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Sudan: Wer kämpft gegen wen – und warum kaum jemand hinsieht

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Offiziere und Soldaten der organisierten Streitkräfte

©Imago / Anadolu Agency

Armee gegen RSF, Hunger, Vertreibung und ausländische Waffen: Der Bürgerkrieg hat Sudan faktisch geteilt und Millionen entwurzelt.

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Seit dem 15. April 2023 herrscht im Sudan Krieg. Aus einem Machtkampf zwischen zwei Generälen ist ein Konflikt geworden, der das drittgrößte Land Afrikas faktisch in unterschiedliche Machtzonen geteilt hat. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht inzwischen von der weltweit größten humanitären Krise. Rund 34 Millionen Menschen benötigen Hilfe.

Trotz dieser Dimension verschwindet der Sudan-Krieg immer wieder aus den internationalen Schlagzeilen. Das hat nicht nur mit der Konkurrenz anderer Kriege und Krisen zu tun. Im Sudan selbst sind große Teile jener Infrastruktur zusammengebrochen, die unabhängige Berichterstattung überhaupt erst möglich macht.

Sudan ist heute faktisch in Machtzonen geteilt

Auf Landkarten wirkt der Krieg inzwischen fast wie eine Teilung des Landes. Die regulären Sudanesischen Streitkräfte, englisch Sudanese Armed Forces und kurz SAF, kontrollieren Khartum sowie große Gebiete im Norden, Osten und Zentrum. Die paramilitärischen Rapid Support Forces, kurz RSF, beherrschen große Teile Darfurs im Westen und haben dort eigene politische Strukturen aufgebaut.

Dazwischen liegt Kordofan, eine strategisch wichtige Region, in der sich die Kämpfe immer wieder konzentrieren. Gleichzeitig hat der Einsatz von Drohnen stark zugenommen. Eine Untersuchung der Vereinten Nationen kam im September 2026 zu dem Ergebnis, dass moderne Drohnentechnik und ausländische Unterstützung die Reichweite beider Kriegsparteien erheblich erweitert haben.

Eine einfache Zweiteilung bleibt dennoch irreführend. Auf beiden Seiten kämpfen verbündete Milizen, frühere Rebellengruppen und lokale bewaffnete Verbände. Allianzen unterscheiden sich von Region zu Region und können sich verändern.

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Der Vorsitzende des sudanesischen Übergangs-Souveränitätsrats, Generalleutnant Abdel Fattah al-Burhan

 © Imago / APAimages

Wer kämpft gegen wen?

An der Spitze der regulären Armee steht General Abdel Fattah al-Burhan. Die SAF verfügt über die traditionellen staatlichen Streitkräfte, schwere Waffen und die Luftwaffe. Nach schweren Rückschlägen zu Beginn des Krieges gelang es ihr, Khartum wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Mehr als zwei Millionen Menschen waren bis zum Sommer 2026 in die Hauptstadtregion zurückgekehrt, obwohl Stromversorgung, Schulen und andere öffentliche Dienste vielerorts weiterhin nur eingeschränkt funktionieren.

Der zweite Machtblock sind die Rapid Support Forces unter Mohamed Hamdan Dagalo, meist Hemedti genannt. Die RSF ist keine gewöhnliche Rebellenbewegung. Sie entstand aus Strukturen des sudanesischen Sicherheitsapparats und wurde 2013 unter dem damaligen Präsidenten Omar al-Bashir als staatliche paramilitärische Truppe geschaffen. Viele ihrer Kämpfer stammten aus Milizen, die unter dem Sammelbegriff Dschandschawid im früheren Darfur-Krieg bekannt wurden.

Damit stehen sich heute zwei militärische Machtapparate gegenüber, die ursprünglich beide Teil desselben Staates waren.

