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Die neue Abenteuerlust der Trump-USA

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Donald Trump

©IMAGO / MediaPunch

Die USA nehmen den venezolanischen Diktator Nicolás Maduro gefangen, drohen Kolumbien und Mexiko und erneuern ihre Ansprüche auf Grönland. Steckt da ein tieferer Sinn dahinter?

Es gab einmal eine Zeit, in der sich die Vereinigten Staaten damit brüsteten, die Verteidiger einer regelbasierten liberalen Weltordnung zu sein. Einer Ordnung, die die USA selbst maßgeblich mit aufgebaut haben – und von der sie letztlich profitierten wie kaum ein anderes Land. Diese Haltung war nie ganz lupenrein, aber man bemühte sich zumindest um die Wahrung des Scheins.

Heute heißt der US-Präsident Donald Trump. Von ihm wollte New York Times-Journalistin Katie Rogers wissen, ob es denn etwas gäbe, das seine Macht auf der internationalen Bühne beschränke. Jeder Amtsvorgänger Trumps hätte nun wohl auf das Völkerrecht verwiesen. Trump nicht. Er sagt: „Mein eigener Sinn für Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann.“

Stärke, Gewalt, Macht

Einer der wichtigsten Berater dieses US-Präsidenten ist Stephen Miller. Dieser Mann sagt in einem Interview mit CNN: „Wir leben in der realen Welt, eine Welt, die durch Stärke regiert wird, durch Gewalt regiert wird, durch Macht regiert wird. Das sind die eisernen Regeln der Welt, die seit Anbeginn der Zeit bestehen.“

Derartige Ansichten galten lange Zeit zumindest in demokratischen Staaten als weitgehend überwunden. Markus Kornprobst, Politikwissenschafter an der Diplomatischen Akademie Wien, sagt im News-Interview: „Wenn wir uns die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg anschauen, dann hat in der internationalen Politik ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Weg vom Recht des Stärkeren hin zu einer Weltordnung, die auf relativ klaren Regeln basiert.“

Großmächte hätten zwar eine Tendenz, sich weniger an diese Regeln zu halten als Kleinstaaten oder Mittelmächte. Trotzdem seien die Prinzipien des Völkerrechts wichtig dafür gewesen, dass die Zahl der zwischenstaatlichen Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg zurückging, sagt Kornprobst.

Öl, Öl, Öl

Für die heutigen USA scheint das Völkerrecht nun keine große Rolle mehr zu spielen. Das zeigen neben Aussagen wie den zitierten vor allem ihr Kontext. Am 3. Jänner 2026 nahmen die USA in einer spektakulären Militäraktion den venezolanischen Diktator Nicolás Maduro gefangen, um ihn vor ein Gericht in New York zu bringen. Die Vorwürfe gegen Maduro lauten offiziell „Drogenterrorismus“, Drogenhandel und Geldwäsche.

Inoffiziell dürfte es den USA vor allem um eines gehen: Öl. Maduro war der Staatschef des Landes mit den größten Ölreserven weltweit. In der knapp einstündigen Pressekonferenz, die Trump, Außenminister Marco Rubio, „Kriegsminister“ Pete Hegseth und Air-Force-General Dan Caine nach der Militäroperation gaben, fiel kaum ein Wort so oft wie „Öl“ – ganze 26 Mal. Dieses Öl sollen US-Konzerne nun fördern,. Zum Wohle des venezolanischen und des amerikanischen Volkes, behauptet Trump.

Ob es dazu tatsächlich kommt, ist nicht nur wegen der Wankelmütigkeit Donald Trumps zu hinterfragen. Die Ölproduktion Venezuelas ging in den letzten Jahren immer weiter zurück, die Infrastruktur ist marode. Milliardeninvestitionen sind nötig, um sie wieder aufzubauen. Und das in einem Land mit ungewisser Zukunft. Die Begeisterung der US-Ölkonzerne hält sich spürbar in Grenzen.

