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"Ich habe drei Monate an den Arrangements geschrieben", bekannte der 74-jährige Kolonovits im Interview bei der von Teresa Vogl und Lilian Klebow charmant moderierten Show. Schließlich gebe es gerade von den alten Beiträgen keine Noten mehr. Und gerade diese werden bei der nostalgischen Reise ausführlich gewürdigt.
Die ersten eineinhalb Stunden des Abends fokussieren ganz auf die ersten 30 Jahre des Bewerbs, bevor man dann das Tempo anzieht. So reicht die Spanne vom ersten ESC-Siegerlied "Refrain" der Schweizerin Lys Assia, das die Volksopern-Größe Juliette Khalil interpretiert, bis zum erfolgreichsten Verlierer des Bewerbs, "Nel blu, dipinto di blu", besser bekannt als "Volare" von Domenico Modugno. Diesen intoniert Nino de Angelo, der mittlerweile an Ernest Hemingway erinnert und sein Timbre zum Reibeisen gewandelt hat.
Cliff Richard kommt gleich mit beiden seiner Song-Contest-Beiträge - "Power to All Our Friends" und "Congratulations" - zu Ehren, und auch von Udo Jürgens gibt es ein Doppel. Sein 1964 auf Platz 6 gelandeter Chanson "Warum nur, warum?" wird nochmals vor den Vorhang geholt, während der zwei Jahre später vorgetragene Siegersong "Merci Cherie" mit Udo vom Band und dem Orchester als Livebegleitung erklingt, wobei Khalil als Duettpartnerin fungiert.
Derlei Freiheiten nehmen sich die Arrangements allerdings selten, schwanken eher zwischen Big-Band-Sound und streicherlastigem Popsymphonischen anstatt allzu viel auf Variation zu setzen. Bisweilen irritiert auch die Liedauswahl etwas, wenn von der Erfolgstruppe ABBA nicht nur das ESC-Siegerlied "Waterloo", sondern auch die Hits "Mamma Mia" und "The Winner Takes it All" gesungen werden, die mit dem ESC so viel zu tun haben wie die Wildecker Herzbuben. Ebenso wenig haben die beiden Bonnie-Tyler-Evergreens " Total Eclipse of the Heart" und "Holding Out for a Hero", die von Khalil mit aller Wucht geschmettert werden, je Contest-Luft geschnuppert. Tylers ESC-Beitrag "Believe in Me" aus 2013 blieb indes ungehört.
Johnny Logan, bei der am Freitag ausgestrahlten ESC-Show "Wir sind Song Contest" mit Barbara Schöneberger noch im Tigersakko unterwegs, hatte sich für das RSO nun ins Zebraartige geworfen und sang nicht nur seine beiden Contestsieger "Hold Me Now" und "What's Another Year", sondern versuchte sich auch an einer ganz eigenen Interpretation des Loreen-Hits "Euphoria". Nicole blieb als Siegerin von 1982 mit "Ein bisschen Frieden" hingegen bei ihren eigenen Leisten und bedauerte angesichts der Weltlage die nach wie vor große Aktualität ihres Liedes: "Ich werde oft gefragt, wie oft ich das Lied gesungen habe: Anscheinend nicht oft genug."
Mit einer coolen Interpretation von Conchitas "Rise Like a Phoenix" durch Musicalstar Drew Sarich und die gemeinsame Hymne an ein vereintes Europa, "Insieme" von Toto Cutugno, endete das nostalgische Warm-up auf den heurigen Reigen, der ab dem 12. Mai in der Wiener Stadthalle anhebt und dann neue Musik präsentiert. Wer keine Karten mehr für das Radiokulturhaus bekommen hatte, kann sich am Abend der offiziellen ESC-Eröffnung, dem 10. Mai, ab 21.50 Uhr in ORF 1 eine Aufzeichnung zu Gemüte führen. Tags darauf ist ab 21.50 Uhr in ORF III die Aufzeichnung des Formats "Aus dem Archiv: 70 Jahre Eurovision Song Contest" zu sehen, bei dem sich ebenfalls im Radiokulturhaus die einstigen ESC-Proponenten Marianne Mendt, Gary Lux, Timna Brauer und Cesár Sampson ein Stelldichein geben.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)






