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Leitartikel: Die ewigen Comebacks der österreichischen Politik

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Renate Kromp

©Matt Observe

Warum fällt es Männern, die in der Spitzenpolitik ihre Chance gehabt haben, so schwer zu akzeptieren, dass es vorbei ist? Warum nehmen sich Frauen nach ihrem Ausstieg aus der Politik nicht so wichtig? Und - Anmerkung zum Frauentag: Kommt in der SPÖ noch einmal eine Frau an die Spitze?

Männer, die ihre Chance gehabt haben, finden in Österreichs politischer und in der medialen Landschaft immer noch ihr warmes Plätzchen der Aufmerksamkeit.

Die Bühne für alte Namen

Christian Kern etwa hat sich 2016 nach längerem innerparteilichem Lobbyieren an die Spitze der SPÖ und ins Kanzleramt befördert. In der Regierung blieb er gut eineinhalb Jahre lang. Er verlor nach missglücktem Wahlkampf die Nationalratswahl 2017, grummelte ein knappes weiteres Jahr als Oppositionschef im Parlament vor sich hin und legte schließlich einen derart ungeordneten Rücktritt hin, dass die SPÖ an dessen Nachwirkungen bis heute laboriert.

Dennoch wollte er es Anfang des Jahres noch einmal wissen und es fanden sich tatsächlich Menschen in der SPÖ, deren Gedächtnis kurz genug – oder deren Unzufriedenheit mit dem Status quo groß genug – war, um sich den Bahnmanager wieder an der Parteispitze zu wünschen. Die Medien berichteten darüber ausführlich und gerne.

Oder Sebastian Kurz: Etwa gleichauf mit Kern begann er seinen strategisch gut geplanten Aufstieg an die ÖVP-Spitze. Im Gegensatz zu Kern gewann er Wahlen. Nach und nach trat jedoch zutage, mit welchen Methoden in seinem Umfeld gearbeitet wurde. Historisch einmalig: eine Hausdurchsuchung, veranlasst durch die WKStA, im Kanzleramt.

Grünen-Chef Werner Kogler legte Kurz den Rücktritt nahe und dieser ging tatsächlich. Seither geistern Kurz und seine vermuteten oder tatsächlichen Rückkehrpläne durch die innenpolitische Szene und die Medien. Der Altkanzler gibt gerne Interviews, in denen er Donald Trump und den Rest der Welt erklärt. Natürlich: Unter ihm war alles besser.

Vor einem Jahr, nach dem Rücktritt Karl Nehammers, schien man in der ÖVP knapp daran, zumindest enge Vertraute Kurz’ in Regierung und Partei zu holen und ihn selbst wieder die Strippen ziehen zu lassen. Der innerparteilich etwas autoritäre Führungsstil mit Durchgriffsrechten und der Nominierung „steuerbarer“ Personen für diverse Ämter sowie die Flutung der Medien mit SNU („strategisch notwendiger Unsinn“) werden von manchen gern verdrängt.

Oder Herbert Kickl. Der führt natürlich mit seiner FPÖ nach wie vor haushoch in allen Umfragen. Aber auch er hatte seine Chance: Anfang 2025 Bundeskanzler zu werden. Er setzte die Verhandlungen mit der ÖVP allerdings in den Sand. Schon im Wahlkampf hatte man das Gefühl, dass „Kompromiss“ eher nicht zu seinem Wortschatz gehört, heute verkauft er sich bei seiner Anhängerschaft als „grader Michl“ und diese Unfähigkeit zum Kompromiss als Konsequenz und Ehrlichkeit.

Doch zum Jahrestag der Angelobung von Schwarz-Rot-Pink litt der blaue Parteichef offenbar unter dem Aufmerksamkeitsdefizit. Der sonst so Systemmedienscheue gab der „Kronen Zeitung“ ein Interview. Er rechne mit vorgezogenen Wahlen 2028. Und er sei längst im Gespräch mit der „Schatten-ÖVP“ und Kurz. Ein innenpolitisches Schauermärchen, gedacht dazu, in der momentan halbwegs ruhigen ÖVP Unruhe zu stiften und Schlagzeilen zu bekommen. Auch mit SPÖlern rede er, so Kickl. Aber die SPÖ stiftet ihre innerparteiliche Unruhe schon allein, da braucht es keine klandestinen Andeutungen.

Die SPÖ und ihr Dauerstreit

Womit wir bei Andreas Babler wären. Der hat zunächst seine Chance gewahrt, an der Spitze seiner Partei zu bleiben. Diesen Samstag steht beim SPÖ-Bundesparteitag seine Wiederwahl an. Kern als Gegenkandidaten hat er ausgesessen. Weitere Bewerber zeichneten sich nicht ab, was bei einer Partei der Größe und Geschichte der SPÖ alarmierend sein müsste. Die Zahl jener, die verdeckt oder offen an Bablers Stuhl sägen, übersteigt die Zahl seiner potenziellen Nachfolgerinnen und Nachfolger bei Weitem.

Man kann Bablers Steherqualitäten anerkennen. Er ist seit seiner Wahl mit innerparteilichem Gegenwind konfrontiert. Er hat die Nationalratswahl verloren. Aber er hat es in der zweiten ­Auflage der Regierungsverhandlungen geschafft, sein Regierungsteam weitgehend nach seinem Gusto zusammenzustellen. Die SPÖ hat einige Duftmarken im ersten Regierungsjahr hinterlassen. Bablers Medien-Reformpläne bringen ihn unter Dauerfeuer mancher Boulevard-Medien und er hält das aus.

Aber: Dass er und seine Parteifreunde noch echte Freunde werden, ist eher nicht zu erwarten. Bablers Verantwortung und auch seine Chance auf gute Nachrede wären, an die Zeit nach sich zu denken und jemanden aufzubauen.

Ein Gegenentwurf

Bei dieser Gelegenheit: Derzeit gibt es in der SPÖ – trotz ihrer Verdienste um Chancengleichheit – keine einzige Landesparteivorsitzende. Die Frauenquote im Nationalrat ist durch den Wechsel von Elke Hanel-Torsch in die Wiener Stadtregierung unter 40 Prozent gerutscht. Das ist blamabel. Und ärgerlich, wie SPÖ-Frauenministerin Eva Maria Holzleitner anmerkt. Sie, aber auch ihre Regierungskollegin Staatssekretärin Michaela Schmidt, machen einen soliden Job und würden sich für höhere Aufgaben empfehlen.

Bei der Gelegenheit: Ihre Chance an der Spitze der SPÖ hatte Pamela Rendi-Wagner. Seit ihrem Abgang reüssiert die Medizinerin als Direktorin des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten ECDC. Heischt sie um Aufmerksamkeit in Österreichs Politik? Nein.

Was für ein wohltuender Kontrast.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 10/2026 erschienen.

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