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Leitartikel: Gleichberechtigung nach Bedarf

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Kathrin Gulnerits

©Bild: Matt Observe

Die aktuelle Debatte über Frauen beim Heer ist bequem. Sie ersetzt die unbequemen Fragen nach echter Gleichstellung und nach der Verteidigungsfähigkeit eines Landes, das sich auch im Jänner 2026 lieber weiter wegduckt, als endlich Farbe zu bekennen.

Gasmaske in der einen Hand, Handgranaten-Attrappe in der anderen. So sah sie aus, die gelebte Gleichberechtigung in der DDR: zwei Wochen Zivilverteidigung in einer Uniform aus graugrüner Baumwolle, in der 9. und 10. Klasse. Die Jungs in einem Lager, wir Mädchen in der Schule. Bunkerbau, Marschlieder, Robben im Dreck, Exerzieren im Schulhof. Eskaladierwand am Schluss – zwei Meter hoch. Vaterlandsverteidigung mit Geschlechterzwang. Widerstand war nicht vorgesehen. Wir waren Mädchen. Wir hatten keine Wahl.

Und heute? In Österreich wird gerade mit auffälliger Leidenschaft darüber diskutiert, ob „die Mädchen“ zum Heer sollen. Es geht auch um sie. Aber natürlich nicht nur. Geht es nach der Wehrpflichtkommission, sollen Wehr- und Zivildienst grundlegend umgebaut werden: längerer Grundwehrdienst, verpflichtende Milizübungen, Stellungspflicht für Frauen, freiwilliger Wehrdienst für Ausländer. Einiges davon wäre bis 2027 umsetzbar. Wenn man will. Wohl wissend, dass man muss. Es ist ein ernst gemeinter Versuch, ein System neu zu justieren, das mit der sicherheitspolitischen Realität nicht mehr Schritt hält.

Was dominiert die öffentliche Debatte? Nicht die Frage, wie ein verteidigungsfähiges Österreich aussehen könnte oder welche Verantwortung dieses Land im Rahmen der EU übernehmen will. Sondern die Aufregung darüber, dass es nun auch Frauen treffen könnte. Gleichberechtigung, heißt es plötzlich. Wenn Männer länger müssen, sollen Frauen auch ran. Das ist Gleichberechtigung nach Bedarf. Denn wenn es um Gleichstellung im Arbeitsleben geht, um Löhne und Gehälter, um Macht und Aufstiegschancen, wird es in diesem Land auffallend still. Da wird Gleichheit plötzlich zur Zumutung für ein System, das lieber an alten Rollen festhält, als Verantwortung neu zu verteilen. Übrig bleibt vor allem Achselzucken: War halt schon immer so.

Selektive Gleichberechtigung

Nur 16 Prozent der Väter in Österreich gehen in Karenz. Ein Prozent bleibt länger als sechs Monate. Das hat bislang kaum jemanden aufgeregt – auch nicht jene, die jetzt lautstark „Gleiche Rechte, gleiche Pflichten!“ fordern und in ihrer Argumentation ganz dick auftragen: Ein Wehrdienst von Frauen sei überhaupt ein riesiger Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Es sind meist jene Männer, die sich sonst nicht als Fürsprecher der Gleichstellung hervortun, die jetzt plötzlich den Gleichheitsgrundsatz entdecken. Allerdings nur dort, wo Gleichheit anderen etwas aufbürdet. Nicht dort, wo sie selbst etwas abgeben müssten.

Gleichberechtigung, die nur dort eingefordert wird, wo sie politisch billig zu haben ist, ist keine

Ebenfalls bemerkenswert ist der Aufschrei, dass bei einem längeren Wehrdienst Männer ja auch länger den Unternehmen fehlen würden. Unerhört und schwer vorstellbar. Ich erinnere mich freilich an keine Diskussion, wo diesbezüglich die Frauen – Stichwort Karenz – im Mittelpunkt standen. Ihr „Ausfall“ ist gesellschaftlich eingepreist. Egal, wie lange er dauert. Auch, weil es dafür noch immer zu viele hausgemachte Gründe – Stichwort fehlende Kinderbetreuung – gibt.

Wir und die Norweger

Man(n) kann über alles reden. Auch über Frauen beim Heer. Doch bevor wir über Gleichstellung im Tarnanzug diskutieren, müssen wir sie dort schaffen, wo sie wirklich etwas verändert: in der Arbeitswelt, in der Familienpolitik, im gesellschaftlichen Alltag. Und wer auf Norwegen oder Schweden verweist – wo Frauen zum Wehrdienst einberufen werden –, sollte dazusagen, was diese Länder in Sachen Karenz, Lohntransparenz und Gleichstellung sonst leisten. Gleichberechtigung, die nur dort eingefordert wird, wo sie politisch billig zu haben ist, ist keine.

„Die Weltordnung ändert sich. Wir sind Teil der Europäischen Union und dort sollten wir auch bleiben – im Sinne der Bündnis- und Verteidigungspolitik“, sagte Christian Stocker am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Das klingt nach Einsicht, ist aber mit Blick auf die innenpolitische Wirklichkeit schwer ernst zu nehmen. Eine gemeinsame Verteidigungspolitik wird nicht einmal diskutiert. Stattdessen wird ausgewichen und auf Zeit gespielt. Aus Feigheit, aus Bequemlichkeit oder aus innenpolitischem Kalkül.

Verantwortungslos einfach

Das Land steht sicherheitspolitisch zwischen der EU, der es sich verpflichtet fühlt, der NATO, auf deren Schutz es hofft, und einer eigenen Verteidigung, die es vernachlässigt. Nur 14 Prozent wären laut Umfragen überhaupt bereit, Österreich im Ernstfall zu verteidigen. Nur 16 Prozent eines Jahrgangs gehen heute noch zum Bundesheer. Die Mehrheit macht Zivildienst, ist untauglich oder kein Staatsbürger.

Die Verteidigungsfähigkeit? Ein Mythos. Fast grotesk wirkt es, wenn in diesen Tagen Berichte über die Neuaufstellung des Wehrdiensts mit Fotos von Gardesoldaten garniert werden. Nasen keck in den Himmel gereckt: „Wir sind wer!“ Doch wie viel Sicherheit kann der Staat in seiner jetzigen Verfasstheit und mit seinem Bundesheer den Österreicherinnen und Österreichern und all jenen bieten, die in diesem Land leben?

In komplexen Zeiten sind die derzeitigen Antworten politisch verantwortungslos einfach.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 05/2026 erschienen.

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