Schwarzmeerküste: Rund 400 Kilometer lang ist die bulgarische Küste am Schwarzen Meer. Jährlich kommen Tausende, auch um günstig Party zu machen.
©APA-Images / AFP / NIKOLAY DOYCHINOVBulgarien hat Anfang Jänner den Euro eingeführt, seit einem Jahr ist das Land Schengen-Mitglied. Trotzdem scheint Bulgarien hierzulande vielen fremd zu sein.
- 1. Ist Bulgarien unregierbar?
- 2. Wogegen wird protestiert?
- 3. Wie zeigt sich die Korruption?
- 4. Wie geht es Bulgariens Wirtschaft?
- 5. Welche Unternehmen punkten?
- 6. Geht Bulgarien die Bevölkerung aus?
- 7. Wie steht Bulgarien zu Russland?
- 8. Stehen nun russische Schriftzeichen auf europäischen Münzen?
- 9. Lohnt sich eine Reise nach Bulgarien?
- 10. Welche bulgarischen Produkte sind weltbekannt?
In den vergangenen Wochen war Bulgarien ungewöhnlich oft in den Schlagzeilen: Die Massenproteste, der Rücktritt der Minderheitsregierung und die Euro-Einführung standen im Rampenlicht. Ansonsten ist das Land in heimischen Medien eher eine Randnotiz.
Bulgarien ist seit 2004 Mitglied der NATO, seit 2007 in der EU und seit 2025 – nachdem Österreich sein Veto aufgegeben hat – im Schengen-Raum. Nun kann man dort auch mit Euro bezahlen. Damit sind erstmals reguläre Euro-Münzen mit kyrillischen Buchstaben im Umlauf. Dennoch: In west- und mitteleuropäischen Ländern scheint Bulgarien recht unbekannt zu sein. Wie tickt das Land zwischen Rosenöl und Regierungskrisen?
1. Ist Bulgarien unregierbar?
So wirkt es derzeit ein wenig. Denn gerade folgt eine Wahl nach der anderen: Seit 2021 erlebte das Land sieben vorgezogene Neuwahlen – und möglicherweise bald die achte. „Grund für die politische Instabilität ist eine tiefe Spaltung im Land“, sagt Atanas Pekanov. Er ist Ökonom am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) und war zwischen 2021 und 2023 zweimal stellvertretender Ministerpräsident Bulgariens.
Fragen, die polarisieren, sind laut Pekanov etwa: Wie tief soll sich das Land in die EU integrieren? Wie geht man mit Russland um? Wie soll Bulgarien Herausforderungen wie die Energiewende meistern? All das habe dazu geführt, dass es neun Parteien im Parlament gibt. „Bei einer derart fragmentierten politischen Landschaft ist es immer schwierig, eine Regierung zu bilden – nicht nur in Bulgarien“, sagt Pekanov.
2. Wogegen wird protestiert?
Zehntausende Menschen skandierten Ende 2025 im ganzen Land „Mafia, Mafia“. Auslöser der Proteste war der Haushaltsentwurf für 2026. Doch selbst, als die Regierung ihn zurückzog, rissen die Demos nicht ab. Schließlich warf die Koalition aus Konservativen, Sozialisten und Populisten das Handtuch. Sie war weniger als ein Jahr im Amt. Die Proteste richteten sich aber nicht gegen einzelne Parteien. „Das Thema, das all die Leute zusammengebracht hat, ist die Korruption und ihre Bekämpfung“, sagt Pekanov.


Proteste: In den Wochen vor dem Währungswechsel demonstrierten Tausende gegen Korruption. Bulgarien führte den Euro ohne reguläre Regierung und ohne Staats-Etat für 2026 ein.
3. Wie zeigt sich die Korruption?
Vor zehn oder 15 Jahren konnte es schon einmal passieren, auf der Straße wegen kleiner Verstöße von der Polizei gestoppt und vor die Wahl gestellt zu werden: Entweder den Polizisten schmieren oder später eine höhere Strafe zahlen, erzählt Pekanov. Das gebe es heute nicht mehr. Dennoch: Im Korruptionswahrnehmungsindex der Organisation Transparency International landete Bulgarien neben Ungarn und Rumänien 2024 auf dem letzten Platz unter den EU-Mitgliedstaaten. Wie zeigt sich die grassierende Korruption?
Das wahre Problem sei laut Pekanov der Einfluss von Oligarchen: „Das sind Leute, die extrem viel Macht und Kapital haben, ohne erklären zu können, warum. Wie kann es sein, dass jemand, der sein ganzes Leben lang Abgeordneter im Parlament war, ein Multimillionär ist?“
Eine besonders umstrittene Figur ist Deljan Peewski, Parteichef der DPS. Der Oligarch und frühere Medienmogul soll Justiz und Sicherheitsapparat unter seine Kontrolle gebracht haben. USA und Großbritannien haben Sanktionen wegen Korruption gegen ihn verhängt. Auf zahlreichen Demo-Plakaten diente sein Gesicht als Symbolbild für Korruption.