Krieg Sudan: Zahlen & Fakten

Wie aus Verbündeten Feinde wurden

Die Vorgeschichte des Krieges beginnt lange vor 2023. Omar al-Bashir hatte den Sudan fast 30 Jahre autoritär regiert. Nach monatelangen Massenprotesten wurde er im April 2019 vom Militär gestürzt. Burhan und Hemedti wurden anschließend zu den mächtigsten Männern des Landes.

Zunächst arbeiteten sie zusammen. Im Oktober 2021 putschten Armee und RSF gemeinsam gegen die zivile Übergangsordnung. Damit wurde der Versuch gestoppt, Sudan nach dem Sturz Bashirs schrittweise in Richtung einer zivilen Regierung zu führen.

Doch die Allianz zerbrach. Einer der zentralen Streitpunkte war die geplante Eingliederung der RSF in die regulären Streitkräfte. Dahinter standen entscheidende Machtfragen: Wie schnell sollte die Integration erfolgen? Wer sollte anschließend die vereinigte Armee kontrollieren? Und wann würde das Militär tatsächlich einer zivilen Regierung unterstellt?

Am 15. April 2023 brachen in Khartum offene Kämpfe aus. Beide Seiten beschuldigten einander, den Krieg begonnen zu haben. Eine unabhängig belegte Version, nach der eindeutig eine der beiden Seiten allein den ersten Angriff ausgelöst hätte, existiert bis heute nicht.

Warum Darfur zum Zentrum dieses Krieges wurde

Darfur im Westen des Sudan spielt eine besondere Rolle. Bereits ab 2003 kämpften dort Rebellengruppen gegen die Regierung in Khartum. Das Bashir-Regime reagierte mit regulären Streitkräften und verbündeten Milizen. Menschenrechtsorganisationen dokumentierten Massentötungen, Vertreibungen, Vergewaltigungen und Angriffe auf nichtarabische Bevölkerungsgruppen.

Aus Teilen dieses Milizenapparates entwickelten sich später die Rapid Support Forces. Hemedti selbst war zuvor ein führender Milizenkommandeur. Darfur ist deshalb nicht nur die wichtigste regionale Machtbasis der RSF. Der aktuelle Krieg knüpft dort auch an Gewaltstrukturen und ethnische Konflikte an, die seit mehr als zwei Jahrzehnten bestehen.

Besonders deutlich wurde das bei El Fasher, der Hauptstadt von Norddarfur. Nach rund 18 Monaten Belagerung nahm die RSF die Stadt im Oktober 2025 ein.

Das Menschenrechtsbüro der Vereinten Nationen dokumentierte für die ersten drei Tage der Offensive mehr als 6.000 Tötungen. Mindestens 4.400 Menschen seien innerhalb El Fashers getötet worden, mehr als 1.600 weitere auf Fluchtrouten. Die tatsächliche Zahl dürfte laut UN noch höher liegen.

Die UN bewertet dokumentierte Verstöße während der Einnahme der Stadt als Kriegsverbrechen und mögliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Auch ethnisch motivierte Gewalt gegen nichtarabische Bevölkerungsgruppen wurde dokumentiert.

Auch die Armee wird schwerer Verstöße beschuldigt

Die extreme Gewalt in Darfur hat den Fokus stark auf die RSF gelenkt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Vorwürfe schwerer Verstöße ausschließlich gegen diese Seite erhoben werden.

UN Ermittler haben auch Angriffe der regulären Streitkräfte dokumentiert, bei denen zivile Infrastruktur und Zivilisten getroffen wurden. Die internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen warnte 2026 insbesondere vor dem zunehmenden Einsatz weitreichender Drohnen durch beide Kriegsparteien. Krankenhäuser, Märkte, Schulen und andere zivile Einrichtungen wurden getroffen.

Eine verlässliche Gesamtzahl der Kriegstoten gibt es bis heute nicht. Kämpfe, Vertreibung, Kommunikationsausfälle und fehlender Zugang zu großen Teilen des Landes machen eine vollständige Erfassung praktisch unmöglich. Auch deshalb sind einzelne Opferzahlen immer nur als dokumentierte Mindestzahlen zu verstehen.

