Papst Leo XIV bei seiner Ankunft in der Stadt Bamenda in Kamerun.
©Abacapress, IMAGONeue Töne aus dem Vatikan: Auf seiner Afrikareise findet der Papst zu überraschender Deutlichkeit. Er benennt Missstände, stellt sich offen gegen Machtmissbrauch und wird so zur globalen moralischen Instanz.
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Sanft und zurückhaltend – so agiert Leo XIV. seit seiner Wahl zum Papst vor knapp einem Jahr. Das galt auch für seine ersten Auslandsbesuche in der Türkei, im Libanon und in Monaco. Allgemein gehalten und meist freundlich waren seine Ansprachen an die politischen Verantwortungsträger dieser Länder. Doch vollziehen seine Rhetorik und sein Regierungsstil gerade eine Wandlung – in enormen Tempo.
Den autoritären Machthabern dieser Welt bietet er die Stirn. Und denen, die unter ihnen leiden, zeigt Leo XIV. seine Nähe in ungewohnter Herzlichkeit. Seit vergangenem Montag reist der 70-Jährige durch Afrika. Doch waren es die USA, die den Trip zu einem medialen Großereignis machten. Ohne die fortlaufenden Polemiken der Regierung von US-Präsident Donald Trump wäre die öffentliche Aufmerksamkeit für die erste Afrikavisite des Kirchenoberhaupts wohl überschaubar ausgefallen. So analysieren nun Journalisten weltweit die päpstlichen Ansprachen hin auf Andeutungen in Richtung der US-Regierung.
Selbstbewusste und klare Ansagen
Zwar wurden die Reden bereits vor Wochen vom Vatikan vorbereitet und sicher nicht mit Blick auf Trump geschrieben. Doch nutzt Leo XIV. seine neu gewachsene starke Medienpräsenz klug aus. Das Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken lenkt die internationale Beachtung auf vergessene Krisenherde. Selbstbewusst und sehr konkret benennt er politische Missstände, wie in Kamerun geschehen.
Vor Langzeitherrscher Paul Biya (93) und weiteren Vertretern der autoritären Regierung prangert er die herrschende Korruption in dem westafrikanischen Land an, ruft zum Einsatz für das Gemeinwohl und der Achtung von Menschenrechten auf. Gleichzeitig bestärkt er das Engagement der Zivilgesellschaft und fordert ihre stärkere Einbeziehung in die Geschicke des Landes.
Einige ihrer Vertreter hatten vor Leos XIV. Ankunft in Kamerun Befürchtungen geäußert, Biya könnte den Papstbesuch nach seiner umstrittenen Wiederwahl im letzten Jahr zu seinen Gunsten instrumentalisieren. Doch mit seinen Auftritten zerstreute der Papst diese Sorgen.
Leidenschaftlichste Ansprache in Leos XIV. Amtszeit
Zu diesen zählte auch der historische Besuch der Stadt Bamenda. In der anglophonen Region des mehrheitlich frankophonen Landes kämpfen seit nunmehr zehn Jahren Regierungstruppen gegen Separatistengruppen. Tausende Menschen starben seitdem, Hunderttausende befinden sich auf der Flucht aus dem Krisengebiet. Viele Bewohner sind traumatisiert von der anhaltenden Gewalt.
In die dortige Kathedrale hatte Leo XIV. zu einem besonderen Friedensgipfel geladen. Vertreter von Christentum, Islam und lokalen Traditionen folgten seinem Ruf. Gemeinsam engagieren sie sich bereits seit einiger Zeit und mit einigem Erfolg in Vermittlungen zwischen den verfeindeten Gruppen. In der bisher lautesten und leidenschaftlichsten Ansprache seiner bisherigen Amtszeit lobte Leo XIV. dieses Engagement für Frieden in der Region.
Der Mann, der sich üblicherweise strikt an sein Redemanuskript hält, wich mehrfach vom vorbereiteten Text ab. Mit Nachdruck und kräftiger Stimme betonte er die Vorbildhaftigkeit dieser interreligiösen Friedensbewegung für die ganze Welt. Ebenso laut wurde er bei der Verurteilung der "Kriegsherren", die Leben für immer zerstörten, Milliarden von Dollars für Tod und Verwüstung nutzten, dem Land Ressourcen raubten und die Gewinne in Waffen investierten. Leo XIV. nannte dies eine "Spirale der Destabilisierung und endlosen Sterbens".
Entspannte Energie
Seit fünf Tagen absolviert Leo XIV. ein Programm mit einer straffen Terminabfolge und Treffen mit verschiedensten Gruppen. Jeden Tag bereist er auf dem Luftweg eine andere Region. Doch anstatt Energie zu verlieren, scheint er an Kraft zu gewinnen. Die Begeisterung der Menschen über seine Gegenwart überträgt sich auf das Kirchenoberhaupt: Trotz angespannter politischer Lage in den Besuchsländern agiert Leo XIV. entspannt mit den Menschen, die er trifft.
Er habe keine Angst vor der US-Regierung, sagte Leo XIV. am Montag auf dem Flug von Rom nach Algier. Das trifft offenbar auch auf Vertreter autoritärer Regime zu. Statt Hass und Spaltung verbreitet er die frohe Botschaft von Nächstenliebe und Frieden. So hat er sich in kurzer Zeit zu einer kraftvollen moralischen Instanz entwickelt, deren Stimme weltweit gefragt ist. Das dürfte auch in Angola und Äquatorialguinea gelten, den beiden nächsten Stationen seiner elftägigen Afrikareise.






