Konflikt- und Friedensforscherin Nicole Deitelhoff fällt im Interview über die Auswirkungen des Kriegs im Nahen Osten ein hartes Urteil. Europa erscheine diesbezüglich nur noch als Kontinent statt als politische Macht. Das Völkerrecht gehe zugrunde, wenn dessen Verletzung nicht laut kritisiert wird, sagt sie.
Frau Deitelhoff, nach dem israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran schlägt das Mullah-Regime auf breiter Front zurück. In zahlreichen Staaten im Nahen Osten sorgen Raketen- und Drohneneinschläge für Zerstörung, Leid und Tod. Wie groß ist die Gefahr für Europa? Welche Auswirkungen hat der Krieg auf die EU?
Was wir jetzt schon an den Zapfsäulen merken, ist, dass die Energiepreise, also die Rohölpreise, steigen – und damit auch die Preise für Benzin und Diesel. Wenn dieser Krieg länger anhält und damit auch die Ölproduktion in der Region und der Transport von Rohöl durch diese Region für längere Zeit gestört bleibt, werden die Preise noch weiter steigen. Das ist ein Problem für die gesamte Wirtschaft in Europa, weil die EU natürlich auch auf diese Rohstoffe angewiesen ist. Wenn die Produktion teurer wird, belastet das auch den Export.
Es gibt neben den ökonomischen Aspekten auch politische Gefahren. Wie schätzen Sie diese ein?
Hier müssen wir vor allem zwei Dinge im Kopf behalten. Das eine ist, wir müssen damit rechnen, dass es zu einer neuen Welle von Terrorismus kommt. Das wird sich in erster Linie natürlich in der Region, also im Mittleren Osten, niederschlagen. Aber der Iran hat in der Vergangenheit auch schon versucht, Anschläge in Westeuropa zu verüben, auf Einrichtungen der USA oder auch auf jüdische Einrichtungen. Es gab insgesamt elf versuchte Anschläge, von denen wir in Deutschland wissen. Alle wurden vereitelt. Das heißt, wir können davon ausgehen, dass der Iran Schläfer oder aber doch zumindest Anhänger auch in westeuropäischen Ländern wie Österreich oder Deutschland hat, die aktiviert werden könnten. Die Sicherheitsbehörden sind vorbereitet, die Sicherheitsstufe wurde überall erhöht.
Und der zweite Punkt? Müssen wir mit einer Flüchtlingswelle rechnen?
Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass wir einen lang andauernden Krieg haben, in dem eventuell auch der Iran zerfällt, müssen wir mit verstärkter Migration rechnen. Wenn das Gewaltaufkommen steigt, wird es zu Fluchtbewegungen kommen. Und diese werden sich ganz sicher auch Richtung Europa bewegen.
Eine Gefahr für die Wirtschaft, Terrorgefahr, eine mögliche Flüchtlingswelle – kann man sagen, Europa zahlt den Preis für diesen Krieg?
Absolut! Dieser Krieg ist überhaupt nicht im europäischen Interesse, sondern er beeinträchtigt unsere Sicherheit und könnte mittelfristig unserer Wirtschaft ganz erheblich schaden. Hinzu kommt, dass dieser Krieg den ukrainischen Abwehrkampf gegen Russland, den Europa ja unterstützt, schwächt. Wir erleben gerade, dass das, was die Ukraine am dringendsten bräuchte, nämlich Luftabwehrmunition, faktisch im Mittleren Osten verschossen wird.
Allein in der vergangenen Woche wurden im Krieg gegen den Iran mehr Raketen eingesetzt, als im vergangenen Jahr überhaupt produziert wurden. Wir wissen auch, dass die Ukraine schon seit geraumer Zeit einen erheblichen Mangel hat, teilweise ihre Abfangsysteme gar nicht mehr einsetzen konnte, weil die Raketen nicht vorhanden sind. Das bedeutet also, dass auch unser Ziel, die Ukraine zu unterstützen, in Mitleidenschaft gezogen wird.
Es ist also für Europa eine lose-lose-Situation. Wir zahlen den Preis, gleichzeitig nimmt Europa in der Region nur eine Statistenrolle ein. Welche Versäumnisse wurden da gemacht?
Europa hatte einmal sehr viel Einfluss in dieser Region. Das lag insbesondere an dem internationalen Abkommen zur Begrenzung des iranischen Nuklearprogramms, also des Urananreicherungsprogramms. Das war wesentlich unter Initiative mehrerer Mitgliedsstaaten der EU zustande gekommen und hat auch sehr lange gehalten. Bis es US-Präsident Donald Trump in seiner ersten Amtszeit gekündigt und die Sanktionen wieder eingesetzt hat.
