Nach dem Tod von Ayatollah Ali Khamenei kündigt Teheran eine rasche Ernennung eines Nachfolgers an. Ein gewählter Expertenrat entscheidet über das Amt auf Lebenszeit. In Washington wachsen unterdessen Zweifel, dass die Angriffe zu einem schnellen Sturz des Systems führen.
Nach dem Tod des langjährigen obersten Führers Ali Khamenei infolge von US-israelischen Angriffen hat die Führung der Islamischen Republik eine schnelle Ernennung eines Nachfolgers angekündigt. Damit soll die Handlungsfähigkeit des Staates demonstriert werden. Für die Bestellung des obersten Führers ist im politischen System des Iran ein klar definiertes Verfahren vorgesehen.
Wer bestimmt den neuen obersten Führer?
Das politische System des Iran, entstanden nach der Islamischen Revolution 1979, verbindet theokratische Elemente mit gewählten Institutionen. Der oberste Führer wird auf Lebenszeit vom sogenannten Expertenrat bestimmt. Dieses Gremium besteht aus 88 Juristen, die alle acht Jahre von der Bevölkerung gewählt werden.
Formal wird der oberste Führer von führenden Klerikern kontrolliert. De facto verfügt er jedoch über weitreichende Kompetenzen: Er hat das letzte Wort in zentralen innen- und außenpolitischen Fragen und ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte.
Einen Führungswechsel gab es bislang nur einmal. Nach dem Tod von Ruhollah Khomeini im Jahr 1989 bestimmte der Expertenrat Khamenei zu dessen Nachfolger. Der Übergang erfolgte damals innerhalb kurzer Zeit.
Entscheidung binnen Tagen erwartet
Nach offiziellen Angaben soll die Nachfolge „so schnell wie möglich“ geregelt werden. Ein Sprecher des zwölfköpfigen Wächterrats, der im iranischen Machtsystem eine Kontrollfunktion ausübt, verwies im Staatsfernsehen auf die geltenden gesetzlichen Vorgaben und die aktuelle Kriegssituation.
Außenminister Abbas Araqchi erklärte gegenüber Al-Jazeera, eine Entscheidung könne „in ein oder zwei Tagen“ fallen. Bereits zuvor hatte er betont, das System der Islamischen Republik sei nicht von einzelnen Personen abhängig und darauf ausgelegt, Führungskrisen zu bewältigen. Der Wechsel von Khomeini zu Khamenei sei seinerzeit in weniger als 24 Stunden erfolgt.
Übergangsrat übernimmt vorläufig die Führung
Bis zur Wahl eines neuen obersten Führers wird das Land von einem dreiköpfigen Übergangsrat geleitet. Ihm gehören Präsident Masoud Pezeshkian, Wächterratsmitglied Alireza Arafi sowie Justiz-Chef Gholamhossein Mohseni-Ejei an.
Pezeshkian erklärte in einer im Staatsfernsehen ausgestrahlten Videobotschaft, das Gremium habe seine Arbeit aufgenommen und werde den politischen Kurs fortsetzen.
Skepsis in Washington über raschen Systemwechsel
Während Teheran die institutionelle Stabilität betont, äußern Vertreter der US-Regierung Zweifel an einem kurzfristigen Umsturz. Drei mit Geheimdienstinformationen vertraute Insider sagten gegenüber Reuters, ein schneller Sturz des seit 1979 bestehenden Systems erscheine unwahrscheinlich.
Zwar sei die Führung durch Luftschläge und Personalverluste geschwächt, ein unmittelbarer Zusammenbruch werde jedoch nicht erwartet. Einschätzungen der CIA, die dem Weißen Haus vorlagen, gehen davon aus, dass Vertreter der Revolutionsgarden oder klerikale Hardliner eine Nachfolgeregierung anführen könnten.
US-Präsident Donald Trump hatte die Angriffe unter anderem mit dem Ziel begründet, das bestehende Regierungssystem zu beenden. Der demokratische Senator Chris Coons verwies hingegen darauf, dass es in der modernen Geschichte kein Beispiel für einen allein durch Luftangriffe herbeigeführten Regimewechsel gebe.
Revolutionsgarden: Netzwerk sorgt für innere Loyalität
Ein Insider hob die Bedeutung des Patronagenetzwerks der Revolutionsgarden hervor, das interne Loyalität sichere. Auch während massiver Proteste habe es keine nennenswerten Überläufer gegeben – eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Revolution.
