Spione, Desinformation und ein unfaires Wahlrecht: Viktor Orbáns Fidesz kämpft vor den ungarischen Wahlen mit allen Mitteln gegen die Opposition von Péter Magyar.
Schaut man nur auf die Umfragen, scheint alles klar zu sein: Die Oppositionspartei Tisza mit Péter Magyar liegt zwei Wochen vor der ungarischen Parlamentswahl am 12. April nahezu uneinholbar vor Viktor Orbáns Fidesz. Aber gar nichts ist klar.
Denn die Fidesz und der Staat sind in Ungarn nach 16 Jahren absoluter Mehrheit nahezu eins geworden. Die Fidesz wird deshalb im Volksmund gerne „Hatalom“, also „die Macht“ genannt. Und so soll es auch bleiben, Wahl hin, Péter Magyar her. Dafür soll die „Macht“ sogar die staatlichen Geheimdienste auf die Opposition angesetzt haben.
Sextapes und andere wilde Geheimdienst-Plots
Was sich wie eine Verschwörungstheorie liest, ist mittlerweile gut belegt. Anfang Februar zirkulierten im Netz Fotos eines Schlafzimmers, dazu Andeutungen, dass sie aus einem Sexvideo mit dem Oppositionskandidaten Péter Magyar stammen. Kurz darauf bestätigte Magyar, dass ein solches Video existiert. Er gab an, seine damalige Freundin Evelin Vogel habe ihn im August 2024 nach einer Party in eine Budapester Wohnung geführt, wo die beiden einvernehmlichen Sex gehabt haben sollen. Er habe erst später bemerkt, dass er auf eine „klassische Kompromittierungs-Operation russischen Stils“ hereingefallen sei, sagte Magyar in einem Social-Media-Video. Das Treffen soll mithilfe von „Geheimdienstmethoden“ aufgezeichnet worden sein, er habe „nichts Illegales“ getan.
Die Hinweise, dass tatsächlich Geheimdienste hinter der Geschichte standen, verdichteten sich vergangene Woche. Da förderte das Investigativmedium Direkt36 Bemerkenswertes zutage.
Fragwürdige Geheimdienstoperation
Von Anfang an: Vergangenen Sommer informierte der Geheimdienst AH die ungarische Polizei, dass gegen zwei Männer der Verdacht bestehe, sie würden Kinderpornografie produzieren. Die Polizei durchsuchte daraufhin deren Wohnung und Büro. Und stellte überrascht fest: Bei den beiden Männern handelte es sich um Tisza-Angehörige, die zentrale IT-Systeme der Oppositionsplattform verwalteten. Kinderpornografie fanden die Ermittler bei ihnen nicht – stattdessen aber Hinweise darauf, dass die beiden dabei waren, eine Geheimdienstoperation zur Unterwanderung von Tisza-IT-Systemen aufzudecken.
In den Dateien, die bei der Hausdurchsuchung beschlagnahmt wurden, fanden die Ermittler nämlich Chatnachrichten zwischen einem Mann, der als „Henry“ auftrat, und einem der Tisza-IT-Spezialisten, der sich „Gundalf“ nannte. „Henry“ versuchte offenbar, Zugang zu Tisza-Systemen wie einem Server auf der Chat-Plattform Discord und der parteieigenen App „Tisza Vilag“ zu erlangen, sensible Daten zu veröffentlichen und Tiszas Kommunikation lahmzulegen. „Gundalf“ hatte offenbar vorgegeben, mit „Henry“ kooperieren zu wollen – tatsächlich wollte er „Henry“ gemeinsam mit seinem Tisza-Kollegen enttarnen. Dafür hatten die beiden offenbar eine versteckte Kamera in einen Gürtel eingebaut, um „Henry“ bei einem anstehenden Treffen zu filmen.
Als die Polizei Ermittlungen gegen „Henry“ einleiten wollte, übte der ungarische Inlandsnachrichtendienst AH offenbar Druck aus, diese fallen zu lassen – und stattdessen die beiden Tisza-IT-Spezialisten für den Bau der versteckten Kamera zu verfolgen. Und zwar wegen „illegalem Handel mit Militärtechnologie“.


Vergangene Woche veröffentlichte Direkt36 dann ein Video-Interview mit Bence Szabó, einem ehemaligen Polizisten der Einheit für Internetkriminalität. Szabó war in den Fall involviert. Er sagte, seine Vorgesetzten hätten ihm nicht erlaubt, den Hinweisen auf eine Geheimdienstoperation gegen Tisza nachzugehen. In Meetings der Bundespolizei sei aber offen darüber gesprochen worden, dass „es möglicherweise wirklich eine Spezialeinheit des Geheimdiensts gibt, die unter der Kontrolle eines bestimmten Ministers oder Staatssekretärs steht“.
Szabó bestätigte auch, dass Péter Magyars ehemalige Freundin – mit der er auf dem bis heute nicht aufgetauchten „Sextape“ zu sehen sein soll – nach Informationen der Polizei Teil eines gegen Tisza agierenden „Teams“ gewesen sei. Laut Szabó soll Vogel monatlich fünf Millionen Forint, umgerechnet 12.800 Euro, für ihre „Dienste“ erhalten haben. Vogel bestreitet die Vorwürfe. Szabó wurde mittlerweile selbst Ziel einer Hausdurchsuchung, einer Entlassung durch die Polizei ist er mit einer Kündigung zuvorgekommen.