Man hat gedacht, man müsste sich nicht drum kümmern – jetzt fliegt es uns um die Ohren. Das zeigt leider die Strategielosigkeit der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik

Und man muss sagen, dass es Europa in der Folge nicht gelungen ist, hier eine eigene diplomatische Initiative aufzubauen, den Iran und auch die Region insgesamt besser im Blick zu behalten. Sondern man hat sich nach und nach zurückgezogen, je mehr man den Eindruck hatte, dass die USA die Frage Iran nicht mehr vorrangig behandelten. Heute hat man einfach nichts mehr in den Händen. Es gibt kaum noch klassische Formate, über die man miteinander in Verhandlungen treten könnte. Da ist viel einfach liegengelassen worden.
Jetzt haben wir in den letzten Tagen von verschiedenen europäischen Staatschefs gehört, man wolle wieder ein Format in dieser Region eröffnen, man wolle darüber reden, wie man wieder an den Verhandlungstisch kommt. Das wird nicht einfach, denn warum sollte die Region jetzt ausgerechnet nach Europa schauen, wenn doch in den letzten Jahren gar nichts mehr passiert ist? Das ist eben das Problem: Man hat gedacht, man müsste sich nicht drum kümmern – jetzt fliegt es uns um die Ohren. Das zeigt leider die Strategielosigkeit der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik.
Wie beurteilen Sie das Auftreten Europas in den vergangenen Tagen? Die Statements der EU-Spitzen waren eher nichtssagend, es hieß man verfolge die Entwicklungen „mit größter Besorgnis“ und rufe zu „äußerster Zurückhaltung“ auf. Die EU spricht auch nicht mit einer Stimme. Spaniens Premier Pedro Sánchez findet als Einziger klare Worte und verurteilt den israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran.
Dazu muss man natürlich auch sagen, dass Sánchez sich im Wahlkampf sieht. Was ich aber generell irritierend finde an der Reaktion der Europäer, ist vor allem, dass sie offensichtlich unvorbereitet waren. Wenn man sich diesen Angriff ansieht, dann war dieser ja nicht vollkommen unvorhersehbar. Ab einem gewissen Punkt war es allen Personen, die sich auskennen, vollkommen klar: Wenn so viel Material in diese Region verschoben wird, dann wird da auch etwas passieren. Was mir nicht verständlich ist: Warum hat sich die EU nicht schon vorab zusammengesetzt und überlegt, was die europäische Haltung dazu ist?
Das macht jetzt den Eindruck, dass Europa einfach ein Kontinent ist, aber keine politische Macht, die in irgendeiner Weise Einfluss nehmen kann, weil sie immer erstmal Wochen braucht, um sich zu finden und tatsächlich auch eine Position miteinander zu teilen, wenn es denn überhaupt gelingt. Gerade in Zeiten eines US-Präsidenten Donald Trump hat Europa doch viele einschneidende Erfahrungen gemacht – Stichwort Venezuela, Stichwort Grönland, und so weiter. Das zeigt, dass Europa seine Lektionen noch immer nicht gelernt hat. Oder vielleicht können wir es auch nicht. Das muss man auch einmal in den Raum stellen. Vielleicht ist Europa tatsächlich strategieunfähig.
Ein hartes Urteil. Trifft das auch auf die UNO zu, die in den derzeitigen Kriegen kein Gehör mehr findet?
Die Bindungsfähigkeit internationaler Organisationen nimmt ab. Die Vereinten Nationen sind ja dafür da, dass sie im Fall der Fälle mit Hilfe vor Ort relativ schnell dafür sorgen können, dass sich die Lage wieder beruhigt. Doch in allen großen Kriegen der Gegenwart spielen die Vereinten Nationen keine Rolle mehr. Die Frage ist, wie bekommen wir es wieder hin, dass die internationalen Organisationen wieder funktionieren können, dass sie wieder in diesen Konflikten mehr Bedeutung erfahren. Das kann eigentlich nur gehen, wenn sich Staaten zu einer Initiative zusammenschließen.
Das Völkerrecht geht nicht dadurch zugrunde, dass es mal von Staaten verletzt wird. Sondern es geht dann zugrunde, wenn niemand mehr die Verletzung kritisiert
In den vergangenen Tagen ist viel vom Völkerrecht die Rede. Europa hält sich mit Wortmeldungen zurück, Expertinnen und Experten sagen jedoch klar, dass der Angriff der USA und Israels auf den Iran völkerrechtswidrig ist. Wie beurteilen Sie das?
Ich stehe definitiv auf der Seite „völkerrechtswidrig“. Das ist wirklich relativ simpel. Wir haben ein generelles Gewaltverbot, und wir haben eine Ausnahme davon. Diese Ausnahme ist der Artikel 51 der UN-Charta, das Recht auf Selbstverteidigung. Das heißt, ich darf nur dann Gewalt anwenden, wenn ich angegriffen werde.
Es gibt zwar auch die Möglichkeit, sich schon vor einem Angriff zu wehren, nämlich dann, wenn unmittelbar ein Angriff droht. Dafür sind aber sehr enge Grenzen gesetzt. Der Angreifer muss neben dem erkennbaren Willen zum Angriff auch die Kapazitäten dafür haben, und der Angriff muss unmittelbar bevorstehen.