4. Wie geht es Bulgariens Wirtschaft?
Die bulgarische Wirtschaft wächst. Für 2026 rechnen Agenturen mit einem Wachstum von etwa drei Prozent. Auch Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit sind niedrig. Die finanzielle Disziplin des Landes lernte Bulgarien nach der Bankenkrise vor 30 Jahren, erklärt Emilia Penkova-Pearson, Bulgarien-Expertin am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). 1997 wurde die bulgarische Währung Lew an die D-Mark und später an den Euro gekoppelt. Das mache auch den Übergang zum Euro einfacher – und die Gefahr vor steigenden Preisen durch den Euro kleiner. In der Bevölkerung sehen viele den Euro dennoch skeptisch.
Gemessen am BIP pro Kopf ist Bulgarien weiterhin das ärmste EU-Land. „Die Einkommen sind weiterhin zu niedrig“, sagt Ökonom Pekanov. Das habe mit der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit und den niedrigen Infrastrukturinvestitionen der letzten zwei Jahrzehnte zu tun. Um den Lebensstandard zu erhöhen, braucht es laut Penkova-Pearson ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Bulgarien wird hier vom Euro profitieren, sind sich die Fachleute sicher. Man spare sich die Transaktionskosten und Ratingagenturen werden die Bonität des Landes verbessern – ein wichtiges Signal an Investoren.
Das ist auch hierzulande spannend. Denn Österreich ist nach den Niederlanden der zweitgrößte ausländische Investor. Unternehmen wie Telekom Austria, EVN und Vienna Insurance Group haben Niederlassungen in Bulgarien. „Voraussetzung für weitere Investitionen ist jedoch, dass es keine Korruption gibt“, sagt PenkovaPearson.
5. Welche Unternehmen punkten?
In Bulgarien gibt es durchaus Bereiche, in denen sich gut Geld verdienen lässt. In der IT-Branche sind die Löhne hoch, denn das Land ist beliebter Outsourcing-Standort für internationale Firmen. Hinzu kommen die Tourismusbranche, die Produktion von Autoteilen, Kosmetikprodukten und der Export von Metallen. In der Hauptstadt Sofia gibt es eine wachsende Start-up-Szene.


Sofia: Bulgariens Hauptstadt ist auch das ökonomische Zentrum des Landes. 2022 erwirtschaftete die Stadt mehr als 40 Prozent des bulgarischen Bruttoinlandsprodukts. Vor allem der IT-Sektor boomt.
© Getty ImagesEin bulgarisches Start-up, das nach den Sternen greift, ist EnduroSat. Das New-Space-Unternehmen entwickelt und produziert Kleinsatelliten, die Satellitenzugang und Datentransfer massiv verbilligen sollen. Was 2015 in einem Dachboden in Sofia begonnen hat, führte 2025 zur Eröffnung des größten Raumfahrtzentrums auf der Balkanhalbinsel. Mittlerweile beschäftigt EnduroSat mehr als einhundert Menschen und bekommt Investments in Millionenhöhe.
6. Geht Bulgarien die Bevölkerung aus?
Tatsächlich ist die demografische Entwicklung eine der größten Herausforderungen des Landes: Bulgarien hat derzeit rund 6,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Mitte der 1980er-Jahre waren es fast neun Millionen. Auf den Zusammenbruch des Kommunismus 1989 folgte eine große Abwanderungswelle. Kurz davor verließen mehr als 300.000 ethnische Türken Bulgarien, nachdem die kommunistische Regierung sie aufgefordert hatte, „freiwillig“ zu gehen. Die Kommunisten wollten das Land mit Zwangsmaßnahmen „bulgarisieren“.
Auch nach dem Beitritt zur EU wanderten viele Menschen aus. Die, die bleiben, ziehen in die Städte und verlassen die ländlichen Regionen. Hinzu kommen eine niedrige Geburtenrate und eine geringe Immigration. Für Wifo-Experten Pekanov ist es deshalb zentral, hier in die Ausbildung junger Leute zu investieren. Laut Penkova-Pearson vom WIIW braucht es bessere Beschäftigungsmöglichkeiten und eine starke Mittelklasse.
