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2nd Opinion: Selbstverwirklichungsmaschine

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Michael Fleischhacker

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Die jüngsten Ereignisse an der ORF-Spitze zeigen, dass es den Politikern nicht darum geht, wie es dem ORF geht, sondern wie es ihnen im ORF geht. Statt transparenter Aufklärung von Vorwürfen gibt es mafiös anmutende Manöver zur Beeinflussung der bevorstehenden Wahl des Generaldirektors.

Der ORF-Generaldirektor tritt am Internationalen Frauentag zurück. Angeblich wegen unangemessenen Verhaltens gegenüber einer jungen Mitarbeiterin. Nichts Genaues weiß man aber nicht. Weil der ORF eben nicht eine Selbstverständigungsmaschine für die Gesellschaft, sondern eine Selbstverwirklichungsmaschine für mittelmäßige Politiker und moralisierende Journalisten geworden ist.

Der mächtigsten Medienmanagers des Landes, der Generaldirektor des noch immer über ein De-facto-Monopol verfügenden ORF, wurde dazu gezwungen, am Internationalen Frauentag seinen Rücktritt zu erklären. Wenige Tage zuvor hat offenbar der Anwalt einer jungen Frau den Spitzen des Stiftungsrats (SPÖ und ÖVP, was sonst) Ton- Bild- und Textdokumente vorgelegt, die belegen sollen, dass sich Generaldirektor Roland Weißmann im Jahr 2022 gegenüber einer sehr viel jüngeren ORF-Mitarbeiterin unangemessen verhalten haben soll. Nichts Genaues wissen wir aber nicht, weil in diesem Land sexuelle Übergriffe von Männern in einflussreichen Positionen auf Frauen, die ihr Leben nicht bis zum Ende an der Stelle verbringen wollen, die ihnen das heilige Medienpatriarchat zugewiesen hat, zwar offensichtlich immer noch an der Tagesordnung steht, deshalb aber noch lange nicht in der geforderten und eigentlich selbstverständlichen Trans­parenz öffentlich verhandelt werden. Die Männer glauben, dass sie da irgendwie schon rauskommen und ihre Übergriffe am Ende augenzwinkernd als ihre spezielle Form der ­Mitarbeiterinnenmotiva­tion darstellen können, und einige der Betroffenen sehen die Chance, endlich einmal am richtig großen Rad zu drehen und die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.

Macht und Wahrheit

Wenn den Angaben der involvierten Stiftungsräte – beides ausgebuffte Kommunikationsprofis, der eine in Diensten der SPÖ, der anderen in Diensten der ÖVP, aber natürlich beide vollkommen unabhängig-unbestechliche Experten ohne Partei-Abhängigkeit – zu trauen ist, waren Dokumente, die man ihnen wenige Tage vor Weißmanns Rücktritt präsentierte, von solcher Eindeutigkeit, dass es zu einem Rücktritt keine Alternative gab. Wenn dem so war, würde man sich als zahlender Bürger erwarten, dass in einem öffentlich-rechtlichen Unternehmen eine fristlose Entlassung ausgesprochen und deren Begründung den Haushaltsabgabenzahlern umgehend transparent mitgeteilt werden. Sollte die gewählte Formulierung, dass Herr Weißmann „als Generaldirektor“ zurücktritt, bedeuten, dass er in seiner früheren Funktion weiterhin vom ORF bezahlt wird, und zwar bis zu seiner Pensionierung, wäre das öffentlich zu machen, damit man den berechtigten Sturm auf die ORF-Zentrale auf dem Küniglberg rechtzeitig organisieren kann.

Sollte es so sein, dass man sich auf eine Variante geeinigt hat, die allen Beteiligten die Offenlegung der Fakten, zum Beispiel in einem Gerichtsprozess, erspart, den Generaldirektor zu Fall bringt, der Betroffenen eine weitere Karriere im ORF ermöglicht (bisschen stinky, aber fair enough) und vom ORF einen langfristigen Imageschaden abwendet (wird nicht funktionieren), dann hätte man wieder einmal jene Art der durchschnittlichen österreichischen Vorgangsweise gewählt, die zuerst besonders schlau daherkommt und sich am Ende als das Dümmste erweist, auf das man bei langem Nachdenken hätte kommen können.

Wir leben noch immer in einem Operettenstaat leben, in dem wechselseitige Abrechnungen zwischen mittelmäßigen Figuren den Ton angeben

Es gibt nämlich in einer zivilisierten Gesellschaft nur zwei Möglichkeiten: Entweder der ORF-Generaldirektor hat sich erwiesenermaßen einer Mitarbeiterin gegenüber in sexueller Weise unangemessen verhalten und gesteht das auch, dann muss er fristlos entlassen werden. Sollte das unklar sein oder der Beschuldigte sich unschuldig erklären, muss man es auf dem Gerichtsweg klären. Bis dahin muss der Generaldirektor suspendiert werden, anstehende Wahlen müssten allenfalls bis zur Klärung verschoben werden, denn ein politischer Abschuss durch solche Vorwürfe knapp vor einer Wahl wäre verwerflich.

Alles, was sich in den ersten Stunden und Tagen dieser Staatsaffäre abgespielt hat, zeigt, dass wir noch immer in einem Operettenstaat leben, in dem wechselseitige Abrechnungen zwischen mittelmäßigen Figuren, zwielichtige Deals zwischen halbseidenen Advokaten, die unangemessene Wichtigmacherei öffentlicher Funktionäre, die von der Sache keine Ahnung, aber ein übergroßes Ego haben, und Managern von Milliardenunternehmen mit dem Schulbewusstsein einer Stubenfliege leben.

Die von Politik und ORF-Management oft ventilierte Idee, dass der ORF so etwas wie die Selbstverständigungsmaschine unserer Gesellschaft wäre, in der wir den Stand unseres Bewusstseins, das Ausmaß unserer Wünsche, den Realitätsgehalt unserer Vorstellungen und den unverbrüchlichen Kern unseres moralisch-politischen Betriebssystems mit­einander aushandeln – und zwar in allen möglichen Formen vom fröhlichen Fest bis zur intellektuellen Rauferei –, wurde durch die jüngste Affäre bis zur Kenntlichkeit entstellt. Der ORF ist nach wie vor keine Selbstverständigungsmaschine für unsere Gesellschaft, sondern eine Selbstverwirklichungsmaschine für machtpolitisch anpassungsfähige Journalisten mit überschießenden Moralbedürfnissen. Das hat sich einfach so ergeben, weil es im ORF schon lange keine publizistische Instanz an der Spitze gibt, die sich über den Sinn der Sache Gedanken macht, sondern ausschließlich mittelmäßige Typen mit Überlebens­instinkt.

Entscheiden müsste eigentlich die Politik, aber Gerd Bacher hatte immer recht, als er sagte: Den Politikern geht es nicht darum, wie es dem ORF geht. Es geht ihnen ausschließlich darum, wie es Ihnen im ORF geht.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 11/2026 erschienen.

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