Österreich hat sich wie alle EU-Länder dazu verpflichtet Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden. Doch wie sieht die Realität für obdach- und wohnungslose Menschen in Österreich aus? Von einem neuen Konzept gegen Wohnungslosigkeit, der größten Notschlafstelle in Wien, knapper werdenden Budgets, einer Tierarztpraxis in Margareten und einem nicht unrealistischen Ziel.
Die Gruft ist seit über 30 Jahren eine der wichtigsten Anlaufstellen für obdachlose Menschen in Wien. Als Teeküche, organisiert von Schüler:innen gestartet, ist sie mittlerweile ein 24-Stunden-Betrieb mit Streetwork. Sabine Hanauer, die Teamleiterin der Sozialarbeit führt mich durch die Schlafhalle, aufgeteilt in einen Männer- und Frauenbereich. Das Team besteht aus 12 Sozialarbeiter:innen, 27 Betreuer:innen und vielen ehrenamtlichen Helfer:innen, wie zum Beispiel einer Friseurin oder Freiwilligen, die kochen.
Neben der Notunterkunft kümmern sie sich auch darum, dass obdachlose Menschen etwas zum Essen haben, bei Behördengängen unterstützt werden und allgemein wieder in einen geregelteren Alltag zurückfinden. „Rund zwei Drittel der Menschen, die wir hier betreuen, bleiben bis zu sechs Monate bei uns. Die Betreuung endet in der Regel damit, dass die Betroffenen in eine weiterführende Wohnform wechseln, einen Therapieplatz erhalten oder in ihre alte Wohnung zurückkehren“, so Hanauer.
Über 20.000 Menschen obdachlos
Laut Statistik Austria waren 2023 in Österreich 20.500 Menschen als obdach- oder wohnungslos gemeldet. Über die Hälfte davon ist aus Wien. Die Gründe für Obdach- oder Wohnungslosigkeit können sehr vielfältig sein: Während Wohnen, Heizen, Strom und Lebensmittel immer teurer werden, bleiben Gehälter und Sozialgelder gleich. Seit 2006 haben sich die Mietpreise pro Quadratmeter verdoppelt. Doch die mittleren Bruttojahreseinkommen langen im Jahr 2023 inflationsbereinigt zwei Prozent unter dem Ausgangsniveau 1998, heißt es in einem Bericht des Rechnungshofes. Doch nicht nur strukturelle Probleme, sondern auch persönliche Schicksalsschläge sind oft der Grund für einen Wohnungsverlust. Psychische oder körperliche Erkrankungen, der Tod eines Nahestehenden oder Drogensucht können dafür sorgen, dass Rechnungen unbezahlbar werden.
Aus diesen Gründen sieht Hanauer das Ziel Österreichs bis 2030 Obdach- und Wohnungslosigkeit zu beenden als eher unrealistisch: „Trennungen und psychische Erkrankungen werden auch in Zukunft Teil unseres gesellschaftlichen Lebens sein. Umso wichtiger ist es, die Unterstützungsangebote für obdachlose Menschen weiter auszubauen – etwa durch leistbaren Wohnraum, zusätzliche Notschlafstellen oder Chancenhäuser. Ziel muss es sein, die Dauer von Obdachlosigkeit deutlich zu verkürzen und nachhaltige Perspektiven zu schaffen.“
Sabine Hanauer, Teamleiterin der Sozialarbeit, Gruft
© Oskar KaufmannDie Sozialorganisation „neunerhaus“ ermöglicht Menschen Hilfe zur Selbsthilfe. Mit verschiedenen Ansätzen wie Chancenhäusern oder dem erfolgversprechenden „Housing First“-Konzept ist der Verein, mit Sitz in Wien, seit seiner Gründung im Jahr 1999 eine der vorreitenden Organisationen in der Wohnungslosenhilfe.
