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Beim "Tradwife"-Trend stellen sich Frauen in traditionellen Rollen als Ehefrau und Mutter dar, die Erfüllung im Haushalt, beim Kochen, Putzen und Aufziehen der Kinder finden. Der Begriff kam Ende der 2010er-Jahre in sozialen Medien auf. Mittlerweile hat das Konzept eine breite Öffentlichkeit erreicht, spätestens 2024 mit einem kontroversen Porträt von Hannah Neeleman in der Londoner "Sunday Times". Die ausgebildete Tänzerin, praktizierende Mormonin, Multi-Millionärin und neunfache Mutter präsentiert als Lifestyle-Influencerin unter dem Namen Ballerina Farm via Social Media ihren Millionen Followern ein inszeniertes Leben auf einer mit ihrem Mann betriebenen Landwirtschaft.
"Eines der Dinge, die Kritiker der 'Tradwife'-Bewegung am meisten ärgern, ist, dass viele ihrer prominentesten Proponenten unverhohlen antifeministisch auftreten, während sie gleichzeitig die Freiheiten genießen, die ihnen Feministinnen ermöglichen, und sich als Unternehmerinnen lukrative Marken aufbauen", analysierte die "New York Times" in einem Bericht über Burke und ihren Roman "Yesteryear", der am 29. April auf Deutsch erscheint. Die Autorin hatte vor etwa zwei Jahren via TikTok begonnen, an der kulturellen Debatte um Tradwifes teilzunehmen. Aus einer "kreativen Laune" heraus folgte das Buch, wie sie in einem vom Verlag Random House verbreiteten Interview sagt.
Mit ihrem Debüt gelang Burke nicht nur ein Bestseller. Amazon kaufte die Filmrechte, Anne Hathaway, nach eigenen Angaben vom Roman fasziniert, wurde als Hauptdarstellerin und Co-Produzentin engagiert. Der Erfolg von "Yesteryear" bringt Burke selbst in dem zitierten Interview auf den Punkt: "Es macht total Sinn, dass es als Thriller verstanden wird. Die Spannung ist ein wichtiger Teil des Buches, aber der schwarze Humor, die Sozialsatire und dass es in gewisser Art und Weise auch als seltsamer Coming-of-Age-Roman funktioniert, sind für mich ebenso entscheidend."
Die Stärke von "Yesteryear" liegt auch an der ambivalenten Charakterisierung der Protagonistin. Tief taucht die Autorin in die Psyche ihrer Figur ein, eine großartige Antiheldin, die in einer "Welt der Absurdität lebt" (Burke). Online-Natalie verkörpert auf via Instagram eine heile Welt auf ihrer Yesteryear-Ranch, geprägt von Religiosität und Tradition. Offline-Natalie schreckt als Geschäftsfrau und zur Befriedigung ihres Egos aber nicht vor Lug, Betrug und Hinterhältigkeit zurück. Natalie spielt die "gute Ehefrau", hält ihren Mann aber für einen Trottel. Sie manipuliert, offenbart in ihren Gedanken aber auch ein verbittertes Ich. Und eines Tages wacht sie in einer Welt auf, in der sich Brotbacken und Wäschewaschen als harte Arbeit erweist und nicht als für die Kamera inszeniertes Wohlfühlereignis.
Burke verarbeitet in dem intelligenten, komplexen, aber leicht zugänglichen Roman eine breite Themenpalette von Schwangerschaftsdepression über Homeschooling bis zu Politik. Satire (Natalie trinkt ihren Cappuccino natürlich fettfrei, entkoffeiniert und mit Hafermilch; wie man frischen Orangensaft presst, verrät sie ihren Fans in einem Tutorial) trifft auf kluge Beobachtungen ("Das Ziel eines Influencers ist es nicht, entweder sympathisch oder unerträglich zu sein, sondern beides auf einmal. Mit anderen Worten: unwiderstehlich."). Erstaunlich, wie viele Mechanismen Burke in "Yesteryear" entlarvt und bloßstellt (etwa auch, wie Kindeswohl auf der Strecke bleibt).
Wenn Natalie schließlich auf eine "Manosphere" prallt - eigentlich Begriff für ein loses antifeministisches Netzwerk in Foren -, gibt es ein rüdes Erwachen für sie. Dann löst sich auch das Rätsel um die Reise in eine Zeit, als Frauen wohl kaum gerne Tradwifes sein wollten. Caro Claire Burkes Roman hat Schlagkraft, ist beängstigend und regt zum Nachdenken an. Männer wie Frauen sollten ihn lesen.
(Von Wolfgang Hauptmann/APA)
(S E R V I C E - Caro Claire Burke: "Yesteryear", übersetzt von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn. Heyne Verlag, 464 Seiten, 25,50 Euro)
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Heyne/Riley Haakon/Riley Haakon





