News Logo
ABO

Vea Kaiser: „Es gab einen realen Fall, der die Geschichte von 'Fabula Rasa' inspiriert hat“

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
17 min
Artikelbild

Vea Kaiser

©Bild: Matt Observe

Vea Kaisers neuer Roman ist erschienen. In ihrem vierten Werk „Fabula Rasa“ erzählt sie die Geschichte einer Hotelbuchhalterin, die inmitten ihrer chaotischen Gefühlsverwerfungen kriminell wird und Millionen unterschlägt.

Wenn man als Frau mit dem Schreiben zu spät beginnt, kann das dramatische Auswirkungen auf das Fortkommen haben, sagt die Schriftstellerin Vea Kaiser, die glücklicherweise extrem früh begonnen hat: Als sie mit dem Dorf-Furioso „Blasmusikpop“ erstmals die Spiegel-Liste anführte, war sie 24. Bis 2019 folgten zwei weitere Großverkäufer, und dann änderte sich das Leben: Als sie mit dem nun erschienenen 560-Seiter begann, war das erste Kind da, und während der Arbeit kam das zweite. Schreiben wurde da zum logistischen Luxus, den sich andere vielleicht nicht hätten leisten können.

Die Mühe ist jedenfalls dafürgestanden. „Fabula Rasa“ ist das singuläre Exemplar eines Frauenromans, der auch ein Hotelroman ist: Eine Buchhalterin aus vaterloser Hausmeisterfamilie dient sich in die Führungsgarnitur eines Wiener Luxushotels hoch. Anfangs, in den Achtzigerjahren, ist sie über 20, am Schluss 57. Da hat sich ihre Spur verloren, nachdem sie wegen Unterschlagung von 3,3 Millionen eingesessen ist.

Wie die Ärmste auf die Rutsche geraten ist? Vea Kaiser entwirft im Gespräch ein Gesellschaftspanorama.

Frau Kaiser, Sie schildern im Roman plastisch die Gefängnisbesuche bei Ihrer Hauptgestalt. Ist die authentisch?

Es gab einen realen Fall, der diese Geschichte inspiriert hat. Die involvierten Parteien habe ich aber absichtlich nicht kontaktiert und mich auch nicht mit der wirklich passierten Geschichte auseinandergesetzt. Ich las nur in der Zeitung, dass die Chefbuchhalterin eines sehr berühmten Wiener Hotels 2021 vor Gericht stand, weil sie diesem über Jahrzehnte hinweg vier Millionen Euro gestohlen hat. Was mich interessiert hat, war ihre Rechtfertigung vor Gericht: Sie habe aus falsch verstandener Mutterliebe gehandelt. Ich war damals hochschwanger …

… mit dem ersten Kind …

richtig, und habe diese Begründung sofort verstanden, weil ich das diffuse Gefühl hatte: Egal, was mein Kind jemals braucht, ich werde es tun. Und wenn ich kriminell werden muss, werde ich kriminell. Wenn man sich berühmte Fälle ansieht – z. B. aktuell Benko oder Grasser –, sind nicht selten Mütter und Schwiegermütter involviert. Jetzt gehöre ich noch dazu zu einer Generation, die das Wohl des Kindes über alles stellt, die nicht selten das Sozialleben im Kindergarten und die Schulnoten zu beeinflussen versucht. Ich fand es interessant, einmal über die Folgen dieser bedingungslosen närrischen, affigen Liebe von Eltern zu ihren Kindern nachzudenken.

Ist auch Persönliches eingeflossen?

Zum Beispiel die Szene, in der sie während eines Schneesturms hungernd zu Hause sitzt und sich mit dem Kind nicht in die Kälte traut, um etwas einzukaufen. Diese panische – und völlig irrationale, ja sogar unbegründete – Angst um das Kind hab ich auch erlebt.

Im Buch ist aber der Vater schuld, dieser Hallodri von einem verkrachten Musiker. Das wird doch nicht auf Ihren Gemahl zutreffen?

Natürlich nicht, der hatte als Arzt 24-Stunden-Dienst im Spital. Aber hungrig im Schneesturm gesessen bin ich auch. Wir waren gerade erst eingezogen, Nachbarn kannte ich keine, außerdem grassierte Covid, und die Angst, dass ein Infizierter in den Wagen hustet, war so groß, dass ich mich nicht hinausgewagt habe.

