Eine zusätzliche Lehrerin, einen Sozialarbeiter oder einen Bewegungscoach? 400 Volks- und Mittelschulen entscheiden derzeit österreichweit, welche Unterstützung an ihrem Standort jeweils am dringendsten gebraucht wird. Der Chancenbonus bringt ab dem kommenden Schuljahr mehr Personal an jene Schulen, deren Schüler und Schülerinnen jede Hilfe gut gebrauchen können. 228 dieser Lehranstalten befinden sich in Wien. News sah sich an drei dieser Schulen in der Bundeshauptstadt um.
von
„Gut Ding braucht Weile“ steht an der Tür der Direktion der Volksschule Bunte Schule Treustraße in Wien-Brigittenau. Schulleiterin Andrea Habacher weiß, dass sich Dinge nicht von einem Tag auf den anderen ändern können und setzt daher auf Beharrlichkeit – und einen positiven Zugang. 377 Buben und Mädchen besuchen in diesem Schuljahr die Schule, die das Buntsein nicht nur mit einer Regenbogenfahne umsetzt, sondern die sich, so Habacher, auch über Vielfalt auf verschiedensten Ebenen präsentiert.
Ja, viele Kinder haben einen Rucksack zu tragen

92 Prozent der Kinder haben eine andere Erstsprache als Deutsch – 32 verschiedene Idiome sind hier vertreten. Zwei Drittel der Schüler und Schülerinnen sind muslimisch, der Rest ist großteils entweder katholisch oder gehört einer der orthodoxen Kirchen an. Auf jeder Schulstufe wird zudem in einer Integrationsklasse auf die Bedürfnisse von Kindern eingegangen, die mit verschiedensten Herausforderungen zu kämpfen haben: Manche leiden an der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), manche sind im Autismus-Spektrum, bei anderen wurde eine Entwicklungsverzögerung diagnostiziert, wieder andere leiden an einem Trauma.
„Ja, viele Kinder haben einen Rucksack zu tragen“, sagt die Direktorin. Viele Eltern könnten ihren Töchtern und Söhnen beim Lernen nicht helfen. Wichtig ist ihr, den Eltern zu vermitteln, dass sie ihre Kinder dennoch unterstützen können. Hier kommt ihre Art, Dinge anzupacken, ins Spiel: Als sie die Schulleitung übernahm, gab es zu einigen Eltern keinen Kontakt – oft nicht aus Desinteresse, sondern aus Sorge, nicht ausreichend gut auf Deutsch kommunizieren zu können. Habacher ist ihrerseits aktiv auf die Eltern zugegangen, so konnte sie Hemmschwellen abbauen.


Die Direktorin der Volksschule Treustraße sucht gezielt den Kontakt zu den Eltern ihrer Schülerinnen und Schüler
© Matt ObserveWorauf Habacher an ihrer Bunten Schule für ein gutes Gelingen von Schule auch setzt: auf ein multiprofessionelles Team. Was die Schulleiterin hier an Ressourcen bekommen kann, nimmt sie gerne an. Das Programm „100 Schulen – 1.000 Chancen“ ermöglichte es ihr, ein „Social Team“ einzubinden. Sie kooperiert darüber hinaus mit Lesepaten, dem Verein Freispiel, aber auch mit einem Sozialarbeiter der Diakonie. Entsprechend groß ist die Freude Habachers, nun auch den Chancenbonus zu bekommen.
Wie die Schulen ausgewählt werden
Die Auswahl der hier teilnehmenden Schulen wurde auf Basis von Daten der Statistik Austria getroffen: Kriterien sind das Einkommen der Eltern, deren Bildungsabschlüsse sowie die Sprachsituation in der Familie – bezogen auf das Einzugsgebiet einer Schule. Je nach Schulgröße und Bedarf wurden hier zwischen ein und sieben Vollzeitstellen für unterstützendes Personal zugewiesen. Zur Auswahl stehen: Lehrer, Schulsozialarbeiter, Sozialpädagogen, Schulpsychologen, Theater-, Musik- und Tanzpädagogen, Bewegungscoaches, Psychotherapeuten, Legasthenie- und Dyskalkulietrainer. Dafür nimmt das Ministerium pro Schuljahr 65 Millionen Euro in die Hand.
Die Schule Treustraße bekommt drei Vollzeitstellen – die Habacher aber teilt. Entschieden hat sie das nicht alleine, sondern mit ihrem Team. „Die Pädagogen mit jeweils halber Lehrverpflichtung sollen in der Sprachförderung zum Einsatz kommen. Ich denke da an zusätzliche Kleingruppen, aber auch integrative Unterstützung im Unterricht.“ Eine Tanz- und Musikpädagogin wird mit einer ebenfalls halben Lehrverpflichtung Musikstunden von Klassenlehrerinnen übernehmen, die in dieser Zeit wiederum in Form von Teamteaching andere Kolleginnen etwa im Deutschunterricht unterstützen. Die dritte Vollzeitstelle wird ebenfalls geteilt – damit möchte Habacher eine Psychotherapeutin und eine Sozialpädagogin ins Team holen.
Im Ergebnis erhofft sie sich positive Auswirkungen für die Kinder, aber auch zufriedenere Lehrer und Lehrerinnen, „die spüren, es lastet nicht alles auf mir, da gibt es nun Personen, an die ich etwas abgeben kann“. Und sie erhofft sich auch Förderung für jene Schüler und Schülerinnen, die nie Probleme machen und daher oft zu wenig Aufmerksamkeit bekommen.
Akademikerkinder und Flüchtlinge
Hier setzt auch Gabriele Riefler an. Sie leitet den Pflichtschulcluster Nussdorf, an dem jeweils 180 Kinder und Jugendliche die Volks- und die Mittelschule besuchen. Sie sieht ihren Standort nicht als „Brennpunktschule“, sondern als Schule mit heute in Wien typischer, sehr inhomogener Schülerpopulation. „Zu uns kommen Akademikerkinder genauso wie Flüchtlingskinder.“ Gefördert werden sollen aber am Ende alle: die einen, um Defizite zu überwinden, andere in ihren Begabungen.
Wenn es so eine Möglichkeit wie den Chancenbonus gibt, macht man natürlich gerne mit