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General Mohammed Hamdan Dagalo (genannt „Hemedti“) ist der Anführer der sudanesischen Paramilitärs Rapid Support Forces (RSF)

 © Imago / Anadolu Agency

Aus dem Bürgerkrieg ist ein internationalisierter Konflikt geworden

Sudan ist längst kein abgeschotteter innerstaatlicher Krieg mehr. Waffen, Drohnentechnik, Geld, Logistik und ausländisches Personal gelangen über regionale und internationale Netzwerke zu den Konfliktparteien.

Eine UN Untersuchung, über die Reuters Anfang September 2026 berichtete, kam zu dem Ergebnis, dass ausländische Unterstützung die militärischen Fähigkeiten der Kriegsparteien deutlich erweitert hat. Mehr als 1.000 Menschen sollen allein in der ersten Hälfte des Jahres 2026 bei Drohnenangriffen ums Leben gekommen sein.

Bei der RSF fanden die Ermittler Hinweise auf Unterstützungsnetzwerke mit Verbindungen in mehrere Staaten, darunter die Vereinigten Arabischen Emirate, Tschad, Libyen und Somalia. Auch kolumbianische Vertragssoldaten sollen beim Betrieb moderner Waffensysteme eingesetzt worden sein. Die Vereinigten Arabischen Emirate weisen Vorwürfe zurück, die RSF militärisch zu unterstützen. Andere Staaten bestreiten ebenfalls eine direkte Beteiligung.

UN Generalsekretär António Guterres forderte im September 2026 ausdrücklich, jene Staaten zur Verantwortung zu ziehen, die den Krieg durch Waffenlieferungen weiter anheizen. Die internationale Unterstützung beider Lager erschwert gleichzeitig diplomatische Versuche, den Konflikt zu beenden.

Hunger ist eine zweite Katastrophe innerhalb des Krieges

Neben Bombardierungen und Massakern bedroht vor allem der Zusammenbruch der Versorgung Millionen Menschen.

Für Februar bis Mai 2026 stufte die IPC knapp 19,5 Millionen Menschen, rund 41 Prozent der Bevölkerung, in eine akute Ernährungskrise oder eine noch schwerere Kategorie ein. Mehr als fünf Millionen Menschen befanden sich in der Stufe „Emergency“, rund 135.000 bereits in der höchsten Kategorie „Catastrophe“.

Für 14 Gebiete in Norddarfur, Süddarfur und Südkordofan wurde unter einem realistischen Negativszenario ein Hungersnotrisiko festgestellt. Für das Gesamtjahr 2026 rechnet die IPC zudem mit rund 825.000 Kindern unter fünf Jahren, die an schwerer akuter Mangelernährung leiden könnten.

Dabei ist die Datenlücke selbst Teil der Krise. Für die Monate Juni bis September 2026 konnten die Experten nur 56 Gebiete mit rund 8,3 Millionen Einwohnern ausreichend untersuchen. Für große Teile Sudans fehlen aktuelle, belastbare Daten. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass die Situation dort besser wäre.

Mehr als elf Millionen Menschen sind vertrieben

Auch die Dimension der Flucht ist enorm. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR waren am 7. September 2026 rund 11,31 Millionen Menschen im Zusammenhang mit dem Sudan-Krieg aktuell vertrieben.

Davon lebten rund 6,43 Millionen als Binnenvertriebene im Sudan. Mehr als 4,6 Millionen Menschen waren seit Beginn des Konflikts über die Landesgrenzen geflohen oder zurückgekehrt. Besonders betroffen sind Nachbarstaaten wie Tschad, Ägypten und Südsudan.

