Die Einstufung der schlimmsten Klima-Prognose als „unplausibel“ wird jetzt damit erklärt, dass die bisherigen Maßnahmen – vor allem die Zunahme von Wind- und Solarkraftwerken – dazu geführt haben, dass es nicht so schlimm wird, wie befürchtet. Das wirft Fragen auf.
„Am Abend“, sagt man in Russland, „ist der Russe besonders weise.“ Es gibt für diese Sentenz unterschiedliche Interpretationen, von denen eine mit dem forcierten Konsum destillierter Feldfrüchte zu tun hat. Die gängige Bedeutung scheint aber die zu sein, die man bei uns mit dem Satz „Hinterher ist man immer klüger“ zum Ausdruck bringt.
Bei so gut wie jeder Kritik an Pandemie-Maßnahmen, die, wie ich weiß, auch in der News-Leserschaft zu erbitterten Reaktionen führen kann, bekommt der Kritiker zu hören, dass er doch mit seiner Hinterher-Klugscheißerei dort bleiben möge, wo der Pfeffer wächst. Man habe es eben damals nicht besser gewusst, wohl aber nach bestem Wissen und Gewissen und mit dem Ziel der Rettung möglichst vieler Menschenleben gehandelt.
Wenn man sich lang genug einredet, dass etwas schlecht ausgeht, geht es auch schlecht aus
Dass man mit dem Wissen von heute möglicherweise damals anders gehandelt hätte, könne schon sein, aber wie hätte man denn damals schon wissen können, was man heute weiß, wo doch heute nicht damals und damals nicht heute gewesen sei. Ich kann das gut nachvollziehen, obwohl ich weiß, dass man hinterher eben nicht immer klüger ist, weil man aus Schaden oft genug nicht klug, sondern kaputt wird.
Offen bleibt bei alldem die Frage, wie man mit der Tatsache umgeht, dass namhafte Wissenschafter, die schon damals Standpunkte vertreten haben, die sich hinterher als zutreffend erwiesen, behandelt wurden wie intellektuelle Grottenolme, die behaupten, dass die Erde flach oder hohl sei.
Waldsterben und Ozonloch
Das zweite Erklärungsmodell dafür, dass es am Ende doch anders kommt, als die Mehrheit der Wissenschafter bei gleichzeitiger Ridikülisierung der Abweichler vorhersagt, nennt man self-defeating prophecy. Sie ist naturgemäß das Gegenstück zur self-fulfilling prophecy.
Letztere kennt man aus dem persönlichen Leben besser: Wenn man sich lang genug einredet, dass etwas schlecht ausgeht, geht es auch schlecht aus, weil man nichts dagegen unternommen hat, und nichts dagegen unternommen hat man, weil man ja schon wusste, dass es schlecht ausgeht.
Vorausschauende Warner, vernünftige Gewarnte
Die self-defeating prophecy funktioniert andersrum: Wenn so intensiv vor einer Gefahr gewarnt wird, dass Menschen aufgrund der Angst vor dem Eintreffen der Prophezeiung in großer Zahl ihr Verhalten ändern, tritt der Zustand, vor dem gewarnt wurde, nicht ein. So wird zum Beispiel erklärt, warum das lang angekündigte Waldsterben dann doch nicht stattgefunden hat, wir alle nicht durch das Ozonloch ins All geschleudert wurden und an der einen oder anderen Tankstelle immer noch Benzin zu kriegen ist.
Das Problem mit den self-defeating prophecies sehen viele darin, dass die vorausschauenden Warner, deren Prognosen nicht eintreffen, weil die Gewarnten so vernünftig waren, am Ende als die Deppen dastehen, die einen Blödsinn vorausgesagt haben. Das ist tatsächlich unfair, aber nicht immer der Fall.
Horrorszenario als pädagogisches Narrativ
Jüngstes Beispiel ist die Streichung des sogenannten „RCP 8,5-Szenario“ aus dem Prognosenkatalog des sogenannten Weltklimarats IPCC. Es hätte eine CO2-Konzentration in der Atmosphäre von weit über 1000ppM (parts per Million) und damit mehr als vier Grad Erwärmung und einen Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter bedeutet.
Dass es heute als „unplausibel“ eingestuft wird, bedeutet aber nach Einschätzung des von Klimaaktivisten dominierten Medienmainstreams nicht, dass man ein von Beginn an unplausibles Horrorszenario als pädagogisches Narrativ eingesetzt habe, sondern sei eben eine self-defeating prophecy: Die Warnungen hätten so sehr gewirkt, dass das Szenario nicht eintreffe.
Fast eine Verarsche
Das nun aber grenzt an Verarsche: Dieselben Leute, die uns täglich erzählen, dass leider im Klimaschutz noch immer nichts bis zu wenig passiere, erklären uns, dass die bisherigen Maßnahmen dazu geführt hätten, dass die Erwärmung am Ende des Jahrhunderts nur halb so stark ausfallen werde wie in RCP 8,5 prognostiziert. Hm?
Viele, die es mit den Begriffen nicht so genau nehmen, sprechen in diesem Zusammenhang auch vom Präventionsparadox. Die falsche Verwendung des Begriffs kommt übrigens aus der Pandemie, wo die zunächst seltsame Tatsache, dass die Infektionszahlen immer schon kurz vor dem nächsten Lockdown zu sinken begannen, damit erklärte, dass die Menschen bereits bei der Ankündigung so handelten, als sei der Lockdown in Kraft.
Schon wieder Hinterher-Klugscheißerei
Herr Professor Drosten hingegen, der Inspektor Columbo der Pandemie, verwendete zwar den Begriff richtig, ignorierte aber mutwillig seine wichtigste Einschränkung: Mit dem Präventionsparadox wird der Widerspruch zwischen (in der Regel unpopulären) flächendeckenden Präventionsmaßnahmen und individueller Wirkung beschrieben. Wenn man Prävention nur auf die höchste Risikogruppe anwendet, kommt es trotzdem zu mehr Todesfällen in der breiten Masse, weil dort die absolute Gesamtzahl der Fälle dennoch höher sei.
Hier liegt die Schwäche des Präventionsparadox-Modells: Es stimmt nur, wenn das Risiko gleichmäßig verteilt ist. Das aber ist selten der Fall, und COVID-19 war ein besonders schlechter Anwendungsfall, weil – und das war sehr früh sehr klar – die Risikostratifikation von der Normalverteilung besonders weit abgewichen ist.
Aber das ist schon wieder Hinterher-Klugscheißerei. Wichtig ist eigentlich nur, zu verstehen, dass man an die Wissenschaft nicht nur glauben, sondern ihr – um der Ernsthaftigkeit willen – mitunter auch skeptisch begegnen muss.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 22/2026 erschienen.







