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Ungarns Außenminister als Moskaus Maulwurf in Brüssel

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Péter Szijjártó und Sergej Lawrow

©APA-Images, Russian Foreign Ministry, AFP

Der ungarische Außenminister Péter Szijjártó soll Moskau aus Sitzungen der EU-Minister berichtet haben – und beim russischen Außenminister um Wahlkampfhilfe für die slowakische Regierung gebeten haben

Dass die ungarische Regierung einen guten Draht nach Moskau hat, ist bekannt. Aber dass der ungarische Außenminister seinen russischen Kollegen quasi live über den Verlauf von EU-Ratssitzungen informiert? Das legt ein Bericht der Washington Post nahe. Die Post beruft sich dabei auf mehrere aktuelle und ehemalige europäische Sicherheitsbeamte, darunter den ehemaligen Leiter des ungarischen Cyberabwehrdienstes CDMA, Ferenc Fresz. „Seit Jahren sitzt Moskau quasi bei jedem einzelnen EU-Treffen mit am Tisch“, zitiert die Post eine Quelle aus EU-Sicherheitskreisen.

Live-Ticker aus EU-Ratssitzungen

Auch der ungarische Investigativjournalist Szabolcs Panyi ist seit Jahren an dem Thema dran. Ihm zufolge telefonierten Szijjártó und der russische Außenminister Sergej Lawrow unverschlüsselt – für Geheimdienste sei es ein Leichtes gewesen, diese Gespräche mitzuschneiden. „Szijjártó geht während Beratungspausen raus und gibt seinem russischen Kollegen praktisch Live-Updates darüber, was im Raum gesagt wird“, schreibt Panyi auf Facebook.

„Beamte und Politiker aus sieben EU-Mitgliedsländern“ hätten ihm bestätigt, dass der ungarische Außenminister „ständig vertrauliche Informationen an Sergej Lawrow und andere Russen weiterleitet“. Einer von Panyis Quellen: der ehemalige litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis. Er habe ihm gesagt, dass er 2024 von einem Vertreter eines Nato-Landes informiert worden sei, dass die Kommunikation zwischen Szijjártó und Lawrow weiterlaufe. Informationen aus den Sitzungen des EU-Außenministerrates weiterhin nach Moskau durchsickern.

Wahlkampfhilfe aus Moskau

Kürzlich veröffentlichte Panyi das Transkript eines Telefonats zwischen Szijjártó und Lawrow aus dem Jahr 2020. Lawrow ist da gerade auf der Münchner Sicherheitskonferenz. „Ich will dich nicht stören, aber der Premierminister (Orbán) hat mich darum gebeten, es zu tun“, sagt Szijjártó. Dann bittet er um russische Unterstützung für die slowakische Regierung bei der Parlamentswahl zwei Wochen später. Es wäre eine „Tragödie für die zentraleuropäische Zusammenarbeit“, wenn die Opposition gewinnen sollte. Diese stehe „unter ausländischem Einfluss“ und werde von George Soros finanziert.

Die Regierung müsse die Wahl gewinnen und die Rechtspartei SNS die Fünf-Prozent-Hürde überschreiten. „(Der slowakische) Premierminister Pellegrini war gestern hier und hat uns gesagt, dass es für ihn eine große Hilfe wäre, wenn euer Premierminister ihn für eine halbe Stunde empfangen würde.“ Lawrow sagt zu, die Bitte weiterzuleiten. Szijjártó betont erneut, „wie wichtig es für uns ist, dass die Koalition in der Slowakei weitergeht.“ Würde sie abgewählt, gäbe es „keine Hoffnung für pragmatische Kooperation in Zentraleuropa“.

Tatsächlich empfing der neue russische Ministerpräsident Michail Mischustin Peter Pellegrini nur zwei Tage vor der Wahl in Moskau – als ersten EU-Regierungschef. Die Wahl verlor Pellegrinis Regierung trotzdem, die kommende rechtsliberale Regierung unterstützte die Ukraine dann massiv mit Waffenlieferungen. Das ließ Russland nicht auf sich sitzen: „Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 wurde die Slowakei zum Hauptziel russischer Propagandakampagnen in der EU“, sagte der Soziologe Michal Vašečka der slowakischen Investigativplattform ICJK. Mit Erfolg: Die Ukraine sei schuld an der russischen Invasion, fanden im Mai 2023 mehr als die Hälfte der Slowakinnen und Slowaken laut einer Umfrage des Institutes Globsec. Nur 40 Prozent sahen Russland in der Verantwortung – der niedrigste Wert in allen acht zentraleuropäischen Staaten, in denen die Umfrage durchgeführt wurde. 2023 wurde die rechtsliberale Regierung abgewählt, heute ist wieder das prorussische Lager mit Fico und Pellegrini am Ruder.

Szijjártó hat mittlerweile selbst zugegeben, vor und nach EU-Treffen regelmäßig mit Lawrow zu telefonieren. Auf einer Wahlkampfveranstaltung sagte er, Entscheidungen auf EU-Ebene in den Bereichen Energie, Autoindustrie und Sicherheit würden auch Ungarns Beziehungen zu „Partnern“ außerhalb der EU betreffen. Diplomatie bedeute eben, „mit den Anführern anderer Staaten zu sprechen“.

Vergangenen Donnerstag wurde bekannt, dass die ungarische Regierung Szabolcs Panyi angezeigt hat. Der Vorwurf: Spionage.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 14/2026 erschienen.

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