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"Arendal" hat manches an jenen Ahnungen einer anderen Welt zu bieten, die Knausgård in seinen jüngsten "Morgenstern"-Romanen forciert hat. Er lässt im extremen Egozentrismus seiner Hauptfigur allerdings auch an jenen raketengleichen Start in die Literaturwelt denken, als er alle Gefühlsregungen, Gedanken und Erinnerungen seines Protagonisten auf tausenden Seiten ausbreitete.
Seinen Protagonisten Syvert Løyning kann man daher ebenso als sentimentalen Alkoholiker lesen, der zu Mutter, Frau und den beiden Söhnen von wenig Zuneigung und viel Routine gezeichnete Beziehungen führt und seine besten Freunde im Suff beleidigt, wie als sensiblen Menschen, der bereit ist zuzuhören, wenn sich andere an ihn wenden, der empfänglich sogar für Signale aus dem Totenreich ist und sich unvorhergesehenen Wendungen des Lebens nicht von vornherein verschließt.
Arendal ist eine norwegische Kleinstadt, in der Syvert einst aufgewachsen ist und nun an einem eiskalten Winterabend hängen bleibt, als sein Auto auf der Heimfahrt von einer Geschäftsreise den Geist aufgibt. Das Auto muss er einige Tage in einer Werkstatt zurücklassen, bekommt einen Leihwagen, entschließt sich aber dennoch, in einem Hotel zu übernachten anstatt zu seiner Familie weiterzufahren. Er irrlichtert durch den Abend und später schlaflos durch die Nacht, trifft Bekannte von früher, besucht seine Mutter, fährt mit dem Auto auf das zugefrorene Meer und trifft auf eine kleine Gemeinschaft, die in einer Kirche versucht, mit Toten Kontakt aufzunehmen.
Die Totenbeschwörungen treffen in Syvert auf hohe Bereitschaft, hat er doch immer wieder Erscheinungen, die ihn an die Existenz einer Zwischenwelt und Kontaktzonen zwischen den Zeiten, aber auch zwischen den Lebenden und den Toten glauben lassen. Seine Gedanken kreisen aber noch um ein zweites Zentrum: Vor einiger Zeit hat er sich bei einer Geschäftsreise in die UdSSR (man befindet sich Mitte der 1970er-Jahre) in die schöne Asja verliebt, mit der er eine große Innigkeit verspürt hat. Die Briefe, die er seither in einem mit einem Schloss gesicherten Kofferfach aufbewahrt und immer wieder liest, beweisen ihm nicht nur die Liebe dieser Frau, sondern auch die Möglichkeit, neu zu beginnen und das alte Leben hinter sich zu lassen - ein altes Leben, das ihm seine Einförmigkeit und Unaufgeregtheit überdeutlich vor Augen führt, als er anderntags mit dem Wagen nach Hause fährt.
Knausgård spitzt die Situation zu und lässt die Entscheidung seines Helden offen. Doch so interessant er die Überlegungen in ihrer Zwiespältigkeit auch gestaltet, und so sorgsam der Band in die gesamte "Morgenstern"-Reihe eingebettet scheint (sodass Knausgård-Aficionados bereits wissen, was später mit Syvert passieren wird), so wird sie doch von einem schalen Beigeschmack begleitet: Ein einsamer Wolf, der sich zwischen der Mutter seiner Kinder und einer aufregenden neuen Frau entscheiden muss, der alle Konventionen als Einengung seiner unbeschränkten persönlichen Freiheit empfindet? Das wirkt wie die Weiterschreibung eines fragwürdigen Männerbildes, das man gesellschaftlich überwunden glaubte und seit einiger Zeit wieder ein Comeback feiert. In Norwegen ist der nächste Band der "Morgenstern"-Reihe jedenfalls bereits erschienen.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Karl Ove Knausgård: "Arendal". Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand Literaturverlag. 384 Seiten, 26,80 Euro)






