Reise nach Teneriffa mit Jessies Freund Lux bringt verdrängte Gefühle und Erinnerungen wieder an die Oberfläche. Die Hauptrollen spielen Birgit Minichmayr, Carla Hüttermann und Tristán López.
"Mit 'Everytime' gelingt der Regisseurin und Autorin Sandra Wollner das Kunststück, mit rein filmischen Mitteln und einer überraschenden Leichtigkeit Trauer als Zustand einer aus den Fugen geratenen Welt erlebbar zu machen", hieß es in der Jury-Begründung. "Die herausragende Kameraarbeit erzeugt eine flirrende, bisweilen entrückte Atmosphäre, ohne sich vor die Figuren zu drängen"
Die Jury lobte auch das Schauspielensemble. Und fuhr fort: "Elegant mit Form und narrativen Ellipsen spielend, erzählt 'Everytime' von den Zwischenräumen des Verlustschmerzes. Beinahe unmerklich fließen Erinnerung und Gegenwart, Realität und Imagination ineinander und machen diesen Film zu einem großen poetischen Kino-Erlebnis."
Dieses Jahr ist es erstmals möglich, dass drei deutsche Produktionen ins Rennen um die oft "Auslands-Oscar" genannte Auszeichnung gehen. Das liegt an einer Regeländerung: Seit diesem Jahr sind Werke, die bei bestimmten Filmfestivals Hauptpreise gewonnen haben, automatisch für die Einreichung als "Bester internationaler Film" qualifiziert.
Dieses Jahr sind das "Gelbe Briefe" von İlker Çatak (Goldener Bär bei der Berlinale) und "Von Scham und Geld" von Visar Morina (World Cinema Grand Jury Prize beim Sundance Festival). Die Produktionsfirmen dieser hauptsächlich in Deutschland produzierten Filme müssen diese aber noch formal einreichen. Das gilt als Formsache.
In İlker Çataks "Gelbe Briefe" verliert ein türkisches Künstlerpaar durch staatliche Repression seine berufliche Existenz. Die beiden sind Eltern einer Teenager-Tochter und müssen entscheiden, ob es besser ist, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen oder klein beizugeben und zu schweigen.
In Visar Morinas "Von Scham und Geld" zieht eine kosovarische Familie nach dem Verlust ihrer Lebensgrundlage in die Hauptstadt. Zwischen finanzieller Not, verletztem Stolz und wachsender Abhängigkeit von Verwandten versucht der Familienvater, Würde und Zusammenhalt zu bewahren.
Wollner, die auch Drehbuchautorin von "Everytime" war, sowie die Produzenten des Films teilten gemeinschaftlich mit: "Wir fühlen uns sehr geehrt, in diesem Jahr Teil der deutschen Oscar-Vorauswahl zu sein. Gerade in einem Moment, in dem der deutsche Film durch starke Autorenhandschriften wieder internationale Sichtbarkeit erlangt hat, freuen wir uns, diese Ehre mit unseren geschätzten Kolleg:innen von 'Gelbe Briefe' und 'Shame und Money' (internationaler Titel, Anm.) zu teilen."
Zusammen mit dem Film, den die unabhängige Jury aus den bei German Films eingereichten Filmen ausgewählt hat, könnten diese drei Filme auf die Shortlist für den "Besten internationalen Film" kommen, wenn eine Jury aus Academy-Mitgliedern diese auswählt. Diese Shortlist mit 15 Filmen wird am 15. Dezember veröffentlicht.
Aus der Shortlist werden die fünf Filme ausgewählt, die für einen Oscar nominiert werden. Diese werden am 21. Jänner bekanntgegeben. Die 99. Oscar-Verleihung findet dann am 14. März 2027 (Ortszeit, MEZ in der Nacht auf Montag), in Los Angeles statt.
Es gibt beim "Auslands-Oscar" eine wichtige Neuerung. Die Academy hat die Rolle der Filmschaffenden in der Kategorie stark aufgewertet. Ab sofort gilt der Film selbst als der offizielle Nominierte und nicht mehr das jeweilige Land. Den Oscar nimmt der Regisseur oder die Regisseurin stellvertretend für das gesamte kreative Team entgegen.