Fake-Attentat auf Orbán geplant
Zur Wahlkampfhilfe der eigenen Geheimdienste kommt wohl auch die des russischen Auslandsgeheimdiensts SWR. Laut Recherchen der Washington Post sollen SWR-Agenten einer Spezialeinheit für politische Beeinflussung vorgeschlagen haben, ein Attentat auf Viktor Orbán zu inszenieren. So sollte der Verlauf des Wahlkampfs „fundamental verändert werden“, zitiert die Post einen internen SWR-Bericht, den sie von einem europäischen Nachrichtendienst zugespielt bekommen haben will. „Ein solcher Vorfall wird die Wahrnehmung des Wahlkampfs von der rationalen Sphäre sozioökonomischer Fragen hin zu einer emotionalen verschieben, wobei die zentralen Themen Staatssicherheit sowie Stabilität und Verteidigung des politischen Systems sein werden.“
So weit ging Russland bisher nicht. Deutlich spürbar ist in Ungarn aber der russische Einfluss in den sozialen Medien. „Man kann Russland überall in Ungarn und in den sozialen Medien spüren“, sagt Ádám Bihari, Journalist bei RTL Ungarn. Belege für den russischen Einfluss gibt es genug: Das Investigativportal Gnida Project konnte etwa drei Desinformationskampagnen der Gruppe „Storm-1516“ zuordnen.
Storm-1516
Ein internationales Netzwerk zur Verbreitung prorussischer Propaganda und Destabilisierungskampagnen. Nach Informationen westlicher Geheimdienste hat es Verbindungen zu kremlnahen Denkfabriken und dem russischen Geheimdienst GRU.
Desinformation über Magyar
Ende Januar startete die Gruppe eine Kampagne mit der Behauptung, Péter Magyar würde heimlich 16,7 Millionen Euro an EU-Hilfsgeldern für die Ukraine für sich abzweigen. Die Geschichte wurde mittels eines Videos und eines Artikels auf der Website „European Center for Investigative Journalism“ verbreitet – eine solche Organisation existiert nicht. Daten aus einem Domainregister zeigen außerdem, dass die Website erst neun Tage zuvor erstellt wurde. Am 4. Februar tauchte dann eine zweite Kampagne auf. Nun sollte Magyar gleich 40 Millionen Euro an Hilfsgeldern abgezweigt haben. Wieder wurden ein Video und ein Artikel verbreitet, diesmal über eine angebliche Website der Times of Ukraine – auch diese Website war gefälscht und wurde erst Tage zuvor registriert.
Die Kampagnen passen zur Kontroverse um die Anhaltung eines Geldtransporters Anfang März. Im Rahmen eines routinemäßigen Banktransfers sollten damit gut 70 Millionen Euro in Bargeld und Goldbarren von der österreichischen Raiffeisenbank an die ukrainische Oschadbank geliefert werden. Der Transporter wurde auf einem ungarischen Rastplatz angehalten. Die Fahrer des Transporters wurden zwischenzeitlich festgehalten. Laut ihren Aussagen auf einer Pressekonferenz der Oschadbank wurden ihnen Handschellen angelegt und eine unbekannte Substanz gespritzt. Das Geld und Gold hat Ungarn bis heute nicht wieder freigegeben. Der ungarische Verkehrsminister János Lázár sagte, man wolle nun prüfen, ob nichts von dem Geld in Ungarn „heruntergefallen“ sei – eine Anspielung auf die auch in den Desinformationskampagnen erhobenen Vorwürfe, dass Magyar Ukraine-Hilfsgelder abzweigen würde. Auch auf Social-Media-Kanälen von FPÖ und AfD war von „dubiosen Geldtransporten“ die Rede.
Eine dritte Kampagne, gestartet am 21. Februar, verbreitet falsche Pädophilie-Vorwürfe gegen den evangelikalen Priester Gábor Iványi. Er tritt immer wieder Orbán-kritisch auf. Wieder werden ein Video und ein Artikel verbreitet, die Quelle ist eine angebliche ungarische Investigativplattform namens Oknyomozó Riport, die offenbar drei Tage vor Veröffentlichung der Kampagne „gegründet“ wurde.
Stimmen in Oppositions-Hochburgen abgewertet
Schaut man auf den Verlauf der Umfragen, scheinen all diese Tricks bisher wenig Wirkung gezeigt haben, um das Ruder für „die Macht“ noch herumzureißen. Doch Orbán hat vorgesorgt, um sich nicht nur auf den Wahlkampf verlassen zu müssen. Das Wahlsystem, das ohnehin bereits darauf getrimmt war, absolute Mehrheiten für Fidesz zu produzieren, wurde Ende 2024 in Erwartung der schwierigen Parlamentswahl noch einmal angepasst – die oppositionelle Tisza hatte zuvor bei den Europawahlen aus dem Stand fast 30 Prozent erreicht.
Nicht nur das in Ungarn ohnehin übliche Gerrymandering (das Verschieben der Grenzen von Wahlkreisen zur Festigung eigener Mehrheiten, Anm.) habe die Regierung betrieben, sagt die Politologin Zsuzsanna Szelényi. „In Budapest, einer Hochburg der Opposition, kommt nun ein Mandat auf 100.000 Menschen.“ In Regionen, wo Fidesz stark ist, seien es teils nur 60.000. „Malapportionment“ nennt sich das in der Sprache der Politikwissenschaft. In Budapest-Stadt werden seitdem nur noch 16 statt 18 Direktmandate vergeben, im umliegenden und ländlicheren Pest sind es 14 statt zwölf. Deshalb sagt Szelényi trotz der Umfragen: „Wir können uns nicht sicher sein, dass die Opposition gewinnt. Denn das Wahlsystem ist ungerecht.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 14/2026 erschienen.







