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Das freie Assoziieren, bei dem Einfall, Erkenntnis und Rechercheergebnis unmittelbar ineinander übergehen, ist die größte Stärke und die größte Schwäche des mit Themen prall gefüllten schmalen Bandes. Denn einerseits ist es ein Genuss, Schalanskys Wendungen zu folgen und ihre Mischung aus Geschichten und Fakten zu lesen, andererseits kommt sie dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Als Lesestoff materialisiert sich eben nicht, "woraus die Welt gemacht ist", wie der Untertitel lautet. Dafür wären Marmor, Quecksilber und Nebel wohl auch eher fragwürdig ausgewählte Materialien. Schalansky, die mit ungewöhnlichen Büchern wie "Atlas der abgelegenen Inseln" oder "Der Hals der Giraffe" internationalen Erfolg hatte, folgt eher dem Pippi-Langstrumpf-Motto: "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt".
Das erste der drei Kapitel beginnt mit massiven, 27 Tonnen schweren Marmorblöcken, die auf Tiefladern per Fähre von der griechischen Insel Thassos ans Festland transportiert werden, geht über Betrachtungen zu toter und lebender Materie und reicht bis zu ethischen Fragen, welche Darstellung für welche Tiergattung als angemessen empfunden wurde. Alles hängt mit allem zusammen und es gilt nur, die Verbindungen sichtbar zu machen.
Zu "Quecksilber" kommt Schalansky im zweiten Kapitel erst spät und über den Umweg einer ausführlichen Schilderung eines Vortrags, den sie vor Kunststudenten in Guadalajara hielt und dabei den eigenständigen künstlerischen Wert von Büchern propagierte, die eben nicht nur der Wissensvermittlung dienten. Das Wissen, das sie sich bei einem Ausflug in die Umgebung aneignet, bringt sie mit dem flüssigen, hochgiftigen Metall in Berührung, das gemeinsam mit anderen Industrieabfällen wie Arsen, Blei, Chrom und Zink aus dem Fluss Santiago eine "giftige Ader, die das Land durchzog", macht. Am Ende landet sie bei einem landesüblichen Catcher-Spektakel und Betrachtungen über das Element, "dem von Natur aus seine Haut zu eng ist".
Am Beginn der Welt, als durch die glühende Hitze der Erdoberfläche alle Flüssigkeit sofort verdunstete, startet Judith Schalansky in den abschließenden "Nebel", der sie rasch auf den Brocken, den meist nebelverhangenen höchsten Berg des Harz, und zu einer berühmten angeblichen Gipfelbuch-Eintragung führt: "Viele Steine, müde Beine, Aussicht keine, Heinrich Heine." Lichten sich die Nebel, herrscht noch lange keine Klarheit. Das ist auch bei Alan M. Turing und Joseph Weizenbaum so, die sich mit dem Maschinenlernen befassten und Anlass für einige Anekdoten aus der Frühgeschichte der Künstlichen Intelligenz bieten. Turing, der im Zweiten Weltkrieg an der Entschlüsselung der deutschen Chiffriermaschine Enigma maßgeblich beteiligt war, soll drei Wochen vor seinem Tod eine Wahrsagerin aufgesucht und sie "white as a sheet" wieder verlassen haben. Was er von ihr gehört hat, bleibt für immer im Ungewissen. So endet man als Leser wieder im Nebel. Und hat doch das Gefühl, zwischendurch das Gehirn ordentlich durchgeblasen bekommen zu haben.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Judith Schalansky: "Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist", Suhrkamp, 176 Seiten, 24,70 Euro)
BERLIN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/Suhrkamp Verlag/Suhrkamp Verlag






