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ORF-Stiftungsrat: Ingrid Thurnher ist neue vorläufige ORF-Chefin

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©IMAGO / K.Piles

Ingrid Thurnher übernimmt interimistisch die Führung des ORF. Der Stiftungsrat betraute sie einstimmig mit der Leitung nach dem Rücktritt von Generaldirektor Roland Weißmann.

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Der ORF-Stiftungsrat hat am Donnerstag Ingrid Thurnher mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des ORF-Generaldirektors betraut. Die Abstimmung in einer Sitzung des 35-köpfigen obersten ORF-Gremiums fiel einstimmig aus. Der Schritt wurde nötig, da Roland Weißmann am Sonntag von der Spitze des öffentlich-rechtlichen Medienhauses zurückgetreten ist. Ausschlaggebend waren Vorwürfe der sexuellen Belästigung, die Weißmann zurückweist.

Eine Ausschreibung für den ORF-Generaldirektorenposten bis Jahresende kündigte ORF-Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer für die nahe Zukunft an. Es ist anzunehmen, dass sich Thurnher, die auch ORF-Radiodirektorin ist, dafür bewirbt. Wenig später erfolgt Anfang Mai die Ausschreibung für die eigentliche fünfjährige Generaldirektor-Funktionsperiode ab 2027. Bis dahin hätte Weißmann Österreichs größtes Medienhaus steuern sollen.

Thurnher blickt auf 40 Jahre im ORF

Thurnher ist eines der bekanntesten Gesichter des ORF und ließ in ihrer 40-jährigen Karriere kaum eine Station im größten Medienhaus des Landes aus. Der Weg der Vorarlbergerin führte sie von der TV-Ansagerin, dem NÖ-Landesstudio und der Innenpolitikredaktion beim Hörfunk über Moderationen in der „ZiB“, „ZiB2“ sowie „Im Zentrum“ bis zur Chefredakteurin bei ORF III und schließlich zur Radiodirektion.

Der ORF-Stiftungsrat habe sich für sie entschieden, weil sie die „öffentlich-rechtliche DNA“ in sich trage. Sie habe stets die Unabhängigkeit an oberste Stelle gesetzt und sei eine hervorragende Chefredakteurin und Direktorin gewesen, hieß es bereits am Mittwoch bei einem Pressegespräch des Stiftungsratsvorsitzenden Lederer und seines Stellvertreters Gregor Schütze.

Westenthaler fordert: "Alles auf den Tisch"

Vor Sitzungsstart trat Stiftungsrat Peter Westenthaler vor die zahlreich anwesenden Pressevertreter und forderte, dass „alles auf den Tisch“ müsse. Der von der FPÖ in das oberste ORF-Gremium entsandte Stiftungsrat sieht den Ruf des ORF durch die Causa „angeschlagen, um nicht zu sagen zerstört“. In der Sitzung wollte er auch die Rolle des ORF-Managers Pius Strobl durchleuchten, der angeblich in die Causa verwickelt sein soll.

Strobl: Betroffene nicht motiviert

Strobl äußerte sich am Donnerstag in einem „Standard“-Interview zur Causa. Dabei bestätigte er, dass Weißmann eine ihm vom früheren ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz vertraglich zugesicherte Pensionsregelung nicht umsetzen wollte und er sie nach seinem ORF-Abschied Ende 2026 einklagen müsste. Die letzte Korrespondenz dazu habe aber bereits 2023 stattgefunden. Die Weißmann angelasteten Vorkommnisse würden in keinem Zusammenhang mit seiner beruflichen Tätigkeit stehen. „Täter bleibt immer noch Täter“, hielt Strobl fest. Für Weißmann gilt die Unschuldsvermutung.

Strobl bestätigte, dass er denselben Anwalt wie die Frau habe, die sich mit den gegen Weißmann gerichteten Vorwürfen an die Stiftungsratsspitze gewandt hatte. Er dementierte jedoch, dass er sie zur Erhebung der Vorwürfe motiviert habe. „Die betroffene Frau braucht(e) meine Motivation nicht, sondern nur ihren persönlichen großen Mut für diesen Schritt. Auch wenn 'altes Denken' dazu führt, dass manche Kreise auch im Haus ORF allzu gerne die 'Opfer-Täter-Umkehr' mit großer Intensität betreiben“, so Strobl.

Anpassung der Geschäftsordnung

In der Stiftungsratssitzung ist auch eine Anpassung der Geschäftsordnung Thema. Geplant ist, eine straffere Debattenführung zu ermöglichen. Im Falle von hartnäckigen Störungen können künftig auch Ordnungsrufe und der Entzug des Rederechts erfolgen. Zur Abkühlung der Gemüter soll es auch möglich sein, eine Sitzung zu unterbrechen. Westenthaler befürchtet, dass durch die neue Geschäftsordnung eine „Diktatur ausbricht“.

Lederer hat am Mittwoch betont, dass die Änderungen an der Geschäftsordnung kein „Alleinwerk“ seien, sondern es eine breite Debatte dazu gegeben habe. Auf die Mitnahme von Maulkorb und Peitsche in die Gremiensitzungen wolle er verzichten. Er geht davon aus, dass Ordnungsrufen Folge geleistet werde und nicht länger Kollegen angeschrien oder unter Druck gesetzt werden. Das Verhalten von Westenthaler hatte in vergangenen Sitzungen mehrfach für Unmut unter anderen Stiftungsräten gesorgt.

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