Die EU-Kommission ruft die Renaissance der Atomkraft aus. Aber geht das, angesichts enormer Kosten und hoher Risken, überhaupt? Und was könnte sonst dahinterstecken?
Am 11. März 2011 blickte die Welt geschockt nach Japan: Ein Tsunami, ausgelöst durch ein gewaltiges Seebeben, hatte im Atomkraftwerk Fukushima zum Super-GAU, zur größten nuklearen Katastrophe seit Tschernobyl im Jahr 1986, geführt. Videos zeigen Berge aus Schutt und Asche, Reaktoren, die nur noch ein Trümmerfeld sind. Rund 150.000 Personen mussten evakuiert werden, die Folgen des Unglücks sind bis heute spürbar. Noch immer befinden sich rund 880 Tonnen Brennstoffreste in der Atomruine, und obwohl Japan die Gegend um das Kraftwerk wieder für normal bewohnbar erklärt hat, wollen nur die wenigsten dorthin zurück.
Auf die Woche genau 15 Jahre später bezeichnet EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei einem Atom-Gipfel in der Nähe von Paris die Abkehr von der Kernkraft als „strategischen Fehler“. Zugleich kündigte sie künftige Risikoabsicherungen der Europäischen Union für private Geldgeber an, die in neue Atomtechnologien investieren. Und sie bedauerte das Schrumpfen des Anteils an Atomkraft am europäischen Energiemix. Gleichzeitig betonte die Kommissionspräsidentin: „In den letzten Jahren erleben wir eine weltweite Renaissance der Kernenergie. Und Europa will an dieser Renaissance teilhaben.“
408 Reaktoren weltweit in Betrieb
Aber stimmt das wirklich? Erleben wir ein Comeback der Atomkraft? Aufschluss darüber gibt ein Blick in den World Nuclear Industry Status Report, der seit 2007 jährlich – jenseits von Propaganda und wirtschaftlichen Interessen – den Stand und die Entwicklung in Sachen Kernenergie offenlegt. Auf rund 600 Seiten zeigt der aktuelle Bericht aus dem Jahr 2025 sehr deutlich, dass die Atomkraft stagniert, erneuerbare Energien hingegen Rekordzuwächse verzeichnen. Insgesamt waren 408 Reaktoren weltweit in Betrieb, 30 weniger als beim Höchststand 2002. 63 Reaktoren sind in Bau, die meisten davon in China und Russland, ein Großteil der Projekte verzögert sich erheblich. Und: Der Anteil der Atomkraft am globalen Strommix ist im Jahr 2024 auf neun Prozent gesunken.


Arbeiter im Kernkraftwerk Dukovany bei Inspektions- und Wartungsarbeiten am Dampfgenerator.
© CTK Photo, APA-Images, Jaroslav SvobodaIn Europa macht sich in manchen Staaten jedoch eine gegenteilige Entwicklung breit. Insgesamt wurden in der EU 2024 knapp fünf Prozent mehr Strom aus Kernenergie erzeugt als noch im Jahr 2023, hauptverantwortlich dafür ist Frankreich, der mit Abstand größte Erzeuger von Atomenergie in der Europäischen Union. Das Land hat außerdem weitere Meiler in Planung. Auf einen Ausbau setzt auch Tschechien: Nach langem Tauziehen wurde der Vertrag für eine Erweiterung des AKW Dukovany, das nur 31 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt liegt und von Experten als Hochrisiko-Anlage eingeschätzt wird, fixiert.
Größte Atom-Baustelle Europas
Die größte Atom-Baustelle Europas befindet sich im Südwesten Großbritanniens, genauer in Hinkley Point. Die Fertigstellung des einstigen Vorzeigeprojekts musste vor Kurzem zum wiederholten Mal verschoben werden. Ursprünglich sollte der Betrieb im ersten Block 2025 starten, es folgte ein Aufschub bis 2027, ein weiterer bis 2029, und nun peilt man den Start für das Jahr 2030 an. Die Verzögerung lässt die Kosten explodieren: Schätzungen gehen nun von rund 49 Milliarden Pfund (56,7 Milliarden Euro) aus. Anfänglich geplant waren 18 Milliarden Pfund.
