Am Abend des 24. März eröffnete das Wiener Aktionismus Museum nach aufwändiger Sanierung seine Türen: Gezeigt werden bis 5. Juli Arbeiten von Hermann Nitsch – entstanden in den Jahren 1960 bis 1965.
Es ist die typische Ruhe vor dem großen Ansturm: In einer Stunde eröffnet das Wiener Aktionismus Museum seine Pforten für geladene Gäste. Noch rasch ziehen Arbeiter die letzten Acrylfugen. An einer der Prallwände des Museums – eine architektonische Erneuerung im Zuge der umfassenden Umbauarbeiten in der Weihburggasse, veranlasst durch Geschäftsführer Klaus Albrecht Schröder – prangen neun Meter geschüttetes Rot. Der Urheber ist leicht ausgemacht: Hermann Nitsch. Was die Arbeit von anderen Schüttungen des Ausnahmekünstlers unterscheidet? Vom monumentalen Format abgesehen, ist sie nicht bloß zentrales Schlüsselwerk im OEuvre Nitschs, sondern Auftakt einer international reüssierenden Avantgardebewegung in der Nachkriegskunst – dem Wiener Aktionismus.
Die Geburt einer Kunstbewegung
Im Juni 1962 ließ sich Nitsch gemeinsam mit seinen Künstlerkollegen Otto Muehl und Adolf Frohner drei Tage im Keller der Perinetgasse einmauern. Die Protestaktion gegen die reaktionären Zustände der Gegenwartskunst im Kellergewölbe beginnt mit einer dreitägigen Klausur. Danach wird die Mauer eingerissen und die Demonstrationsausstellung eröffnet. Das herausgegebene Manifest „Die Blutorgel“ ist der eigentliche Beginn des Wiener Aktionismus. „Ich wollte mit dem neun Meter großen Bild den Gedanken der Aktionsmalerei veranschaulichen. Das Mal- und Beschüttungsritual des O.M. Theaters sollte vorgeführt werden. Das sinnliche Erlebnisritual mit Substanzen und Flüssigkeiten wurde auf einer Fläche seismographiert. Der Ausbruch aus der Fläche, das Verlassen des Tafelbildes geschah durch das gekreuzigte Schaf“, hält Nitsch zu Lebzeiten fest.
Grundstein für ein Lebenswerk
„Dieses damals entstandene, ikonische Blutorgelbild wurde für die Ausstellung extra aus Leipzig nach Wien gebracht“, freut sich Geschäftsführer Klaus Albrecht Schröder über die Leihgabe. „Neben seinen beiden Freunden, Muehl und Frohner, erschafft Nitsch das Bild in einem Keller im 20. Bezirk – gemeinsam steigen sie in die Tiefe hinab, ziehen sich wie Christus in die Vorhölle zurück, um drei Tage später geläutert und völlig transformiert aus dem Keller aufzusteigen und eine neue Vorstellung von Kunst an die Welt zu bringen.“ Die Ausstellung im WAM fokussiert auf die Schaffensperiode zwischen 1960 und 1965. „Nitsch war damals gerade Anfang 20 und hat hier die wichtigsten Aspekte, die sein Werk ausmachen, seine Formensprache, manifestiert“, so Sammlungsdirektorin Julia Moebus-Puck.
Begeisterung am Preview-Abend
Neben der kunsthistorischen Relevanz der gezeigten Arbeiten besticht das 2023 von einem privaten Sammlerkollektiv gegründete Wiener Aktionismus im Herzen der Stadt am Abend der Preview durch ein neues Raumkonzept. Während sich die Raumgröße während der letzten Monate verdoppelt hat, hat sich die Hängefläche gar vervierfacht. Seitens der Gesellschafter zeigt man sich vom Umbau begeistert: „Alle haben ein Lächeln im Gesicht und mir geht es genauso“, so Jürgen Boden. Doch warum eigentlich ein eigenes Museum für den Wiener Aktionismus? „Weil Kunst immer öffentlich sein sollte – die Botschaft dieser Kunst ist eine Botschaft an das ganze Land. Für alle Menschen, die sich für die Ambivalenz des Lebens interessieren.“
Der Auftakt am 24. März war ein Erfolg. Unter den Gästen aus Kunst, Kultur, Politik und Wirtschaft lautete der Tenor: Begeisterung. „Die Aufbereitung beeindruckt unglaublich“, zeigt sich Galeristin Ursula Krinzinger überwältigt. „Ich könnte mir vorstellen, dass das ein großer Erfolg wird.“