In der Volksschule in Nussdorf gibt es aktuell nur zwei Kinder, die aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse dem Unterricht nicht folgen können und die daher Deutschförderung erhalten. In der Mittelschule gibt es eine Deutschförderklasse mit zwölf Schülern und Schülerinnen. Integrationsklasse gibt es in der Volksschule keine, in der Mittelschule zwei. Wie auch in der Schule Treustraße sind hier keine körperbehinderten Jugendlichen zu finden. „Es sind im Wesentlichen Schüler mit ADHS, im Autismus-Spektrum und Kinder mit Lernschwäche.“
Schon jetzt gibt es an der Schule eine Beratungslehrerin. Aber, sagt Riefler: „Wenn es so eine Möglichkeit wie den Chancenbonus gibt, macht man natürlich gerne mit.“ Auch ihre Schule fällt nach den Berechnungen der Statistik Austria unter jene Standorte, die von vielen Kindern aus sozio-ökonomisch eher schwachen Familien besucht werden. Ab Herbst stehen der Direktorin daher zwei zusätzliche Vollzeitstellen für die Volksschule und eine weitere für die Mittelschule zur Verfügung. Gemeinsam mit ihrem Team hat auch sie ausgelotet, wie diese Ressourcen am sinnvollsten eingesetzt werden können.

„Wir sind keine Brennpunktschule“, sagt die Direktorin. Unterstützung braucht es dennoch.

„In der Volksschule wird es nun eine Legasthenietrainerin und einen Bewe gungscoach geben. In der Mittelschule wird eine Sozialpädagogin unterstüt zen.“ Die Erwartungshaltung? Es gebe einige Kinder mit Lernschwächen und „jede Kollegin ist froh, wenn sie einmal die Klasse teilen kann“. In Sachen Sport warte man noch immer auf die tägliche Turnstunde, der Bewegungscoach soll hier für entsprechendes Angebot sor gen. Die Sozialpädagogin soll einerseits in Projekten mit allen Schülern arbeiten, Stichwort Soziales Lernen, andererseits aber auch bei Streitereien zwischen Jugendlichen vermitteln.
Tierische Unterstützung
„Insgesamt erhoffe ich mir hier weitere Unterstützung für ein gutes Schulklima, aber auch, dass die Lernmotivation erhalten bleibt. Die geht in der Pubertät oft verloren, aber indem wir versuchen, alle Kinder zu fördern und zu fordern, kommen wir hier vielleicht wieder einen Schritt weiter.“ Riefler ist überzeugt: Jede zusätzliche Ressource wirkt sich positiv aus. An diesem Tag ist zum Beispiel Bennet im Haus, ein knapp ein Jahr alter Dalmatiner, der einem Lehrer gehört. Er absolviert mit ihm die Therapiehundeausbildung, aktuell wird das Tier an die laute Umgebung in der Schule gewöhnt. Doch schon jetzt wirke der Hund beruhigend auf die Kinder „und ab und zu tut Bennet auch den Lehrerinnen gut“, erzählt die Direktorin.