„Ihr Nachbar könnte eine wohnungslose Person sein“
Daniela Unterholzer, seit 2017 eine der 4 Geschäftsführenden von neunerhaus ist maßgeblich für die Umsetzung des Housing-First-Modelles verantwortlich. Den Erfolg des Konzeptes erklärt sie wie folgt: „Menschen, die wohnungslos sind, brauchen vor allem eines: eine Wohnung. Wir geben den Menschen dieses Vorschussvertrauen und Arbeiten in der eigenen Wohnung mit der Person. Außerdem inkludiert Housing First. Ihr Nachbar könnte eine wohnungslose Person sein und sie würden es nicht merken. Das Konzept bietet eine Chance, auf einen Neuanfang, und zwar als Teil der Gesellschaft.“
„Wohnungslosigkeit beenden“ – damit wirbt neunerhaus auf Broschüren, Bannern und im Internet. Das Ziel, dies bis 2030 zu schaffen, sieht Unterholzer als unrealistisch. Es passiere zwar schon einiges, wie beispielsweise die Einrichtung einer europäischen Taskforce oder der Wohnschirm des Sozialministeriums, doch um Wohnungslosigkeit zu beenden, braucht es vor allem Wohnraum und der wird europaweit immer knapper. „Bis eine Wohnung gebaut und besiedelt wird, braucht es mindestens drei bis vier Jahre. Es braucht viel mehr Geld und Geschwindigkeit, dass dieses Ziel erreichbar wird.“, so Unterholzer. Das ganze Interview mit Daniel Unterholzer finden sie hier.


Tiere als Begleiter in schweren Zeiten
Im Winter als auch im Sommer sind die Bedingungen, unter denen Menschen auf der Straße leben, unvorstellbar. Die meisten sind chronisch krank. Das kann sich in Form von Unterernährung, das Frieren in der Kälte, Infektionen, Geschlechtskrankheiten, Dehydration oder offener Wunden zeigen. Der Alltag ist ein Kampf ums Überleben, begleitet mit dem Gefühl, nicht dazuzugehören.
Da können Tiere wie Hunde oder Katzen treue Begleiter sein. Die neunerhaus Tierarztpraxis kümmert sich seit mittlerweile 15 Jahren um die Tiere von obdach- und wohnungslosen Menschen, kostenlos. Dreimal die Woche untersuchen, chippen, impfen oder registrieren die ehrenamtlichen Tierärzt:innen und Assistent:innen die Tiere. An diesem Mittwochmittag ist weniger los als üblicherweise. Eine wartende Dame mit einer Katze erklärt, dass diese sich eine Wunde zugefügt hat, als sie einem Vogel nachgerannt ist. Sie ist sehr froh, dass es das Angebot gibt und schwärmt von der Geduld und Professionalität der Ärzt:innen.
Eva Wistrela-Lacek ist die tierärztliche Leiterin der Praxis und von Anfang an dabei. Sie versorgt die Katze mit einem Silberspray, gibt ihr Entwurmungsmittel und lobt sie für ihren Bobsch, bevor der Praktikant sie impfen darf.
Eine verletzte Katze in der „neunerhaus“-Tierarztpraxis
© Oskar KaufmannBudgetkürzungen
Die Tierarztpraxis, sowie der ganze Verein neunerhaus und die Gruft sind auf Spenden angewiesen. Beide Organisationen sind durch den Fonds Soziales Wien gefördert und somit von den Budgetkürzungen im Sozialbereich betroffen. „Ich kann nur appellieren, dass die Wohnungslosenhilfe das letzte Auffangnetz ist. Wenn die Wohnungslosenhilfe nicht helfen kann, dann bleibt nur mehr die Straße. Wir müssen uns als Gesellschaft im Klaren sein, dass wenn wir nicht wollen, dass Straßenobdachlosigkeit steigt die Wohnungslosenhilfe entsprechend finanziert werden soll.“, zeigt sich Unterholzer besorgt.
Klar ist: Obdachlosigkeit wird die Gesellschaft noch lange begleiten. Es gibt Lösungsansätze und ein ausgeprägtes Hilfsangebot für obdachlose Menschen, doch das reicht noch lange nicht um in den nächsten Jahren Obdachlosigkeit ganz zu beenden. Wenn Menschen auf der Straße leben müssen, stimmt irgendetwas mit dem Sozialstaat nicht. Die Lösung: gegen Armut und nicht gegen Armutsbetroffene zu kämpfen.
Spendenlinks
neunerhaus: https://www.neunerhaus.at/spenden/