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Wiens erster ESC 1967: Nackte Füße und Punktewirrwarr

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Peter Horten besang einst für Österreich die Sterne
Erstmals richteten sich die Augen der ESC-Welt 1967 auf Wien: Dank Udo Jürgens' Sieg 1966 wurde die Metropole ein Jahr später zum Austragungsort des 12. Grand Prix de la Chanson. Und man ließ sich nicht lumpen und beeindruckte das europäische Publikum mit einem komplexen Bühnenbild aus rotierenden Spiegeln. Das Wort LED war damals schließlich noch unbekannt. Weniger glänzend fiel der Auftritt von Moderatorin Erica Vaal aus, die bei der Punktevergabe für Verwirrung sorgte.

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Dabei wollte man es ganz besonders gut machen: "Meine Damen und Herren, liebe Zuschauer vor den Fernsehschirmen in Europa, ich begrüße Sie im Namen des Österreichischen Rundfunks beim Song Contest um den Grand Prix d'Eurovision in Wien im Festsaal der Wiener Hofburg", begann Vaal den Abend mit einer episch anmutenden Begrüßung. Da sie möglichst allen teilnehmenden Ländern gerecht werden wollte, wiederholte die Schauspielerin ihre einleitenden Worte nicht nur auf Französisch und Englisch, sondern auch auf Italienisch, Spanisch und Serbokroatisch.

Um fehlerfrei durch diesen minutenlangen Kraftakt zu kommen, klammerte sich Vaal an ihre Vorlagenmappe, womit die Begrüßung mehr einer Vorlesung glich. Doch damit nicht genug: Vaal entschuldigte sich auch bei den anderen Teilnehmern - darunter etwa Schweden, Portugal oder die Niederlande -, sie nicht ebenfalls in der Landessprache willkommen heißen zu können. Die Zeit habe einfach nicht gereicht, alle Sprachen zu lernen. Auch bei den weiteren Moderationen blieb das Sprachenbüchlein Vaals treuer Begleiter.

Einfacher hatte es da Vorjahressieger Udo Jürgens, den man zur Begrüßung ebenfalls auf die Bühne holte: Er musste nicht reden, sondern durfte das Orchester zu einer Drei-Viertel-Takt-Version seines Siegerhits "Merci Cherie" dirigieren. Das entlockte ORF-Urgestein Emil Kollpacher, der den ESC von 1957 bis 1969 kommentierte, die lakonische Bemerkung: "Merci Udo, für die Arbeit, die du uns verschafft hast." Erst im zweiten Teil des Satzes fiel dem Chefsprecher auch noch die Ehre ein, welche die Austragung des Grand Prix für das Land natürlich bedeute.

Teilnehmer aus 17 Nationen hatten es am 8. April 1967 nach Wien geschafft. Eigentlich hatte man mit 18 gerechnet, doch Dänemark verzichtete auf ein Antreten. Das Lied der dänischen Teilnehmerin Ulla Pia 1966, die "Stop - mens legen er go" (Hör auf, wenn's am schönsten ist) schmetterte, erwies sich als prophetisch: Die selbstverordnete Song-Contest-Pause sollte noch bis 1977 dauern.

Aber zurück nach Wien. Auf Hochglanz poliert war nicht nur das Vokabular der Moderatorin, sondern auch die Location selbst: Sonst eher in schnöden Fernsehstudios untergebracht, konnte der ESC diesmal mit dem vergleichsweise pompösen Festsaal der Hofburg glänzen. Die Bühne hatte man mit rotierenden Spiegeln ausgestattet, die selbst im Schwarz-Weiß-Bild einiges hermachten. Erstmals gab es mit einer Kamera im Aufenthaltsraum auch Einblicke hinter die glanzvolle Kulisse - gleichsam der Geburtsmoment des heutigen Green Rooms. Für die Pausenunterhaltung hatte man die Wiener Sängerknaben verpflichtet, die streng nach Klischee "An der schönen blauen Donau" zum Besten gaben.

Nachdem es in den Vorjahren für den Geschmack der Europäischen Rundfunkunion zu viele Null-Punkte-Wertungen gegeben hatte, besann man sich auf ein älteres Jurysystem. Jedes Land stellte zehn Jurymitglieder, die jeweils einen Punkt an ihren Lieblingssong vergaben - was im Verlauf des Abends noch für jede Menge Irritationen sorgen sollte. Modern wollte man außerdem sein: Also verordnete die Union, dass die Hälfte der Jurybesetzung unter 30 Jahre alt sein musste.

Mit den Niederlanden und "Ringe-dinge-ding" von Therese Steinmetz - ORF-Kommentar: "kastanienbraun an Aug' und Haar" - startete der Grand Prix. Da in den Landessprachen gesungen werden musste, fasste Kollpacher für die österreichischen Zuseher vor jedem Beitrag den Liedinhalt knapp zusammen: Bei "Ringe-dinge-ding" handle es sich um das "Lied eines übermütigen jungen Mädchens, das gerne einen Minister anrufen würde, um ihm den Witz des Tages zu erzählen". Der Witz kam jedoch nicht an: Steinmetz wurde bloß 14.

Damals brachte zudem jeder Kandidat noch seinen eigenen Dirigenten mit auf die Bühne - etwa die siebzehnjährige Vicky Leandros, die damals mit "L'amour est bleu" für Luxemburg startete. Österreich ging als dritte Nation mit Peter Horten und "Warum es hunderttausend Sterne gibt" ins Rennen. Doch obwohl der ORF den geschmackvollen Komponisten lobte und konstatierte: "Wir bekennen uns einfach zur Melodie als unsere ureigenste Domäne. Das sollte ein Anlass zur Zustimmung sein", landete Horten abgeschlagen punktegleich mit Norwegen und den Niederlanden nur auf Platz 14.

Dafür sorgte Startnummer 11 für Furore: Sandie Shaw präsentierte ihren modernen Hit "Puppet on a String" barfuß und begeisterte damit die Juroren für Großbritannien. Bei der einige Male von Verständnisschwierigkeiten und massiven technischen Problemen mit dem Ergebnisbord erschwerten Punktevergabe über Telefon zeichnete sich rasch ein Trend ab. Zu schnell für Vaal: Bevor Irland seine Stimmen abgeben konnte, versuchte die Schauspielerin unter Protesten des Saalpublikums Großbritannien zum Sieger zu erklären.

Unterschied hätte es jedoch keinen gemacht: Das Vereinigte Königreich führte zu diesem Zeitpunkt bereits uneinholbar. Shaw konnte sich daher auch trotz der vielen Unterbrechungen des offiziellen Punktestandhüters "May I interrupt again?" freuen: Sie gewann mit mehr als doppelt so vielen Stimmen wie das zweitplatzierte Irland und damit mit einem der größten Vorsprünge der Song-Contest-Geschichte. "Puppet on a String" wurde ein Verkaufserfolg, hielt sich drei Wochen auf Platz 1 in Großbritannien und ist auch in Deutschland und Österreich bis heute einer der erfolgreichsten ESC-Titel. Kein schlechtes Omen also für den Wiener ESC 2026.

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