Großmächte haben es heute schwerer

Welche Art von internationaler Ordnung schwebt den Trump-USA nun vor, wenn für sie die aktuell – zumindest oberflächlich – noch bestehende ausgedient hat? Trump strich neben Öl auch die Bedeutung der Monroe-Doktrin hervor und meinte damit die Vorstellung, dass die westliche Hemisphäre die alleinige Einflusssphäre der USA sei. Dazu passen auch die Drohungen Trumps mit ähnlichen Interventionen in Kolumbien und Mexiko. Experte Kornprobst sagt, diese Denkweise spiegle sich auch in der kürzlich veröffentlichten US-Sicherheitsstrategie wider.

Eine Aufteilung der Welt in Einflusssphären, das erinnert an den Kalten Krieg. Kornprobst hat schon 2022 mit dem US-Politologen T.V. Paul das Buch „Der neue Kalte Krieg“ veröffentlicht. „Mit Betonung auf ‚neu‘“, wie Kornprobst sagt. Denn während im Kalten Krieg die Großmächte USA und Sowjetunion in ihren Sphären relativ frei schalten und walten konnten, ginge das nun nicht mehr. „Wir haben heute eine sogenannte multiplexe Weltordnung. Das heißt, es gibt viele starke Regionalund Mittelmächte, die den Großmächten Grenzen aufzeigen können.“ In Lateinamerika sei Brasilien so eine Regionalmacht, während in Asien Staaten wie Indien und Indonesien Chinas Handlungsspielraum einschränken würden.

Nächster Halt Grönland?

In Europa fielen die erste Reaktion auf Donald Trumps neuestes außenpolitisches Abenteuer verhalten und vorsichtig aus. Venezuela schien weit weg. Der deutsche Kanzler Friedrich Merz sagte etwa, die rechtliche Einordnung der US-Intervention sei „komplex“. Schärfer wurden die Reaktionen, als klar wurde: die USA haben Blut geleckt. Stephen Millers Ehefrau Katie Miller, selbst MAGA-Influencerin, griff kurz nach der Venezuela-Intervention zum Smartphone und veröffentlichte ein vielsagendes Bild auf der Online-Plattform X: eine Karte von Grönland in den Farben der US-Flagge, dazu das Wort „SOON“, also „bald“.

Die zu Dänemark gehörende, aber seit 1979 weitgehend autonome Arktisinsel war schon in der ersten Amtszeit von US-Präsident Trump wiederholt Thema. Trump will die Insel haben. Aus Gründen der „nationalen Sicherheit“. Das Posting entfachte durch die zeitliche Nähe zur Venezuela-Intervention eine neuerliche Debatte über Grönland. Nachdem Trump und seine Vertrauten mehrfach auch eine Annexion mit militärischer Gewalt nicht ausschließen wollten, reagierten die europäischen NATO-Staaten mit scharfer Kritik. Die dänische Premierministerin Mette Frederiksen sagte, „wenn ein NATO-­Land ein anderes angreife, sei das nicht nur das Ende der NATO, sondern auch das Ende der internationalen Gemeinschaft“.

Die Entschärfung des Konflikts

Ein realistisches Szenario? „Eine Militäroperation in Grönland wäre für die Amerikaner natürlich extrem einfach“, sagt Markus Kornprobst. Er hält die Wahrscheinlichkeit dafür aber für gering. Denn: „Es kann nicht im Interesse der USA sein, die NATO zu zerschlagen.“ Das militärische Säbelrasseln könne auch als Druckmittel verstanden werden, um Dänemark und Grönland an den Verhandlungstisch zu zwingen.

