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Lukas Bärfuss nähert sich in "Königin der Nacht" der zweiten "Portalfigur" seines Lebens. Die Mutter ist in der Dominikanischen Republik verstorben. Sie war mit ihrem Partner ausgewandert, weil die kleine Rente dort weiter reichte. Wie der Sohn fünf Tage später in ihrem Schlafzimmer steht, gerät er in einen Strudel der Gefühle zwischen Schuld und Rechtfertigung. Die Mutter ist gewiss, heißt es seit je her, wer immer der Vater sein mag. Und ebenso gewiss ist die Mutterliebe, sagt man. Die Mutter umsorgt ihre Kinder und beschützt sie, diese erwidern es mit Zuneigung. Das alles weiß er, "der Sohn, der Schriftsteller, ich". Aber stimmt es für ihn auch?
Lukas Bärfuss spürt in seinem "kurzen Buch über die Mutter" einem Gefühl nach, das der Sohn nicht kennt. Mutterliebe? Fehlanzeige. Der Schlüssel ist ein Erlebnis Mitte der Achtzigerjahre, als der 15-Jährige eines Tags nach Hause kommt und die Wohnung bis auf sein Zimmer leer vorfindet. Die Mutter hat sich ohne Nachricht zu ihrem Typen in eine andere Stadt davongestohlen. "Er wird sich unsichtbar machen", schreibt Bärfuss aus der Optik des Jungen, und sich bis achtzehn irgendwie durchschlagen, um ja nicht ins Heim zu kommen. Dass ihm dies gelang, auch davon erzählt dieses Buch.
"Eine Mutter ist, was man nicht loswird", selbst wenn man sich von ihr lossagt. In diesem Zwiespalt gefangen, hat Bärfuss kein brillantes Buch geschrieben. Vieles wirkt darin etwas unausgewogen. Mal geraten Beschreibungen ausschweifend, mal gibt er sich kurz angebunden, doch oft formuliert er auch pointiert genau. "Königin der Nacht" zeugt spürbar von einem Krampf und Kampf mit der Figur der Mutter und dem biblischen Gebot, sie zu ehren.
Wechselnd zwischen Ich- und Er-Rede beschreibt Bärfuss, wie der Junge, der er war, immer wieder von seiner Mutter verraten wurde und deshalb keine Gefühle mehr für sie hegt. Er betont eindrücklich die Differenz zwischen ihrem egoistischen Lebensstil und dem Wunsch des Jungen, einfach Bücher zu lesen, in die Schule zu gehen, verlässliche Eltern zu haben.
Der Wunsch wurde ihm nicht erfüllt, und dennoch ist der Junge nicht in die Grube der Ausweglosigkeit gefallen, sondern "stark geworden, zäh und hart". Es klingt manchmal, als ob er sich immer wieder vorsagen muss, dass er Mutter "überlebt" hat.
Literatur heißt, vorsichtig zu sein mit Kurzschlüssen zwischen erzählten Figuren und dem Autor. Dennoch deutet dieses Buch an, dass es eine Gefühlslage beschreibt, die biografisch belegt ist. Darin liegt seine Kraft. Lukas Bärfuss arbeitet sich förmlich an einer Kernfrage des Lebens ab.
"Meine Trauer war ohne Gewissensbisse", schreibt er lapidar und hält sogleich misstrauisch inne. Ist es so einfach? Er beginnt nach den Ursachen für die mütterliche Sorglosigkeit zu suchen und findet Hinweise auf "Zigeuner" und Fahrende im Stammbaum sowohl der Mutter als auch des Vaters.
Was das bis vor kurzem hieß, nennt Bärfuss unmissverständlich einen "Krieg gegen die Armen", den die Schweiz mit ihrer "fürsorgerischen" Bürokratie in aller Härte ausgefochten hat. Die herrschende Moral kannte lange kein Erbarmen.
Anders als im Vaterbuch, in dem er erfrischende Thesen zum Erbrecht entwickelte, beschreibt Bärfuss diesen Skandal eher summarisch. Und er zieht keine Schlüsse daraus, denn er könne nicht genau erkennen, "wie diese Kräfte auf meine Mutter wirkten".
Ein positives Vermächtnis bleibt trotz allem von der Mutter. Sie hatte ihn gelehrt, dass im Erzählen eine "Überlebensstrategie" liegt. Das Erzählen wird zum "Kapital" des Schriftstellers Bärfuss. Als erzählende Metapher ist denn auch der Titel zu sehen. In ihm schwingt vielleicht etwas Hohn mit, aber auch Bewunderung, trotz allem, für seine Mutter, die sich in ihrem Leben tapfer behauptete. Bloß ohne Rücksicht auf ihr Kind.
(Von Beat Mazenauer/Keystone-SDA)
(S E R V I C E - Lukas Bärfuss: "Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter". Rowohlt, 128 Seiten, 22,60 Euro)