Der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter Jonathan Panikoff vom Atlantic Council erklärte, sollte das Regime nicht stürzen, würden die verbliebenen Machtstrukturen ihre Mittel einsetzen, um an der Macht zu bleiben.
Strategiedebatten in den USA
Innerhalb der US-Regierung wird über das weitere Vorgehen diskutiert. Der Sondergesandte Steve Witkoff führte Gespräche mit dem Oppositionellen Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten Schahs. Ob eine von den USA unterstützte Oppositionsfigur im Iran politische Kontrolle erlangen könnte, gilt jedoch als offen.
Trump kündigte an, die Kommunikation mit Teheran wieder aufnehmen zu wollen – ein Hinweis darauf, dass Washington zumindest kurzfristig von einem Fortbestand der bestehenden Machtstrukturen ausgeht.
Im Iran selbst läuft unterdessen das institutionell vorgesehene Verfahren zur Bestimmung eines neuen obersten Führers – in einem System, das seine Stabilität nun unter besonderen Bedingungen unter Beweis stellen muss.
Internationale Pressestimmen zur Lage in der Region
Neue Zürcher Zeitung: „Der Regimewechsel soll also nicht mit Bodentruppen erzwungen werden wie 2003 im Irak, sondern durch Destabilisierung und einen Putsch. Es ist eine riskante Wette. Die Opposition in Iran ist schlecht organisiert und die Bevölkerung eingeschüchtert. Es sind die Revolutionswächter, die die Waffen tragen. Doch Donald Trump geht die Wette ein – er will Geschichte schreiben. (…) Es ist eine erstaunliche Entwicklung eines Präsidenten, der den Amerikanern noch vor einem Jahr hoch und heilig versprochen hat, das Land aus langwierigen Kriegen herauszuhalten. Trump pokert hoch – sicherheitspolitisch, aber auch innenpolitisch.“
Rossijskaja Gaseta (Moskau): „Die Hoffnungen Washingtons und Tel Avivs darauf, dass die Tötung iranischer Führer zum schnellen Regimewechsel führt, haben sich nicht erfüllt. Obwohl US-Präsident (Donald) Trump in der ihm eigenen Art erklärte, dass er schon 'gute Kandidaten' für den Posten des iranischen Staatschefs habe und es nun leichter werde, mit dem Iran zu verhandeln, gibt es keine Anzeichen für ein solches Szenario. Es ist schon bekannt, dass Ayatollah Alireza Arafi nach dem Tod Ali Khameneis vorläufig das Amt des Obersten Führers ausüben wird.“
Corriere della Sera (Rom): „In Venezuela verfolgte Trump ein 'kostengünstiges' Modell des Regimewechsels, das in Wirklichkeit ein Wechsel innerhalb des Regimes ist. Regimewechsel ist ein politisches und kein militärisches Ziel. Militärische Gewalt allein führt nicht zu einem Regimewechsel. Und selbst wenn das theokratische Regime im Iran fallen sollte, wird es nicht zwangsläufig eine demokratische Alternative geben, und ein von den Revolutionsgarden geführtes System würde seine außenpolitischen Ziele nicht ändern.“
Nepszava (Budapest): „Einer der gefährlichsten Risikofaktoren hinter dieser militärischen Aktion besteht darin, dass dahinter keine militärische Strategie erkennbar ist. Hat Donald Trump tatsächlich geglaubt, dass die Iraner unter der bloßen Wirkung der Bombardierungen das Regime stürzen würden? Wenn er wirklich davon ausging, dann hätte er – wieder einmal – Zeugnis von seinem erschreckenden Unverständnis und Dilettantismus abgelegt. (...) Es ist ein grotesker Treppenwitz der Geschichte, dass Donald Trump erst vor kurzem einen 'Friedensrat' gegründet hat.“
Rzeczpospolita (Warschau): „Die Gegner, die nun von Donald Trump die Chance erhalten haben, dem Regime den Todesstoß zu versetzen, sind weder organisiert noch vorbereitet. Es gibt positive Szenarien – zum Beispiel ein massives Überlaufen von Anhängern des Regimes auf die andere Seite und eine Übergangsphase, nach der 'der Iran wieder groß sein wird'. Aber wahrscheinlich wird es trotzdem zu Blutvergießen kommen. Es gibt auch sehr schlechte Szenarien: Chaos oder Bürgerkrieg im Iran. (…) Eine Warnung sind die Schicksale des Irak und Libyens nach dem Sturz der dortigen Diktatoren. Aber das sollte die Iraner jetzt nicht kümmern. Sie haben jetzt eine Chance, wie sie sie noch nie hatten.“
