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"Tagebuch einer Kammerzofe": Radu Judes Gesellschaftsanalyse

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Die eine arbeitet, die andere lässt arbeiten
©Filmgarten, APA, Viennale
Eine vieldeutig-düstere Verfilmung des Sittenromans von Octave Mirbeau: Die Magd in Radu Judes "Tagebuch einer Kammerzofe" ist eine rumänische 24-Stunden-Kraft bei einer gutbürgerlichen Familie. Der Coup der Inszenierung: Diese Haushälterin bricht in einer Laientheatertruppe aus ihrer Rolle aus - sexualisiert und derb. Der Gesellschaftsanalyst Jude berichtet von allgegenwärtiger Ausbeutung und schlägt dabei überraschend zärtliche Töne an. Freitag und Samstag bei der Viennale.

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Die Kammerzofe Célestine dient in der Romanvorlage von 1900 im Frankreich des Fin de Siècle in der Normandie. Sie ist eine genaue Beobachterin, skizziert die perverse Atmosphäre im großbürgerlichen Haus und verurteilt die Knechtschaft und Verlogenheit der Bourgeoisie. Die Romanvorlage wurde schon mehrfach verfilmt - etwa von Luis Buñuel mit Jeanne Moreau im Jahr 1964 oder von Benoît Jacquot mit Léa Seydoux in der Titelrolle im Jahr 2015.

Der rumänische Regisseur Radu Jude ringt dem Stoff nun eine weitere satirische "Variation" ab: Er nennt die Hausangestellte Gianina (Ana Dumitrașcu) und zeichnet sie als Arbeitsmigrantin und One-Woman-Show der Care-Arbeit. Sie putzt, wäscht und kocht bei einer wohlhabenden, linksliberalen Familie, während ihre neunjährige Tochter Maria (Sofia Dragoman) mit Gianinas betagter Mutter (Liliana Ghiță) in ihrer alten Heimat zurückgeblieben ist und auf das Geld aus Frankreich wartet. Eine ihrer vielen Aufgaben: Sie kümmert sich um den verwöhnten und mitunter nervenaufreibenden Sohn Louen (Louen Bouteiller) der Familie.

Die Fassade in der opulenten Villa scheint perfekt: Die Hausherrin (Mélanie Thierry) erkundigt sich nach ihrer Tochter in Rumänien. Beim Abendessen mit Freunden bittet sie der Hausherr (Vincent Macaigne) an den Tisch, sie wird nach ihrer Einschätzung zum Ukraine-Krieg befragt und muss sich allerlei Klischees über Rumänien und Moldawien anhören. Was sie wirklich denkt, interessiert niemanden, also behält Gianina es für sich. In Wahrheit, das wird bald offensichtlich, verbergen sich hinter dem ach so freundlichen Bourgeoisie-Gehabe lauter kleine Machtdemonstrationen und Übergriffe. Gianina ist der Familie egal, genauso wie ihre Tochter.

Das Drehbuch von Radu Jude sieht einen Kunstgriff vor: Es spaltet die Originalhandlung. Gianina entertaint und beschwichtigt tagsüber Louen, sie schält Gemüse für die Lieblingsgerichte ihres Chefs und lächelt beiden immer freundlich zu, während sie auf Rumänisch kleine Schimpftiraden loslässt. Abends jedoch verwandelt sie sich in einen Vamp. In einer Laientheatergruppe aus Personen mit Migrationshintergrund steht die freizügige Version des Romans über die Kammerzofe auf dem Programm. Ana Dumitrașcu, die schon in Radu Judes "Dracula" zu sehen war, spielt diese Frau, die all diese Herrschaftsverhältnisse nur erträgt, damit sie ihrer Tochter überhaupt eine Zukunft hat, mit aller Würde und Natürlichkeit. Auf der Theaterbühne mimt die Protagonistin dann die extrovertierte, verruchte und durchgeknallte Zofe mit aller Wucht.

Eingebettet sind diese zwei Erzählstränge in einen Countdown, die Tage dafür werden gezählt. Weihnachten naht und Gianina hat ihrer Tochter versprochen, nach Hause zu kommen. Doch aus dem Urlaub wird zunächst nichts, denn die Mutter des Hausherrn ist gestürzt. Und die Familie fliegt - natürlich First Class! - in den Skiurlaub. Gianina enttäuscht die Tochter, die es satthat, ihre Mutter nur zwischendurch in Großaufnahme während eines Videocalls digital zu sehen.

Radu Jude greift die Kluft zwischen französischem Bürgertum und der Armut in der rumänischen Bevölkerung auf. Während Gianina dem Buben gerne rumänische Volksmärchen erzählt, bebildert die Kamera die Armut mit Bildern von verlassenen Gebäuden und isolierten Berglandschaften. Der Hausherr findet ohnedies, die Geschichten bräuchten ein Happy End.

Arbeitsmigration, Ausbeutung, Benachteiligung und diverse Traumata der Historie mitsamt Verdrängungsmechanismen - all diese Themen greift der rumänische Ausnahmeregisseur ("Bad Luck Banging or Loony Porn", "Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt", "Kontinental '25", "Dracula") gekonnt vieldeutig auf. Dieses Mal fügt er noch eine zärtlich-düstere, leisere Note hinzu. Eine neue Tonalität, die wohl einem breiteren Publikum den Zugang erleichtern wird.

(Von Julia Schafferhofer/APA)

(S E R V I C E - Am 30. Oktober um 20.30 Uhr im Gartenbaukino und am 31. Oktober um 23 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus. www.viennale.at/de/film/journal-dune-femme-de-chambre-1 )

Le Journal d'une femme de chambre, The Diary of a Chambermaid, Radu Jude, Frankreich/Rumänien 2026, V'26 Features

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