Auf welche Vorurteile stoßen Bulgarinnen und Bulgaren in Österreich? News hat mit dem Kolumnisten Todor Ovtcharov darüber gesprochen. Er wuchs in Sofia auf und lebt seit 2006 in Wien.
In Österreich leben rund 40.000 Menschen mit bulgarischer Staatsbürgerschaft, etwa 23.000 davon in Wien. Einer von ihnen ist Todor Ovtcharov. Der 39-Jährige wurde in Sofia geboren und kam 2006 fürs Studium nach Österreich. Ovtcharov ist Sozialarbeiter bei einer NGO und schreibt und spricht als Kolumnist bei FM4 auch über sein Geburtsland Bulgarien. Welche Erfahrungen hat er mit Österreicherinnen und Österreichern gemacht? Ein Protokoll.
„In meinen Studentenjahren habe ich mich in Wien für einen Job als Portier beworben. Der Arbeitsmarkt wurde damals gerade für Bulgaren geöffnet. Der Zuständige für die Personalauswahl war sehr erstaunt, als er meinen bulgarischen Pass sah. Er hat mich gefragt: ‚Sind Sie Asylwerber?‘ Ich antwortete: ‚Nein, ich bin EU-Bürger, wie ein Däne oder ein Franzose!‘
Bulgarien kommt in österreichischen Medien immer mit dem gleichen Satz vor: ‚Das ärmste Land der EU.‘
In den Köpfen der Menschen gibt es noch immer das Vorurteil, dass man arm ist. Oder dass man hier ist, um krumme Geschäfte zu machen. Ein Freund von mir, der in Sofia wohnt, war in Tirol auf Skiurlaub. Die Leute in seiner Unterkunft waren wirklich verblüfft, dass ein Bulgare hier Urlaub macht. Die waren gewohnt, dass Bulgaren das Hotelpersonal sind. Sie reagieren anders auf einen bulgarischen Pass als auf einen französischen.
Bulgarien kommt in österreichischen Medien immer mit dem gleichen Satz vor: ‚Das ärmste Land der EU.‘ Das stimmt, die Gehälter sind im EU-Vergleich niedrig. Aber in der Mittelschicht, besonders in den Ballungszentren wie Sofia, Plovdiv oder am Schwarzen Meer, sind die Gehälter wie in Griechenland oder Portugal.
Es gibt in Österreich kein Interesse an Bulgarien. Viele glauben, Bulgarien und Rumänien sind der gleiche Ort.
Vor allem Sofia boomt, das ist in den letzten Jahren ein IT-Hub geworden. Die Immobilienpreise sind sehr hoch. Das hängt auch mit der Euro-Einführung zusammen. Ein Freund von mir aus Sofia hat erzählt, dass es vor der Währungsumstellung unmöglich war, einen Termin bei einem Notar zu bekommen, weil alle vor dem 1. Jänner noch Immobilien kaufen wollten. Das Gute ist: Wenn Leute krumme Geschäfte gemacht und viel Bargeld haben, müssen sie das jetzt rausholen. Sonst verlieren sie es.
Es gibt in Österreich kein Interesse an Bulgarien. Meine Partnerin wurde einmal gefragt, ob sie für eine rumänische Kundin dolmetschen kann. Rumänien und Bulgarien sind für viele hier der gleiche Ort. Dabei ist Rumänien das Nachbarland, zu dem wir in Bulgarien die wenigsten Verbindungen haben.
Ich fühle mich auf jeden Fall noch mit Bulgarien verbunden, auch wenn ich seit 2006 hier lebe. Ich bin ein Wiener, aber ich werde niemals zum Österreicher. Denn ich habe nie gespürt, dass die Leute mich hier aufnehmen wollen. Die werden mich immer als Fremden ansehen. Zu Wien fühle ich mich schon zugehörig, weil das die Stadt ist, in der ich am längsten gelebt habe.
Wien ist manchmal sehr langsam und langweilig. Aber ich bin jetzt auch schon alt und langsam und langweilig.
Wien war Zufall. Ich war sicher, dass ich nicht in Bulgarien bleiben wollte – nicht, weil es mir dort schlecht ging, das ist keine traurige Geschichte über Armut. Ich komme aus einer gebildeten Mittelschicht-Familie. Mir war langweilig und wollte etwas Neues kennenlernen. Mit 13, 14 Jahren habe ich in Berlin gelebt, weil meine Mutter dort am bulgarischen Kulturinstitut gearbeitet hat. Dort und am deutschen Gymnasium in Sofia habe ich Deutsch gelernt. In Wien war niemand, den ich kannte – ich wollte nicht mit den gleichen Leuten verkehren wie in der Schulzeit.
Sofia ist eher wie Berlin als Wien. Die Menschen sind viel direkter. Seit es viele günstige Flüge aus ganz Europa gibt, kommen viele Leute zum Feiern. Es hat den Ruf als Berlin des Ostens. Wien ist manchmal sehr langsam und langweilig, vieles besteht schon sehr lange. Es gab eine Zeit, wo ich überlegt habe, wegzugehen. Aber ich habe mir hier ein Leben aufgebaut. Und jetzt bin ich auch schon alt und langsam und langweilig.
Meine beiden Töchter sind hier in Wien geboren. Als meine Partnerin und ich im Urlaub auf Costa Rica gesagt haben, wir kommen aus Bulgarien, meinte die ältere Tochter: ‚Warum sagt ihr Bulgarien? Wir sind nicht aus Bulgarien!‘ Aber meine Frau und ich wurden dort sozialisiert. In der Soziologie spricht man von ‚Hybrid Identity‘ – man ist beides, Österreicher und Bulgare. Für meine Kinder spielt das kaum eine Rolle. Sie sind bulgarische Staatsbürger, weil ihre Mutter und ich bulgarische Staatsbürger sind. Das ist komplett sinnlos. In den letzten vier Jahren hat Bulgarien sieben Wahlen abgehalten und ich gehe immer brav wählen in der Botschaft. Ich frage mich, warum. Das ist auch unfair gegenüber den Leuten, die dort leben. Und in der Community, wo ich zuhause bin, darf ich nicht wählen.
Die bulgarische Community mag mich nicht. Für sie bin ich ein Nestbeschmutzer.
In Wien gibt es mehrere bulgarische Communitys, die zerstritten sind. Es gibt zum Beispiel einen Volkstanzclub. Mich interessiert das nicht so sehr, ich bin ein Großstadtkind. Dieser Volkstanzclub hat sich in zwei zersplittert, weil sie sich zerstritten haben. Dabei gibt es gar nicht so viele Bulgaren in Wien.
Aber ich kenne die Community hier nicht so gut. Die bulgarische Community in Wien mag mich nicht besonders. Für sie bin ich ein Nestbeschmutzer, weil ich in meinen Kolumnen Bulgarien kritisiere. Ich soll nur erzählen, dass wir die schönsten Städte, Strände und Frauen haben. Auch Österreicher, die eher rechts sind, mögen meine Artikel nicht. Die glauben, das ist linkslinke Propaganda. Die kommentieren Dinge wie ‚Küss mir die Hand, wir haben dich hier aufgenommen.‘ Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe von Leuten, die meine Artikel nicht mögen. Das sind Bekannte von mir, die sich darin wiedererkennen.“