Hilfe bei Verhaltensauffälligkeit
Martina Vogel-Waldhütter hat an ihrer Schule mit ganz anderen Herausforderungen zu kämpfen. Sie sagt daher auch klar: „Ja, das ist eine Brennpunktschule.“ Die Mittelschule Enkplatz in Wien-Simmering wird in diesem Schuljahr von 383 Kindern und Jugendlichen besucht, zwei Drittel von ihnen sind muslimisch – das ist gerade an einer Schule mit Sportschwerpunkt im vor Kurzem zu Ende gegangenen Ramadan, Stichwort Fasten, zwar eine Challenge, aber keines der ganz großen Probleme.
Acht der 16 Klassen sind Integrationsklassen, 41 Schüler und Schülerinnen haben sonderpädagogischen Förderbedarf. Eine eigene Deutschförderklasse gibt es aktuell nicht – nur acht Kinder brauchen derzeit quer über die Schulstufen Deutschförderung. 86 Prozent der Kinder haben zwar eine andere Muttersprache als Deutsch, doch die meisten von ihnen könnten dem Unterricht gut folgen, sagt die Direktorin.
Was Vogel-Waldhütter mehr beschäftigt: Schüler, die massiv verhaltensauffällig sind und so stören, dass Unterricht kaum möglich ist. Manchmal liegt es daran, dass sie ihre Medikamente nicht einnehmen, dann versucht sie, das den Eltern klar zu machen. Wenn gar nicht anders möglich, bekommen diese Kids ihre Medizin morgens um halb acht in der Direktion gemeinsam mit einem kleinen Frühstück – „das wird natürlich vorher mit den Eltern in einer Vereinbarung schriftlich festgehalten“.
Andere Jugendliche wurden straffällig, sitzen in Untersuchungshaft und kehren dann an die Schule zurück. Dass die Schule hier aus Datenschutzgründen nicht über den Grund der Haft informiert wird, ist ein massives Problem. So ist es schwierig, eine potenzielle Gefährdungslage einzuschätzen. Wieder andere Jugendliche leiden an einer Suchterkrankung.
Während des Interviews sitzt an diesem Tag zum Beispiel eine Schülerin in der Direktion, die Hilfe benötigt. Bis hier das Jugendamt aktiv wird, kann es aber dauern. Bis dahin betreut die Direktorin die Schülerin während des Schultags individuell.
Angebote für Mädchen
Um die Relationen aber auch wieder zurechtzurücken: „Ich habe fünf wirklich schwere Problemfälle an der Schule, die täglich eine Herausforderung sind. Dazu kommen pro Klasse zwei bis drei tagesaktuell schwierige Kinder“, sagt die Direktorin. Eine Timeout-Klasse federe hier einiges ab. Manchmal brauche es aber eben auch eine Einzelbetreuung – da springe sie dann ein. „Dann kann nur ich nicht arbeiten. Aber es können die 24 anderen Kinder arbeiten und alle Lehrer, die in der Klasse unterrichten.“ Ressourcen, wie sie nun über den Chancenbonus der Schule zur Verfügung gestellt werden, sind auch hier herzlich willkommen.
Ihre Schule war bereits Teil des Projekts „Respekt: Gemeinsam stärker“. „Den Chancenbonus sehe ich nun als Wertschätzung für all unsere Arbeit, aber auch als Einsicht, dass es Schulen gibt, die von ihren Voraussetzungen her unterschiedlich sind. Und ich freue mich sehr über dieses Sehen und das auch aktiv Etwas-dagegen-Machen.“
Mir ist wichtig, dass möglichst viel bei den Kindern ankommt – auch bei jenen, die keine Probleme machen

Auch Vogel-Waldhütter hat zunächst ihr Lehrer- und Lehrerinnen-Team gefragt, bei welcher der angebotenen Professionen sie den höchsten Bedarf sehen. Ihre Schule hat zwei Vollzeitstellen zugewiesen bekommen. „Ich habe mein Team gebeten, ein Ranking zu erstellen, da sind Schulpsychologie und Psychotherapie ganz oben gelandet. Aus unserem Alltag wissen wir aber, dass Leute, die solche Ausbildungen machen, dann nur für wenige Stunden an eine Schule kommen. Das hilft uns aber nicht weiter.“
So fiel die Entscheidung schließlich für zwei halbtags beschäftigte Sozialpädagogen sowie je eine halbe Stelle für eine Musik- und eine Theaterpädagogin. „Mir ist wichtig, dass möglichst viel bei den Kindern ankommt – auch bei jenen, die keine Probleme machen.“
Die Schule am Enkplatz wird aufgrund des Sportschwerpunkts zu zwei Dritteln von Burschen besucht, Mädchen fühlten sich oft in den Hintergrund gedrängt. Sie sollen nun vom Musik- und Theaterangebot profitieren.

Die Mittelschule Enkplatz hat einen Sportschwerpunkt. Das zieht vor allem Buben an

Die Sozialpädagogen sollen jeweils zwei Schulstufen betreuen, dabei eine Beziehung zu allen Jugendlichen aufbauen, aber auch im Anlassfall Krisenfeuerwehr sein. „Im Idealfall gelingt mit dieser zusätzlichen Ressource mehr Respekt im gegenseitigen Umgang, mehr Freude am Miteinander.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 15/2026 erschienen.