Unsere ablehnende Position bleibt aufrecht. Die tragischen Unglücke in Tschernobyl und Fukushima haben der ganzen Welt vor Augen geführt, wie gefährlich Atomkraft ist
Alles in allem wird klar, dass ein klarer Fokus auf das Wiedererstarken der Atomkraft wohl anders aussieht. „Alle paar Jahre wird uns eine nukleare Renaissance vorgegaukelt. Wir diskutieren mehr über die Atomkraft als diese eigentlich an Bedeutung hat“, bestätigt die renommierte Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb. Tatsächlich hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit ihren Aussagen auf dem Atom-Gipfel eine weitere Debatte an- und so manche vor den Kopf gestoßen. In Österreich findet sich kaum jemand, der pro Atomkraft eintritt. Umweltminister Norbert Totschnig (ÖVP) hält fest: „Unsere ablehnende Position bleibt aufrecht. Die tragischen Unglücke in Tschernobyl und Fukushima haben der ganzen Welt vor Augen geführt, wie gefährlich Atomkraft ist.“
Auch die deutsche Regierung dürfte nicht viel Freude mit dem Vorstoß der EU-Kommissionspräsidentin haben. Totschnigs Amtskollege Carsten Schneider (SPD) hat den Plänen von der Leyens umgehend eine Abfuhr erteilt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) trauert zwar dem deutschen Atomzeitalter nach, nannte den Ausstieg aus der Nuklearenergie allerdings „unumkehrbar“. Und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wirbt für ein Pilotprojekt mit kleinen modularen Reaktoren – diese Art der Minikraftwerke gilt als Zukunftshoffnung der Atomenergie.
Kleine Reaktoren, große Fans
Die Technologie soll zwar weniger Leistung als die bekannten AKWs haben, aber dafür sicherer und durch die modulare Bauweise auch deutlich günstiger sein. Zu den großen Fans dieser kleinen Reaktoren zählt etwa Microsoft-Gründer Bill Gates. Mit seinem Unternehmen TerraPower hat er ein milliardenschweres Bauprojekt im US-Bundesstaat Wyoming gestartet, vor Kurzem hat die amerikanische Atomaufsichtsbehörde grünes Licht gegeben. Allerdings: Diese kleinen Reaktoren werden seit vielen Jahren angekündigt, sind aber, bis auf wenige Ausnahmen, noch Spekulation. Das Verfahren ist noch nicht so weit ausgereift, dass es eingesetzt werden kann.
Dennoch kündigte von der Leyen an, „dass wir Investitionen in innovative Kerntechnologien mit einer Garantie in Höhe von 200 Millionen Euro unterstützen werden“. Ein Schritt, den Klimaexpertin Rogenhofer so gar nicht nachvollziehen kann: „Die Idee der kleinen Kraftwerke ist ein Traumschloss. Diese Anlagen sind erst in der Prototypphase und noch nicht marktreif. Selbst im optimistischsten Szenario der Internationalen Energieagentur für die Stromproduktion im Jahr 2050 wird die Energiemenge nicht an jenen Wert herankommen, den allein die Erneuerbaren jetzt schon in Deutschland erzielen. Das heißt also, die Reaktoren werden uns im Kampf gegen die Klimakrise nicht herausreißen.“
Ökologisch nachhaltig
In der Tat ist das Klima und dessen Schutz eines der wichtigsten Argumente der Atombefürworter. Die EU-Kommission hat 2022 in der Taxonomie-Verordnung Atomkraft als ökologisch nachhaltig – und damit förderungswürdig – eingestuft. Österreich hat dagegen geklagt, der Europäische Gerichtshof hat den Einspruch im September 2025 abgewiesen. Die Begründung lautete: Die EU-Kommission dürfe Atom und Gas als Technologien ansehen, die zum Klimaschutz beitragen. Auch die Risiken der Kernenergie könne die Kommission dabei außer Acht lassen.
