Drei Tage nach der Wahlniederlage der Republikaner tauscht Donald Trump seine Stabschefin aus. Nachfolger wird Stephen Miller, der Mann hinter Einreiseverbot, Familientrennungen und Massenabschiebungen. Sein Werdegang zeigt, wohin das Weiße Haus steuern könnte.
Donald Trump hat am Freitag Stephen Miller zum neuen Stabschef des Weißen Hauses ernannt. Miller übernimmt das Amt am Montag, 9. November 2026, von Susie Wiles, die den Posten seit Trumps Amtsantritt im Jänner 2025 innehatte und nun in die politische Organisation des Präsidenten wechselt. Trump nannte Miller auf seiner Plattform Truth Social einen seiner „vertrauenswürdigsten Berater“ und erklärte vor Journalisten, er habe „eine Veränderung“ gewollt.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Bei den Zwischenwahlen am Dienstag verloren die Republikaner die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses. Statt auf Ausgleich setzt Trump mit Miller auf jenen Berater, der seit zehn Jahren für die härteste Linie der Regierung steht.
Vom Redenschreiber zum Architekten der Abschiebepolitik
Stephen Miller, 41, stammt aus Santa Monica in Kalifornien. Vor seiner Zeit bei Trump arbeitete er für den republikanischen Senator Jeff Sessions, der später Trumps erster Justizminister wurde. 2016 stieß Miller als Redenschreiber zu Trumps Wahlkampf und prägte dessen nationalistischen „America First“-Ton mit.
In Trumps erster Amtszeit gilt Miller als treibende Kraft hinter dem Einreiseverbot für Bürger mehrerer mehrheitlich muslimischer Staaten (2017) und hinter der „Null-Toleranz“-Politik an der Grenze zu Mexiko, bei der 2018 tausende Kinder von ihren Eltern getrennt wurden. Seit Jänner 2025 ist er stellvertretender Stabschef für Politik und zugleich Berater für Heimatschutz. In dieser Rolle verantwortet er das Programm der Massenabschiebungen, das seit Monaten für Proteste, Gerichtsverfahren und Todesfälle in der Abschiebehaft sorgt.
900 E-Mails, ein rassistischer Roman und die Liste der Extremisten
Wie weit rechts Miller steht, dokumentierte 2019 die US-Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center (SPLC). Sie wertete mehr als 900 E-Mails aus, die Miller zwischen März 2015 und Juni 2016 an Redakteure eines rechten US-Online-Portals geschickt hatte. Mehr als 80 Prozent der Nachrichten drehten sich um Einwanderung oder Herkunft.
Miller empfahl darin Artikel der Website VDARE, die das SPLC als „white nationalist“ einstuft, und schlug vor, den Roman „Das Heerlager der Heiligen“ zu thematisieren, ein in der rechtsextremen Szene verbreitetes Buch, das Europa von dunkelhäutigen Migranten überrannt zeigt. Nach dem rassistischen Massaker von Charleston 2015 beklagte er zudem, dass Händler Konföderierten-Symbole aus dem Sortiment nahmen. Das SPLC führt Miller seither auf seiner Liste von Extremisten. Das Weiße Haus wies die Vorwürfe damals nicht inhaltlich zurück, sondern griff die Organisation an.
Foto:
© Flickr, Gage Skidmore, CC BY-SA 4.0Habeas Corpus aussetzen, Militär im Inland einsetzen
In Trumps zweiter Amtszeit ging Miller weiter als jeder andere Berater. Im Mai 2025 erklärte er vor Journalisten, die Regierung prüfe „aktiv“, das Recht auf Haftprüfung (Habeas Corpus) für Migranten auszusetzen, weil illegale Einwanderung eine „Invasion“ sei. Die US-Verfassung erlaubt das nur bei Rebellion oder Invasion, und nach herrschender Auffassung allein dem Kongress, nicht dem Präsidenten.
Wie ernst es Miller meinte, geht aus einem Schreiben der Demokraten im Aufsichtsausschuss des Repräsentantenhauses vom Juni 2026 hervor. Demnach warnte der Stabssekretär des Weißen Hauses, Will Scharf, in internen Memos an Stabschefin Wiles vor Millers Plan, die Haftprüfung auszusetzen, und vor seinem Drängen, den „Insurrection Act“ zu nutzen, also das Militär gegen Proteste im Inland einzusetzen. Anlass waren die Demonstrationen nach der tödlichen Schießerei durch Einwanderungsbeamte in Minneapolis im Jänner 2026. Beide Vorstöße wurden nach internem Widerstand nicht umgesetzt. Die Person, die diesen Widerstand bündelte, war Susie Wiles.
Was die Beförderung bedeuten könnte
Der Stabschef kontrolliert den Zugang zum Präsidenten, die Tagesordnung des Weißen Hauses und den Informationsfluss zwischen Ministerien und Oval Office. Wiles galt als pragmatische Organisatorin, die Flügelkämpfe moderierte. Mit Miller rückt nun jener Mann an diese Schaltstelle, dessen Vorschläge sie zuletzt gebremst hatte.
Einwanderung: Das Abschiebeprogramm bleibt der Kern der Agenda. Ohne internes Gegengewicht dürften Vorstöße wie die Aussetzung der Haftprüfung oder Militäreinsätze bei Protesten wieder auf den Tisch kommen.
Konfrontation mit dem Kongress: Ab Jänner 2027 kontrollieren die Demokraten beide Kammern. Sie haben bereits angekündigt, die internen Memos zu Habeas Corpus und Insurrection Act anzufordern. Miller wird zum Gesicht einer Regierung, die mit Untersuchungsausschüssen und Vorladungen rechnen muss.
Signal an die Wähler: Trump beantwortet die Wahlniederlage nicht mit einem Kurswechsel, sondern mit einer Verschärfung. Miller verkörpert den nationalistischen Flügel der Bewegung, für den Kompromisse mit der Opposition keine Option sind.
Für Europa und damit auch für Österreich ist die Personalie vor allem ein Hinweis darauf, dass Washington in der Migrationspolitik und im Umgang mit Kritikern auf Konfrontation bleibt, nun ohne die ausgleichende Stimme, die Wiles im Weißen Haus war.
Quellen
Southern Poverty Law Center: Leaked Emails Expose Key White House Aide Stephen Miller’s Affinity for White Nationalism (2019)
Demokraten im Aufsichtsausschuss des US-Repräsentantenhauses: Schreiben an Stabschefin Susie Wiles zu Habeas Corpus und Insurrection Act (17. Juni 2026)
Weitere Quelle: Berichte der Nachrichtenagentur AP zur Ernennung vom 6. November 2026
