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2nd Opinion: Molekularer Bürgerkrieg

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Michael Fleischhacker

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Die französischen Gewaltexzesse des 17. Oktober zeigen, wie kaputt der französische Staat, die deutschsprachigen Medien und die europäische Migrations-und Integrationspolitik sind. Wer verstehen will, was passiert, muss auf alte Bücher zurückgreifen? Hans Magnus Ezensberger hat vor 30 Jahren in „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ beschrieben, was gerade passiert.

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Was am 17. Oktober in Frankreich passiert ist, wird vermutlich nicht nur die Franzosen noch länger beschäftigen. Die Spur der Verwüstungen, die von einem Mob aus Linksextremisten und gewaltaffinen migrantischen Verliererhorden in mehreren Städten angerichtet wurden, führt vielleicht direkt in die nächste schwere europäische Krise.

Frankreich ist nicht erst seit dem vergangenen Wochenende der kranke Mann Europas. Schon während der Eurokrise ab 2009, in der sich die Aufmerksamkeit vor allem auf Griechenland ­konzentrierte, war klar, dass das eigentliche Risiko am europäischen Horizont die kaputten französischen Staatsfinanzen sind. Daran hat sich nicht nur nichts geändert, es ist auch schlimmer geworden.

Frankreich ist bankrott, und der Kern des Problems ist – nicht anders als zum Beispiel in Österreich – ein Pensionssystem, das von der Nachhaltigkeit Lichtjahre entfernt ist und die öffentlichen Finanzen in einem Ausmaß konsumiert, das keine Spielräume mehr lässt, weder für Bildung noch für Infrastruktur. Erleichtert wird die französische Situation auch nicht durch die Tatsache, dass der Staatspräsident zur lächerlichen Figur geworden ist, die nichts mehr im Griff hat, aber sich öffentlich produziert wie eine mittelgute Karikatur von Napoléon Bonaparte.

Postkoloniales Geschwurbel

Es kommt jetzt gewissermaßen zusammen, was schon immer zusammengehört hat, wenn es darum ging, eine Gesellschaft fundamental zu zerrütten: Auf Sand gebaute staatliche Finanzierungssysteme, eine in Paralleluniversen agierende politische Elite, gescheiterte Migrations- und Immigrationspolitik, ein marodes Bildungssystem und der durchgehende Kontrollverlust in allen Sicherheitsapparaten vom Grenzschutz bis in die städtischen Polizeieinheiten.

Das pseudointellektuelle Verbindungsstück zwischen Linken und Migranten ist das postkoloniale Geschwurbel, das auch die antisemitischen Ausschreitungen im Gefolge des 7. Oktobers und des darauffolgenden Gaza-Kriegs dominiert. Wohlbehütete, in internationale Spitzenmarken gekleidete Junglinke aus den Berliner und Wiener Nobelbezirken, die sich heute gegen die Klimakatastrophe und morgen gegen den Völkermord engagieren, finden es nur würdig und recht, dass die über Jahrhunderte Ausgebeuteten aus dem globalen Süden sich jetzt zurückholen, was man ihnen einst geraubt hat.

Der Kapitalismus, sagen sie, macht nicht nur die Seelen seiner Akteure kaputt, sondern auch die globale Gerechtigkeit und den Planeten, und schauen in den Nachrichten verständnisvoll zu, wie im Protestgebiet Vermummte auch noch die Kaffeemaschine aus der kleinen, französischen Bäckerei tragen.

Der Wunsch, die richtigen Schuldigen am Geschehenen zu finden, überlagert den Versuch, das Geschehene zu verstehen

Es kommt viel zusammen in solchen Situationen, es ist nicht leicht zu verstehen, was gerade wo warum passiert, und dass auch die sogenannten Qualitätsmedien und die öffentlichen Rundfunkanstalten des deutschsprachigen Raums weniger Interesse an der Darstellung der Ereignisse haben als an ihrer „Einordnung“ in ihr eigenes Weltbild, erleichtert das Verständnis nicht gerade. Leider entsteht Medienpluralismus nicht dadurch, dass alle unterschiedlich deppert sind. Der Wunsch, die richtigen Schuldigen am Geschehenen zu finden, überlagert den Versuch, das Geschehene zu verstehen.

Zwischen Kurz und Ratlosigkeit

Im Standard ging man so weit, der investigativen Untersuchung eines Instagram-Posts von Sebastian Kurz mehr Platz zu widmen als dem Gewaltexzess selbst. Kurz hatte in diesem Post sinngemäß 20 Jahre verfehlte europäische Integrationspolitik für das Geschehen in Frankreich verantwortlich gemacht und davor gewarnt, dass Ähnliches bald auch in Wien passieren könnte.

Letzteres würde ich eher bezweifeln, denn auch wenn in beiden Ländern sowohl in der Migrations- als auch in der Integrationspolitik schwere Fehler gemacht wurden, gibt es doch in Frankreich, nicht zuletzt aufgrund der nordafrikanischen Kolonialgeschichte, noch einmal andere Rahmenbedingungen als in Österreich. Im Standard schrieb jedenfalls ein gewisser Maximilian Werner, es gebe für den Zusammenhang zwischen den französischen Ausschreitungen und der Migrationspolitik keinerlei Belege, und ich muss gestehen, dass mich das alles ein bisschen ratlos macht.

Opfermythos und Abhängigkeit

Wenn ich ratlos bin, greife ich oft zu Büchern, die vor mehreren Jahrzehnten erschienen sind, denn die beschreiben mitunter unsere Situation besser als die medialen Chronisten der Gegenwart. Hans Magnus Enzensberger Spiegel-Essay „Aussichten auf den Bürgerkrieg“, der 1993 auch als Suhrkamp-Band erschienen ist, listet einige Kriterien auf, an denen man die neue, globale, „molekulare“ Spielart des Bürgerkriegs, der nicht mehr den alten Mustern von Interessen und Akteuren folgt, sondern Ausdruck blinder Wut, sinnloser Gewalt und letztendlich der Sehnsucht der Wütenden nach der eigenen Vernichtung ist.

Die staatlichen Institutionen seien, schrieb Enzensberger vor mehr als 30 Jahren, solchen Ausbrüchen gegenüber nicht zuletzt deshalb machtlos, weil ihre Mechanismen von Kriminalitätsbekämpfung und Sozialarbeit nicht mehr griffen. Wie wahr: Die Dutzenden Milliarden Euro, die der französische Staat nach jedem der Gewaltexzesse der vergangenen Jahrzehnte in die Banlieues gepumpt hat, haben genau nichts bewirkt als die Verstärkung von Opfermythos und Abhängigkeit. Es sind und waren Investitionen in den molekularen Bürgerkrieg.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 43/2026 erschienen.

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