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2nd Opinion: Es wird nicht besser

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Michael Fleischhacker

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Die Gewissheit, ja sogar die Hoffnung, dass ein neues Jahr besser sein wird als das eben zu Ende gegangene, ist nicht mehr weit verbreitet. Der Verlust dieses Gefühls hat weitreichende Folgen, auch wenn die Lage möglicherweise besser ist als die Stimmung.

Ob ein Jahr, das gerade beginnt, am Ende besser gewesen sein wird als das Jahr, das gerade zu Ende gegangen ist, konnte immer schon niemand je wissen. Das hat die Menschen zu keiner Zeit daran gehindert, sehr feste Vorstellungen von der Zukunft zu haben, vor allem von der Tendenz zum Besseren oder zum Schlechteren. Aber es verläuft schon kein einzelnes Leben je linear, und die Geschichte tut das erst recht nicht. Immer passiert etwas Unvorhergesehenes, Glück lauert an jeder Straßenecke, aber es brechen auch von einer Sekunde auf die andere Katastrophen herein, wie über die Besucher jener Bar in Crans-Montana, in der mehr als 40 Menschen das Glück gesucht und den Tod gefunden haben.

Mit der kühnen, aber völkerrechtswidrigen Intervention der USA in Venezuela samt Verhaftung und Entführung des Machthabers Nicolas Maduro wird sich auch das Gefühl verfestigen, dass die Welt nicht nur nicht besser wird, sondern auch auf eine große globale Konfrontation zusteuert. Zuversicht ist Pflicht, sagen Politiker und Motivationscoaches, Zuversicht ist möglich, sagen Realisten, Zuversicht ist nichts für mich, sagen die Leidtragenden von Dauerkatastrophen in der Ukraine, im Jemen oder im Sudan. Und dann gibt es immer mehr Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass es früher immer besser wurde und jetzt immer schlechter. Wahr ist vielleicht, dass die Stimmung früher besser war als die tatsächliche Situation, während heute die tatsächliche Situation deutlich besser ist als die Stimmung. Global gesehen gab es noch nie weniger Armut und weniger Gewalt als heute.

Der Deal hält nicht

In den wesentlichen Glücksindikatoren gilt der positive Befund nach wie vor auch für Europa. Individuelle Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten, materielle Absicherungen, Bequemlichkeit des Alltags: All die in der allgemeinen Wahrnehmung an Europa vorbeiziehenden Mächte von China bis Indien und von Amerika bis Trump können vom europäischen Alltags-Lebensstandard nur träumen. Ist der sich auf dem alten Kontinent ausbreitende Pessimismus also nichts weiter als eine russisch-chinesisch-trumpistische Fake-News-Attacke auf den Kern der europäischen Mentalität, nämlich die Zuversicht?

Vielleicht auch, aber sicher nicht nur. Europa hat tatsächlich ein Problem, und dieses Problem ist nicht nur mentaler Natur. Die europäische Zuversicht ist eine Schönwetterveranstaltung, sie wurde seit dem Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit nie wirklich herausgefordert, im Gegenteil: Im Windschatten der großen Systemkonfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion haben die Europäer auf Pump eine üppige „Friedensdividende“ konsumiert. All das Geld, das ein unabhängiger, für seine eigene militärische Sicherheit verantwortlicher Staat für Verteidigung hätte ausgeben müssen, lenkten die Europäer in den Ausbau ihrer Sozialsysteme um. Man verschuldete sich fröhlich, sprach wider besseren Wissens von „Investitionen“ und wunderte sich, dass die Konsumausgaben sich nicht rechneten – ganz so, als würde sich ein kleines Kind darüber ärgern, dass es für die aufgegessenen Süßigkeiten keine Zinsen bekommt.

Wenn es uns nicht gut geht, lautet die Devise, muss auch die Demokratie ein Problem haben. Was, wenn nicht?

Dazu kommt, dass mit der Schönwetterzuversicht der Europäer ein Deal zwischen den progressiven Eliten und den konservativen Massen verbunden war: Solange wir Euch füttern und unterhalten, lasst Ihr uns in Ruhe unsere Sachen machen. Exaltierte Ideologieveranstaltungen und identitätspolitischer Überschwang kümmerten die breite Masse nicht, solange das Versprechen, dass es jedes Jahr besser würde mit Löhnen, Konsum und sozialen Wohltaten, eingehalten wurde. Das ist vorbei. Menschen, die sich vor dem Einkauf überlegen müssen, ob sie wirklich alles, was sie wollen, auch brauchen, Patienten, die mehrere Monate auf einen Facharzttermin warten, Bürger, die behördlich gequält werden, bevor sie im Stiegenhaus einen Nagel einschlagen dürfen, schauen ein bisschen kritischer auf das Wirken der Eliten als Konsumgewinnler, die ihr Glück nicht fassen können.

Es hilft der Stimmung auch nicht, dass diejenigen, die maßgeblich an der Erzeugung von Stimmungen mitwirken, nämlich die Medien, sich in einer katastrophalen wirtschaftlichen Situation befinden. Ihr Bedeutungsverlust verläuft sehr parallel zu dem der progressiven Eliten im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb. Mehrere Jahrzehnte lang hatte man sehr bequem voneinander profitiert, jetzt ist man gemeinsam zum Opfer der ökonomisch-ideologischen Konterrevolution geworden. Die beklagt man jetzt nicht nur gemeinsam lautstark, sondern stilisiert sie gleich auch zur Bedrohung für die liberale Demokratie hoch: Wenn es uns nicht gut geht, lautet die Devise, muss auch die Demokratie ein Problem haben. Was, wenn nicht?

Ein gesellschaftliches Organisationsprinzip wie die Demokratie lebt von ihrer mehrheitlichen Akzeptanz, und die ist derzeit tatsächlich bedroht, und zwar zu gleichen Teilen und mit gleichen Motiven von den progressiven Alt-Eliten und den konservativen Konterrevolutionären. Beide vertreten die Ansicht, dass demokratische Prozesse, die zu unerwünschten Ergebnissen führen, keine demokratischen Prozesse sein können. Dabei zeichnet sich die Demokratie vor allem dadurch aus, dass sie – im Unterschied zu diktatorischen Regimen – zu unerwünschten Ergebnissen führen kann. Solange wir an der Demokratie zweifeln, geht es ihr gut.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 01+02/2026 erschienen.

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