Eine Rauchwolke über Vororten von Beirut zeugt von der Ausbreitung des Kriegs im Nahen Osten
© APA-Images / AFP / IBRAHIM AMRODer Iran hat sicher den Willen zur Vernichtung Israels, aber dafür gegenwärtig keine ausreichenden militärischen Kapazitäten. Und wenn die Kapazitäten nicht vorhanden sind, kann es auch keine unmittelbare Bedrohung geben. Dann ist es ein Präventivkrieg, und ein solcher ist verboten. Wirklich bedenklich finde ich, wie Europa in dieser Frage reagiert hat. Nämlich abwartend bis beschwichtigend. Das ist problematisch, denn das Völkerrecht geht nicht dadurch zugrunde, dass es mal von Staaten verletzt wird. Sondern es geht dann zugrunde, wenn niemand mehr die Verletzung kritisiert.
Israel und die USA haben überhaupt keinen Plan für die Zeit nach dem Krieg. Das muss man sich ganz deutlich machen
Das Gegenargument in der Frage der Völkerrechtskonformität lautet, der Iran will Israel auslöschen und ist außerdem ein verbrecherisches Regime, das Massenmord an der eigenen Bevölkerung begeht.
Beides ist ein legitimer Grund für einen Angriff, auch wenn es nicht legal ist. Das war die Formel, die man 1999 im Kosovo gefunden hat. Ein Angriff ist zwar illegal, aber dennoch legitim, weil der Schutz der Bevölkerung Vorrang haben muss. Das hat immer auch Konsequenzen. Russland beruft sich etwa bis heute auf den Kosovofall, um seine militärischen Interventionen in seiner Nachbarschaft zu rechtfertigen. Aber die Kosovo-Formel wird im Iran gar nicht genutzt. Dort geht es nicht um die geschundene Bevölkerung.
Es gibt keine Vorbereitungen für einen Regimewechsel seitens der USA und Israels. Das nenne ich einen doppelten Verrat an den Iranerinnen und Iranern. Man sagt ihnen, jetzt geht mal auf die Straßen und übernehmt die Macht, doch auf der anderen Seite hat man überhaupt keine Vorkehrungen getroffen, um sie dabei zu unterstützen und zu schützen.
Das heißt, Israel und die USA haben, aus Ihrer Sicht, keinen Plan für die Zeit nach dem Krieg?
Nein, sie haben überhaupt keinen Plan. Das muss man sich ganz deutlich machen. Es war nur eine Demonstration der völlig unbestritten überlegenen militärischen Dominanz der USA und Israels.
Es werden mehrere Szenarien, wie es im Iran weitergehen könnte, skizziert, diese reichen von gar keiner Veränderung über einen moderaten Nachfolger bis zur kompletten Demokratisierung. Welche Möglichkeit halten Sie für die wahrscheinlichste?
Wenn ich mir die momentane Lage ansehe, dann würde ich sagen, am wenigsten realistisch ist die Demokratisierung. Wir erleben, dass das iranische Regime auf diesen Angriff ziemlich gut vorbereitet war. Wir sehen kein Wackeln dieses Regimes, wir sehen keinen Aufbruch. Das einzige Szenario einer Art Öffnung, das ich mir vorstellen kann, ist ein moderater Kandidat, der auch tatsächlich gewählt wird, aber unter der Hand erholt sich das Regime.
Es ist furchtbar, was ich jetzt sage, aber wenn man nicht jetzt die Kraft findet, daraus eine groß angelegte Bodenoffensive mit einer langen Verweildauer im Land zu machen, dann fürchte ich, dass wir keinen Regimewechsel sehen werden oder, im schlimmsten Fall, eine weitere Verhärtung des Regimes oder konkurrierende Regime auf iranischem Boden mit noch höherer Gewalt.
Ich finde, das ist nicht das Einzige, das furchtbar klingt. Nach einer relativ friedlichen Zeit müssen wir uns generell wieder an Kriege gewöhnen?
Die kurze Antwort ist tatsächlich ja, das müssen wir. Das ist eine Entwicklung, die wir schon in den letzten zehn bis 15 Jahren sehen. Je weniger diese Kriege durch die internationalen Organisationen und Missionen eingedämmt werden können, desto mehr brechen sie aus und desto länger dauern sie eben auch an.
Steckbrief
Nicole Deitelhoff
Dr. Nicole Deitelhoff, 51 ist Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien Globaler Ordnungen an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, seit 2016 leitet sie auch das Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung. Deitelhoffzählt in Deutschland seit vielen Jahren zu den renommiertesten Politikwissenschafterinnen, sie ist gefragte Expertin in öffentlichen Debatten und ist regelmäßig in diversen deutschen TV-Talkformaten, zuletzt etwa bei Maybritt Illner, zu Gast.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 11/2026 erschienen.