Dass verschiedene Organisationen teilweise höhere Zahlen nennen, ist kein zwingender Widerspruch. Manche Angaben zählen alle Menschen, die seit April 2023 zumindest zeitweise vertrieben wurden. Die UNHCR Zahl von 11,31 Millionen beschreibt dagegen den aktuell ausgewiesenen Bestand zum genannten Datenstand.

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Ein Land, zwei Machtzentren: der Osten steht unter der Führung der Armee SAF, der Westen unter der Führung der Miliz RSF

 © NEWS erstellt mit Hilfe von KI

Warum hört man so wenig über den Sudan-Krieg?

Gemessen an der Zahl der Betroffenen erscheint der Sudan-Krieg in europäischen Medien tatsächlich vergleichsweise selten. Eine einfache Erklärung dafür gibt es nicht. Ein wesentlicher Grund lässt sich jedoch klar belegen: Berichterstattung aus dem Land selbst ist extrem schwierig geworden.

Nach Angaben der Europäischen Asylagentur EUAA wurden seit Kriegsbeginn schätzungsweise 90 Prozent der Medieninfrastruktur Sudans zerstört. Rund 1.000 Journalisten verloren ihre Arbeit. Reporter wurden bedroht, festgenommen, vertrieben oder getötet. Stromausfälle, Internetsperren und zerstörte Mobilfunknetze erschweren zusätzlich die Kommunikation.

Auch internationale Medien sind nur eingeschränkt vor Ort. Die EUAA hält fest, dass nur wenige ausländische Journalisten in das Land gelangen konnten und noch weniger längere Zeit aus den Kriegsgebieten berichten konnten. Beide Konfliktparteien werden zudem beschuldigt, Journalisten einzuschüchtern, Informationen zu kontrollieren und Propaganda zu verbreiten.

Das hat unmittelbare Folgen für die Nachrichtenlage. Ereignisse in abgelegenen Teilen Darfurs oder Kordofans werden teilweise erst Tage später bekannt. Informationen stammen häufig von lokalen Reportern, Augenzeugen, Hilfsorganisationen oder Satellitenbildern und müssen aufwendig überprüft werden.

Dazu kommt die Konkurrenz anderer internationaler Krisen. Reuters stellte zum dritten Jahrestag des Kriegs im April 2026 fest, dass die Katastrophe im Sudan von anderen regionalen und globalen Konflikten überschattet wird. Das erklärt nicht jede redaktionelle Entscheidung, beschreibt aber ein strukturelles Problem: Internationale Aufmerksamkeit ist begrenzt, während mehrere Kriege gleichzeitig um politische und mediale Wahrnehmung konkurrieren.

Der „vergessene Krieg“ ist auch eine Informationskrise

Der Begriff vom vergessenen Krieg ist deshalb zugleich richtig und irreführend. Sudanesische Journalisten, internationale Nachrichtenagenturen, UN Organisationen und Hilfswerke berichten kontinuierlich. Das Problem ist, dass ihre Arbeit unter extremen Bedingungen stattfindet und viele Ereignisse kaum unabhängig dokumentiert werden können.

Gerade deshalb können die bekannten Zahlen das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe unterschätzen. Fehlende Daten bedeuten im Sudan häufig nicht, dass nichts geschehen ist. Sie bedeuten, dass niemand sicher genug vor Ort war, um es vollständig zu dokumentieren.

Mehr als drei Jahre nach Beginn des Krieges ist das Land territorial zerrissen, Millionen Menschen sind vertrieben und ein Ende der Kämpfe ist nicht absehbar. Die Armee hat Khartum zurückerobert, die RSF ihre Stellung in Darfur ausgebaut. Zwischen diesen beiden Machtblöcken liegt ein Land, dessen Zivilbevölkerung den größten Teil der Kosten trägt.

Der Sudan-Krieg ist damit nicht deshalb wenig sichtbar, weil er klein oder geopolitisch unbedeutend wäre. Er ist schwer sichtbar, weil der Krieg selbst jene Strukturen zerstört hat, die seine Folgen sichtbar machen könnten.

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