The Guardian (London):
„Die Tötung des obersten Führers des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, durch einen amerikanisch-israelischen Angriff ist ein gezielter Mord an einem Staatsoberhaupt. (…) Die Abscheu gegen das harte Regime in Teheran oder der Wunsch nach einer besseren Zukunft für das iranische Volk stellen keine rechtliche Rechtfertigung dar. (...) Die Vorstellung, dass komplexe Gesellschaften durch äußere Gewalt umgestaltet werden können, ist nicht neu. Sie funktioniert fast nie. Der Triumphalismus von Trump nach der Ermordung von Khamenei ist besorgniserregend, insbesondere, wenn von allen Seiten Zurückhaltung nötig ist.“
New York Times: „Das Regime, das (US-Präsident Donald) Trump stürzen will, hat seine Wurzeln in der US-amerikanischen Intervention im Iran. Es kam 1979 an die Macht, befeuert durch die weit verbreitete Wut über einen Putsch von 1953, den die CIA gemeinsam mit dem korrupten, von den USA unterstützten Schah organisiert hatte, der anschließend seine Macht festigte. Nun hat Trump gemeinsam mit Israel, dem erbittertsten Feind des Iran, die Ermordung des Staatsoberhaupts veranlasst. Er tat dies, ohne seine Strategie für die Zukunft zu erläutern und ohne die Unterstützung fast aller anderen Verbündeten. (...) Es existiert keine nennenswerte iranische Oppositionsgruppe, was große Unsicherheit über die weitere Entwicklung schafft. Ayatollah Khamenei hatte einen Nachfolgeplan, der Geistliche bevorzugte. Doch US-Geheimdienstmitarbeiter gehen davon aus, dass das Machtvakuum dazu führen könnte, dass Hardliner-Fraktionen der Revolutionsgarden die Kontrolle übernehmen. Die Risiken eines Bürgerkriegs, innerer Gewalt und regionaler Instabilität sind enorm.“
Wall Street Journal (New York): „Die ersten beiden Tage des US-israelischen Angriffs auf den Iran waren ein durchschlagender Erfolg, doch die Reaktion des iranischen Regimes hat auch den Grund für dessen Notwendigkeit offenbart. Der größte Fehler, den Präsident (Donald) Trump jetzt begehen könnte, wäre, den Krieg zu früh zu beenden, bevor das iranische Militär und seine inländischen Terrororganisationen vollständig zerschlagen sind. (...) Je länger die Bombardierungen Ziele des Regimes zerstören, desto wahrscheinlicher werden Risse in der Führung entstehen, die möglicherweise zu einem internen Putsch oder zum Verlust der Bereitschaft führen, die eigene Bevölkerung auf offener Straße zu massakrieren. Der Krieg muss nicht bis zum Sturz des Regimes andauern, aber er muss lange genug dauern, um einen weitaus größeren Teil seines Militärs und seiner internen Tötungsmaschinerie zu zerstören.“
Pravda (Bratislava): „Seit Jahresbeginn schaffte (US-Präsident Donald) Trump es, den Präsidenten Venezuelas, Nicolás Maduro, zu entführen, eine Blockade gegen Kuba zu verhängen und jetzt gegen den Iran loszuschlagen. Mit dem Erreichen einer Friedenslösung in der Ukraine klappt es aber gar nicht. Seit er wieder an der Macht ist, schickte er Ultimaten in den Kreml und drohte mit einer Verschärfung der Sanktionen gegen Russland. Aber mehr als ein Jahr seiner Regierungszeit hat nichts gebracht, was wenigstens als Anzeichen für eine Beendigung der Kämpfe zwischen Russen und Ukrainern gesehen werden könnte. (…) Zwischen dem, was Putin im Februar 2022 gegenüber der Ukraine und Trump im Februar 2026 gemacht haben, besteht kein grundlegender Unterschied: In beiden Fällen ging es um eine brutale Verletzung der territorialen Integrität eines fremden Staates und um ein Niedertreten der Grundsätze des Völkerrechts.“