7. Wie steht Bulgarien zu Russland?
Es ist kompliziert. Bulgarien habe eine lange Geschichte guter Beziehungen zu Russland, sagt Wifo-Experte Pekanov: Die Länder seien sich sprachlich und religiös sehr nahe – beide Nationen sind orthodox. Auch wirtschaftlich spiele Russland nach wie vor eine Rolle: Einerseits besuchen zahlreiche russische Gäste das Land. Andererseits investieren russische Unternehmen viel Geld. So war der russische Konzern Lukoil der größte und wichtigste Zulieferer von Öl in Bulgarien. „Gleichzeitig sieht der Großteil der Bevölkerung die Gewalt Russlands gegenüber der Ukraine sehr kritisch“, sagt Pekanov. „In Bulgarien herrscht die Angst, dass das Land in Gefahr ist, sollte der Krieg noch größer werden.“
Auch die Geschichte verbindet die Länder. Unterschiedliche Deutungen gibt es darüber, ob Russland Befreier oder Besatzer war: Bulgarien stand 500 Jahre lang unter osmanischer Herrschaft. Mit der Hilfe Russlands wurde die Nation im 19. Jahrhundert wieder autonom, war zunächst aber unter russischer Vorherrschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg ergriff die kommunistische Bewegung die Macht und Bulgarien war als Satellitenstaat der Sowjetunion fest im Ostblock verankert.


Busludscha-Monument: Das Denkmal auf dem Berg Chadschi Dimitar in Zentralbulgarien erinnert an die Ära des Realsozialismus – und verfällt zunehmend.
© Unsplash8. Stehen nun russische Schriftzeichen auf europäischen Münzen?
Nein, das kyrillische Alphabet ist im 10. Jahrhundert im Ersten Bulgarischen Reich, am Hofe der Zaren, entstanden. Nach der Gründung der Nation im Jahr 681 stieg Bulgarien zeitweise zu den stärksten Mächten im Südosten Europas auf und beeinflusste die slawischen Kulturen, unter anderem durch die kyrillische Schrift und die Gründung der bulgarisch-orthodoxen Kirche.
Bulgarien zählt nicht nur zu den ältesten Staaten Europas. Im heutigen Gebiet – die Ausdehnung und geografische Lage veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte – finden sich auch die frühesten Belege für die Anwesenheit des Menschen in Europa. Die Region ist seit Tausenden Jahren besiedelt. Noch heute können Überreste der thrakischen, hellenischen und römischen Kultur besichtigt werden.
9. Lohnt sich eine Reise nach Bulgarien?
2024 haben 13 Millionen ausländische Gäste Bulgarien besucht. Der Schengenund Euro-Beitritt dürfte den Tourismus weiter ankurbeln. Besonders beliebt ist die Küste am Schwarzen Meer. Doch Bulgarien hat mehr als schöne Strände zu bieten.
Zu den acht UNESCO-Weltkulturerbestätten zählen etwa die Altstadt von Nessebar und das Kloster des heiligen Iwan von Rila. Wander- und Naturbegeisterte können in den beiden Naturerbestätten erkunden: den Nationalpark Pirin und das Biosphärenreservat Srebarna. Neben seiner langen Geschichte und geografischen Lage punktet Bulgarien auch durch die günstigen Preise. Wer beim Skiurlaub sparen will, ist hier gut aufgehoben.
10. Welche bulgarischen Produkte sind weltbekannt?
Wer teure Düfte trägt, trägt bulgarisches Rosenöl. Denn die Damaszener-Rosen aus Bulgarien sind zentraler Bestandteil renommierter Parfums. Die Herstellung des ätherischen Öls zählt zu den ältesten Traditionsgewerben des Landes.


Pandemie, Gaspreise und Erntehelfer-Mangel setzten zuletzt dem Gewerbe zu.
© Getty ImagesDas bulgarische Rosenöl gilt als das weltweit beste, zwei Drittel des Rosenöls kommen aus dem Rosental. Das hat seinen Preis: 10.000 Euro kostete das Kilo vor ein paar Jahren, berichten Medien. Neben dem Rosenöl ist auch das bulgarische Joghurt beliebt.
Bulgarien ist wohl das einzige Land, nach dem ein Bakterium benannt wurde: Es enthält das Milchsäurebakterium Lactobacillus bulgaricus und andere nur in der Region vorkommende Bakterien, die die Gesundheit fördern sollen. Im Gegensatz zu griechischem Joghurt wird es nicht abgeseiht, schmeckt säuerlich und ist stichfest. Hunderte Gäste, besonders aus Asien, strömen jährlich ins Land, um es zu probieren.
6,4 Millionen
Menschen leben in Bulgarien – ein Drittel weniger als in den 1980ern. Das Land zählt zu den am schnellsten schrumpfenden Nationen.
7 Wahlen …
… erlebte Bulgarien seit 2021. Die achte könnte bald folgen. Denn vergangenen Dezember warf die Minderheitsregierung das Handtuch.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 03/2026 erschienen.






