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Die 58-jährige Polin zählt zu den großen Erzählerinnen der Gegenwart. 2024 wurde sie mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur geehrt. "In vielschichtigen Erzählungen, in deren Zentrum meist weibliche Figuren stehen, verarbeitet Bator traumatische Erfahrungen des letzten Jahrhunderts", hieß es in der Jurybegründung. "Sie lädt belastete Orte literarisch auf, gibt den Dargestellten Raum und Stimme, bringt sie Lesenden nahe und verbindet eindrucksvoll Vergangenes mit gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Realitäten. (...) Mit ihren literarischen Werken erzählt Joanna Bator große mitteleuropäische Geschichte aus weiblicher Perspektive." Doch diesmal verbindet Bator Frauen vorwiegend mit Grauen.
In den 16 kunstvoll miteinander verbundenen Geschichten geht es kaum je um Täter und Opfer, sondern meist um Stimmungen und Entwicklungen, Wahrnehmungen und Mutmaßungen, die allesamt dazu geeignet sind, den Boden unserer Existenz als ziemlich brüchig zu empfinden. Schon die herkömmlichen Lebensumstände der Protagonistinnen und Protagonisten sind selten dazu geeignet, mit ihnen tauschen zu wollen: sorglose, gesicherte, bürgerliche Leben sind selten. Meist können die Hauptfiguren sich gerade so über Wasser halten. Und sind deshalb vielleicht besonders anfällig für die Verlockungen des Ungewissen - frei nach dem Motto der "Bremer Stadtmusikanten": "Etwas Besseres als den Tod findest du überall".
Männer, die ohne Vorwarnung aus bisherigen familiären oder partnerschaftlichen Zusammenhängen ausbrechen, kommen gleich mehrfach vor. Die Umstände sind jedes Mal gespenstisch. Das ist aber noch nichts gegen die einäugige Alte, die eines Tages wie die Personifizierung eines Albtraums im Haus der Großmutter auftaucht und sich dort auf dem Dachboden einnistet. Eine Bleibe, die einer Frau, deren Auto in unwirtlicher Gegend eingeht, angeboten wird, entwickelt eine schreckliche Anziehungskraft, gegen die anzukämpfen immer auswegloser wird. Eine Tierfreundin, die sich um verletzte Fledermäuse kümmert und Fledermausbabys großzieht, bemerkt körperliche Veränderungen an sich, die ihr ermöglichen werden, mitsamt ihren Schützlingen dem Ruf der Wildnis zu folgen ...
Joanna Bator unternimmt mit ihren Leserinnen und Lesern eine wahre Geisterbahnfahrt, die in Geschichten, die mitunter ein wenig kürzer sein könnten, nicht nur in finstere Keller und dunkle Wälder, sondern vor allem in düstere Ecken des eigenen Ichs führt, die auszuleuchten man sich sonst scheut. Insofern passen die Gebrüder Grimm bestens. Wie meinte schon die Katze, die sich mit Esel, Hund und Hahn zusammentat, um musizierend ihr Glück zu suchen: "Wer kann da lustig sein, wenn's einem an den Kragen geht?"
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Joanna Bator: "Die Flucht der Bärin", Aus dem Polnischen von Lisa Palmes, Suhrkamp Verlag, 320 Seiten, 26,70 Euro)