Österreich hat gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt. Die Hoffnung auf Erfolg in der nächsten Instanz ist allerdings eher gering. Unstrittig ist, dass Atomkraftwerke im Betrieb keine direkten Treibhausgasemissionen erzeugen. Doch Helga Kromp-Kolb lässt die Klimaschutz-Erklärung nicht gelten: „Es ist einfach falsch. Erstens muss man das Uran ja aus dem Berg holen, das passiert mit fossiler Energie. Dann muss das Werk mit viel Stahl und Beton gebaut werden, auch das erfolgt mit fossiler Energie.“
Die EU hat sich ambitionierte Ziele gesteckt, bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um 55 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 sinken, bis 2050 soll es Klimaneutralität geben. So schnell sind weder große noch kleine Atomkraftwerke verfügbar. „Schon rein wirtschaftlich geht sich das nicht aus. Ein Atomkraftwerk zu bauen, ist extrem teuer und dauert extrem lang“, sagt Katharina Rogenhofer. Sie verweist auch auf die internationale Entwicklung: China baue zwar teilweise immer noch Gas- und Kohlekraftwerke, sei aber weltweit führend beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Ukraine habe bereits angekündigt, beim Wiederaufbau auf Erneuerbare zu setzen. Und selbst US-Präsident Donald Trump könne Wind- und Solarenergie nicht aufhalten, vor allem in traditionell republikanischen US-Bundesstaaten werde dieser Bereich aufgestockt.


Vorreiter. China treibt den Ausbau der Solarnenergie mit Hochdruck voran – in Shanghai mit Solarpaneelen, in den Bergen der Provinz Fujian (im Bild) mit Solarkraftwerken und auf dem Wasser mit schwimmenden Solaranlagen.
© GettyImagesUnterdessen sucht die internationale Forschung nach neuen Energiequellen, denn der weltweite Bedarf an Strom steigt und steigt. Viel Potenzial wird der Kernfusion zugeschrieben, in der Branche herrscht Optimismus. Fusionskraftwerke kopieren, was in der Sonne passiert – die Verschmelzung zweier Atomkerne setzt riesige Mengen Energie frei. Viele Expertinnen und Experten meinen, dass es noch 30 Jahre dauern werde, bis solche Anlagen in großem Stil betrieben werden können.
Das ist jedoch schon seit 50 Jahren zu hören. Nicht nur im Silicon Valley, auch in Europa herrscht in diesem Bereich Aufbruchstimmung, so haben etwa die beiden deutschen Start-ups Marvel Fusion und Proxima Fusion jeweils mehr als 100 Millionen Euro an Investitionen eingesammelt. Heike Freund, Geschäftsführerin von Marvel Fusion, betont immer wieder ihre Vision: „2035 haben wir das erste Fusionskraftwerk in Europa gebaut.“ Geforscht wird auch an Kraftwerken, in denen es ohne Uran zur Kernspaltung kommt. Ein Beispiel dafür ist das Grazer Unternehmen Emerald Horizon, bei dem auch Ex-FPÖ-Chef Norbert Hofer tätig ist (siehe Artikel rechts).
Frankreich als treibende Kraft
Zurück zur klassischen Atomkraft, für die Kommissionspräsidentin von der Leyen wirbt. In Bezug auf Beweggründe für die Brüsseler Offensive hat Klimaforscherin Kromp-Kolb eine Theorie: „Die Atomkraft hat von jeher eine doppelte Bedeutung: Energie und Waffen. Es war immer schon so, dass die zivile Kernenergie auch der Deckmantel war, unter dem Forschung zusätzlich für Waffen genutzt wurde. Ich denke, es ist kein Zufall, dass Frankreich nun die treibende Kraft hinter dem nuklearen Antrieb ist.“
Tatsächlich hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Europa Anfang März ein nukleares Angebot gemacht. Vor martialischer Kulisse in Île Longue, dem Stützpunkt der französischen Atom-U-Boote in der Bretagne, bot er an, den Atomschirm seiner Nation auf ganz Europa auszuweiten. Der Zusammenhang zwischen Atomwaffen und ziviler Nutzung der Kernenergie ist in Frankreich nicht neu, bei einer Rede im Jahr 2020 hatte Macron betont: Ohne zivile Atomenergie gebe es keine militärische Nutzung der Technologie – und ohne die militärische Nutzung keine zivile Atomenergie. Politische Beobachter deuten die Atom-Ansage von Ursula von der Leyen nun durchaus als politisches Signal.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 15/2026 erschienen.






