Der Skandal gehört wenigen. Den Schaden tragen viele: Der Fall ORF erzählt nicht nur von Vorwürfen und Verfehlungen, sondern von einem System, in dem Macht, Eitelkeit und Netzwerke mehr zählen als Fairness und gute Arbeit. Ein Einzelfall? Sicher nicht.
Die ORF-Causa ist noch lange nicht auserzählt. Fast täglich kommt ein neues Kapitel dazu: Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe, Intrigen, verletzte Eitelkeiten, alte Fehden, neue Vorwürfe. Was anfangs noch wie ein isolierter Vorfall wirkte, fügt sich immer mehr zu einem Bild. Und genau darin liegt die Wucht dieses Falls. An ihm zeigt sich etwas, was weit über den ORF hinausgeht: wie Unternehmen wanken, wenn Macht und Seilschaften wichtiger werden als Arbeit, Anstand und Fairness. Man könnte diese Causa als nächsten skandalträchtigen Einzelfall abheften. Klug wäre das nicht. Denn solche Fälle zeigen nicht nur Fehlverhalten, sie legen auch frei, wie ein System funktioniert: wer geschützt wird, wer schweigt, wer wegschaut und wer noch schnell an der Deutung seiner Erzählung arbeitet.
Das Muster dahinter ist nicht neu. Wo Menschen zusammenarbeiten, entstehen Hierarchien, Loyalitäten, Eitelkeiten und Machtzonen. Niemand schreibt in ein Leitbild: Bei uns gewinnt, wer sich intern am besten durchsetzt. Kein Unternehmen bekennt sich offen zu Intrigen. Erstaunlich viele dulden aber eine Kultur, die genau das belohnt. Auf dem Papier und in den Ansprachen zählen überall die Menschen. Im Alltag ist das nicht immer so eindeutig.
Beschädigtes Vertrauen
Das Problem beginnt nicht erst beim großen Skandal. Es beginnt viel früher. Im Ton. In der Art, wie über andere gesprochen wird, wenn sie nicht im Raum sind. In der Frage, wer ausreden darf. Wer mit einem Halbsatz lächerlich gemacht wird. Wer als schwierig gilt. Wer als unantastbar. Wer sich fast alles leisten kann. Und wer beim ersten Fehler spürt, dass für ihn oder sie andere Regeln gelten. In der Führung wird festgelegt, was geduldet, belohnt oder wegerklärt wird. Aber eben auch, was unterbunden, geschützt und ernst genommen wird. Machtspiele schließen gute Arbeit nicht aus. Aber sie beschädigen Vertrauen, Stolz und das Gefühl, in einem fairen und wertschätzenden System zu arbeiten.
Die meisten Menschen gehen nicht in ein Unternehmen, um Fehden auszufechten. Sie wollen arbeiten. Sie wollen recherchieren, organisieren, verkaufen, entwickeln, beraten, produzieren, führen, gestalten. Und dann reicht eine kleine Zahl von Menschen, nicht selten Männer, mit zu viel Ego, zu wenig Anstand und dem richtigen Netzwerk, um das Klima eines ganzen Hauses zu vergiften. Der Skandal gehört wenigen. Den Schaden tragen viele.
Viele Unternehmen reden dauernd über Effizienz und verschwenden gleichzeitig viel Energie mit Gerede und auf Nebenschauplätzen. Zu viel Revierkampf statt Zusammenarbeit. Zu viel „Reicht nicht!“, zu wenig „Danke!“. Zu viele Leute, die ganz genau wissen, wie es schneller und besser ginge, solange andere die Arbeit machen. Daumen runter ist oft billiger zu haben, als einen eigenen Beitrag zu leisten.
Was bei Männern als durchsetzungsstark, klar und führungsstark gelesen wird, gilt bei Frauen noch immer erstaunlich schnell als Zumutung
Altvaterisch und patriarchalisch
Und an Frauen wird diese Schieflage besonders sichtbar. Wer als Frau widerspricht, Missstände benennt oder einfach Raum einnimmt, bekommt oft schneller einen Stempel verpasst, als sie sich umdrehen kann: zickig, hysterisch, laut, emotional, schwierig. Diese Wörter beschreiben selten das Gesagte. Sie sollen entwerten, verunsichern und Fakten zur Nebensache machen. Was bei Männern als durchsetzungsstark, klar und führungsstark gelesen wird, gilt bei Frauen noch immer erstaunlich schnell als Zumutung. Erst recht in einem Land wie Österreich, das gerne als patriarchalisch und altvaterisch charakterisiert wird.
Zur Ehrlichkeit gehört auch: Machtspiele im Unternehmen sind kein exklusiv männliches Verhalten. Auch Frauen können die Ellenbogen ausfahren, gehässig sein, demütigen oder andere kleinmachen. Wer das leugnet, romantisiert Frauen und verkennt, was Macht mit Menschen anrichten kann. Und doch wäre es naiv zu behaupten, Geschlecht spiele in solchen Systemen keine Rolle.
Viele Machtcodes in Organisationen sind natürlich männlich geprägt: Dominanzrituale, das Verwechseln von Lautstärke mit Autorität. Dazu diese stillschweigende Komplizenschaft unter Männern, die sich gegenseitig zur Macht verhelfen, einander decken, einander bestätigen. Das funktioniert sehr geräuschlos. Und sehr effizient. Männerbünde sichern nicht nur Karrieren. Sie sichern oft auch, wessen Version einer Geschichte glaubwürdig wirkt. Frauen hingegen erleben viel zu oft die alte Opfer-Täter-Umkehr. Sie benennen etwas, und plötzlich geht es nicht mehr um das, was passiert ist, sondern um ihre Motive, ihren Ton, ihr Auftreten.
Wertschätzung heißt nicht, Unterschiede einzuebnen oder Leistung zu romantisieren. Wertschätzung heißt, die Arbeit anderer nicht reflexhaft kleinzureden. Nicht jede gute Idee als Angriff aufs eigene Revier zu sehen. Nicht Respekt an Rang zu koppeln. Wertschätzung heißt auch: zuhören. Ein Gespür zu haben, was geht – und was nicht. Aber auch: Dinge nicht immer laufen zu lassen. Sondern zu wissen, wann man als Führungskraft eingreifen muss. Nicht das Leitbild oder Ansprache zeigen, was in einem Unternehmen gilt, sondern der Alltag. Der Ton. Die Fairness. Und die Frage, ob viele in Ruhe arbeiten können, ohne dass wenige alles vergiften.






