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Gerhard Grubers "Stummfilmleben": Buch und Tribute zum 75er

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Stummfilmpianist Gerhard Gruber in Aktion
Gerhard Gruber, der am 6. Mai seinen 75. Geburtstag feiert, hat zwei Leben. Der Mühlviertler, der an der Musikhochschule Graz Jazz studierte und anschließend Klavierlehrer und Jazzpianist war, machte ab Mitte der 1980er-Jahre Karriere als Komponist für Theatermusik. Seit 1988 ist er jedoch als Stummfilmbegleiter am Klavier gefragt. "Stummfilmleben" heißt sein Buch, das er am Donnerstag (30.4.) im Metro Kinokulturhaus in Wien zum Auftakt eines mehrtägigen Tributes präsentiert.

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Es sei ihm, "als wären der Stummfilm und ich zusammengetroffen, hätten uns dann näher kennengelernt und wären schließlich gemeinsam unseren Weg gegangen, wie zwei Freunde fürs Leben das eben tun. Diese Intimität zweier Seelenverwandter ist die Grundlage jeder meiner Aufführungen", schreibt Gruber im Kapitel "Wie wird man eigentlich Stummfilmbegleiter?" Darin erinnert er sich an Sonntagvormittage im Internat, als er den Stummfilm für sich entdeckte, sodass es ihm vorkam, als er mit 37 Jahren zum ersten Mal selbst zu Stummfilmen spielte, als könne er "dabei meine alten Freunde von damals musikalisch wieder in die Arme schließen".

"Mit glühend roten Ohren begleitete ich Charlie Chaplin als 'Tramp', und ich erinnere mich daran, wie er in 'Work' mühsam einen Wagen den steilen Berg hinaufschleppt. Ich lebte mit ihm mit, ich schwitzte und stöhnte und litt mit ihm mit", erinnert sich Gruber. "Ich war kein Pianist, der vor der Leinwand sitzt und spielt - ich war im Film drinnen, so wie Buster Keaton, wenn er in 'Sherlock Jr.' in den Film hineinsteigt. Dieses Gefühl des unmittelbaren Erlebens und Mitlebens mit den Protagonisten und ihren Geschichten ist mir bis heute erhalten geblieben, bloß schwitze ich mittlerweile weniger, und auch die Ohren glühen vielleicht nicht mehr ganz so stark. Aber ich glühe noch immer für den Stummfilm, seit 38 Jahren."

Rund 600 verschiedene Stummfilme hat er bereits begleitet bzw. live interpretiert. Er komponierte unter anderem die Musik zu den Filmen "Die Stadt ohne Juden", "Der Wiener Prater im Film", "Speckbacher" und "Café Elektric". Kein Wunder, dass das Tribute "King of Silents" betitelt ist, denn Gruber hat nicht nur in Wien, wo er etwa im Filmarchiv Austria, im Österreichischen Filmmuseum und in den Breitenseer Lichtspielen in die Tasten griff, sondern auch etwa in Mexiko, Madrid und Mumbai, in Peking, Shanghai und Tokio, Hobart Filme live begleitet. Etliche Kapitel des Buches und viele Erinnerungsfotos beschreiben Grubers spezifische Art der Welteroberung mittels Stummfilmbegleitung.

"Mit seiner zwischen feiner Kammermusik und kraftvoller Klangfülle oszillierenden Improvisation versteht er die Musik nicht als bloße Untermalung, sondern als eigenständige künstlerische Interpretation", heißt es in der Ankündigung des Tributes, dessen Filme exemplarisch zeigen sollen, "wie sensibel Gruber auf Dramaturgie, Rhythmus und Atmosphäre reagiert und jede Aufführung zu einem einmaligen Ereignis macht".

"Er macht jeden Film erst möglich und ihn zugleich unnötig. Wer seine Hände auf den beleuchteten Tasten sieht, kann es riskieren, selbst Chaplin zu vergessen, um seiner Erinnerung an ihn aufzuhelfen", schrieb die cinephile Literatin Ilse Aichinger über den Pianisten. "Grubers Form der Bescheidenheit ist zugleich seine Größe; denn es braucht Größe, sich als kreativer und ideenreicher Musiker einem 'fremden Text' unterzuordnen", notierte der ehemalige Filmmuseum-Chef Alexander Horwath.

Gestartet wird am 30.4. um 18 Uhr mit "Die Sklavenkönigin" von Mihály Kertész aus dem Jahr 1924. Es folgen am 3.5., 17.45 Uhr, "Orlac's Hände" von Robert Wiene, einem Film, in dem ein Klaviervirtuose bei einem Eisenbahnunglück beide Hände verliert, und am 4.5., 18.30 Uhr, Hans Karl Breslauers Verfilmung des Hugo-Bettauer-Romans "Die Stadt ohne Juden".

Den Abschluss macht schließlich am 5.5., 19 Uhr, Gustav Ucickys "Cafe Elektric". "Meine Musik zu diesem Film lässt sich mit hohem Tempo und schnellen Rhythmen auf das turbulente Treiben im Café ein, unterstützt zart und zurückhaltend die Szenen aufblühender Liebe und verdichtet die Spannung und teilweise krimihafte Zuspitzung der Handlung", so Gruber. "Damit kann ich ein vielschichtiges musikalisches Panorama entfalten, das die gesamte Bandbreite filmmusikalischen Schaffens umfasst. Mit anderen Worten: Diese Vielfalt zuzulassen und musikalisch auszuleben, ist für mich jedes Mal ein großes Vergnügen."

(S E R V I C E - Gerhard Gruber: "Stummfilmleben", Band elf der Edition Film Geschichte Österreich, Verlag Filmarchiv Austria, 240 Seiten, 14,90 Euro, www.filmarchiv.at )

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Gerhard Gruber/Michel Löwenherz/Michel Löwenherz

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