Tatsächlich gibt es trotz Frederiksens harter Worte nun Gespräche. Am Mittwoch wollen sich die Außenministerin Grönlands, Vivian Motzfeldt, und ihr dänischer Kollege Lars Løkke Rasmussen mit US-Außenminister Marco Rubio in Washington treffen. Auf der Agenda stehen konkrete Schritte zur Entschärfung des Konflikts. Die Haltung der gut 57.000 Grönländer zu einer Annexion durch die USA war zumindest in einer Umfrage der dänischen Zeitung Berlingske und der grönländischen „Sermitsiaq“ aus dem Jänner 2025 eindeutig: Rund 85 Prozent sprachen sich damals dagegen aus. Kürzlich bekräftigten auch die fünf größten Parteien Grönlands ihre Ablehnung der US-Avancen. „Wir wollen keine Amerikaner sein, wir wollen keine Dänen sein, wir wollen Grönländer sein“, heißt es in der gemeinsame Erklärung.

Bestechung und Propaganda

Die USA wollen das ändern. Nach Reuters-Informationen überlegt die Trump-Regierung, den Grönländerinnen und Grönländern im Falle eines positiven Unabhängigkeitsreferendums und eines Beitritts zu den USA 100.000 US-Dollar pro Kopf zu zahlen. Seit einer Gesetzesänderung 2009 dürfte Grönland ein solches Referendum abhalten.

Bereits im Sommer berichtete der Dänische Rundfunk zudem über Versuche eines nicht genannten Trump-Vertrauten, den öffentlichen Diskurs auf der Insel zu beeinflussen. Er soll Listen mit US-freundlichen Personen auf der Insel erstellt und nach Möglichkeiten gesucht haben, den Ruf Dänemarks auf der Insel zu schädigen. Der dänische Inlandsgeheimdienst PET kündigte wegen der Berichte an, seine Präsenz auf Grönland auszubauen.

Grönland schon lange im US-Fokus

Die USA interessieren sich nicht erst seit Trump für die Arktis-Insel. Immer wieder versuchten die Amerikaner, die Insel zu kaufen. Kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs lehnte Dänemark etwa ein Angebot in Höhe von 100 Millionen Dollar – eine Milliarde heutige Dollar – ab. 1951 sicherten sich die USA in einem Abkommen mit Dänemark das Recht zur Errichtung von Militärbasen in Grönland.

Im selben Jahr wurde die Pittufik Space Base, früher Thule Air Base, eröffnet. Sie ist bis heute ein wichtiger Teil der Raketenabwehr von USA und NATO. Elf weitere Stützpunkte errichteten die Vereinigten Staaten während des Kalten Kriegs in Grönland. Heute ist nur noch die Pittufik Space Base übrig. Wollten die USA ihre militärische Präsenz wieder ausbauen, dürften sie das laut dem Abkommen von 1951. Warum will Trump die Insel dann unbedingt besitzen?

Rohstoffe und rohe Geltungssucht

Markus Kornprobst kann darüber nur spekulieren. Wenn es nur darum ginge, den USA Zugang zu den Schifffahrtsrouten zu sichern, die in Zukunft durch das Schmelzen des Polareises entstehen könnten, dann reiche der Status quo mit Dänemark als NATO-Verbündetem völlig aus. Aber: „Wenn es darum geht, an Bodenschätze wie seltene Erden zu kommen, von denen es in Grönland sehr viele gibt, dann ist ein Transfer von Souveränität wichtig.“ Die Sicherung solcher Rohstoffe ist auch in der US-Sicherheitsstrategie ein großes Thema.

Was ebenfalls eine Rolle spielen dürfte: Donald Trumps Gier nach Trophäen. Im Herbst 2021, nach dem Ende seiner ersten Amtszeit, begründete er seine Annexionsgelüste in einem Interview mit New York Times und New Yorker so: „Warum haben wir das nicht? Schau dir eine Karte an. Ich komme aus dem Immobilienbereich. Ich schaue in eine Ecke und sage, ich brauche diesen Laden für das Gebäude, das ich baue, und so weiter. Hier ist es nicht so anders. Ich liebe Karten. Und ich habe immer gesagt: Schau dir an, wie groß das (Grönland, Anm.) ist. Es ist riesig, und sollte Teil der Vereinigten Staaten sein.“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 03/2026 erschienen.

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