Der Gedanke, dass mir einer meiner Söhne ein Mädel anschleppt, wie ich eines war: Der bereitet mit Alpträume

Vea Kaiser

Noch ein Beispiel solcher Halbfiktion?

Ja, die Szene, in die ich eine meiner größten Sorgen als Mutter geschoben habe. Der Bub ist 16, die Mutter war zwei Wochen weg, und als sie heimkommt, ist ein nacktes, rotzfreches, pubertierendes Girlie in der Wohnung.

Sie fürchten, dass Ihnen das auch bevorsteht?

Dieses Girlie ist eine Persiflage auf mich, die ist so frech, wie ich damals war. Dass mir einer meiner Söhne ein Mädel, wie ich eines war, anschleppt: Das bereitet mir Albträume.

Das Hotel, in dem alles spielt, weist unmissverständlich auf das Imperial hin: der ursprüngliche Name Frohner, die Arisierung im Nazi-Reich …

Es ist eine Mischung aus vielen Wiener Traditionshäusern, ihren Geschichten, Mythen, Bewohnern – z. B. die kurz erwähnte „persische Prinzessin“, die Jahrzehnte in einem Hotel lebt, basiert auf einer realen Figur. Und die Arisierung im Jahr 1938, die anfangs als dunkle Wolke über dem Hotel schwebt, ist Teil der Wiener Stadtgeschichte, da steht mein Grand Hotel Frohner für viele, bis heute nicht wiedergutgemachte Tragödien. Aber das Hotel als Schauplatz war mir wichtig. Sie müssen bedenken, ich habe seit „Blasmusikpop“ Hunderte Lesungen gemacht, von Japan bis Mexiko. Dann war ich Mutter und die Pandemie kam, und ich saß zu Hause und habe mich am meisten nach dem Hotelfrühstück gesehnt. So ist das auch ein großer Hotelroman nach dem Vorbild Vicki Baums, die ja auch das Leitmotiv spendierte.

Warmherzig ist auch die nostalgische SPÖ-Idylle im Gemeindebau, wo Angelikas Mutter Hausmeisterin ist. Warum in Döbling?

Dort sind einerseits die riesigen Gemeindebauten wie der Karl-Marx-Hof, andererseits ein paar Straßen weiter die teuersten Immobilien von Wien. Je länger ich in der Stadt lebe, desto mehr sehe ich, wie trotz der geografischen Durchmischung dennoch in Wien eine gewisse Gesellschaft unter sich bleibt. Drum habe ich auch ein Kapitel über mein Lieblingsbeispiel, den Opernball, geschrieben. Ich habe bis heute nicht verstanden, dass viele Menschen die Nacht damit verbringen, anderen beim Tanzen zuzuschauen.

Es ist eine Sache, in wen man sich verliebt. Aber die andere Frage ist, mit wem man sich fortpflanzt. Ich würde tunlichst empfehlen, nicht das eine und das andere zu vermischen

Vea Kaiser
Bild

 © Bild: Matt Observe

Sie sind ja Spezialistin für die große Form, während der Zweihundertseiter in Mode ist. Wie lang haben Sie an den 556 Seiten geschrieben?

Die Schreibarbeit hat drei Jahre gedauert, das Überarbeiten dann nochmals ein Jahr, weil ich mir die Regel aufgestellt habe, keinen Roman über 500 Seiten zu schreiben. Wenn ich diesen Zaun überwinde, gibt es nämlich kein Halten mehr. Und so wäre ich jetzt bei 680 Seiten gewesen, wenn ich nicht jeden Tag in der Nationalbibliothek gesessen wäre und gekürzt hätte. Dass der Roman über 500 Seiten hat, liegt daran, dass er besonders augenfreundlich gesetzt ist. Aber eigentlich ist es mein zweitkürzestes Buch.

Warum in der Nationalbibliothek?

Weil ich zwei Kinder zu Hause habe. Mein Mann hat sich damals zwei Monate aus der Berufspraxis genommen und auf die Kinder geschaut. Ein paar Rückblenden musste ich herausnehmen und all die Männergeschichten der Angelika Moser kürzen.

Welche besonders stark?

Die mit dem ersten.

Dem faden Apotheker.

Ja, aber der ist halt wichtig, weil sie am Anfang ja zwischen drei Männern steht: dem faden, aber verlässlichen Apotheker, dem aufregenden, aber unsteten Musiker als Kindsvater und dem Sohn des Hoteldirektors, dem Prinzen aus den Träumen. Ich behandle da eine wichtige Erkenntnis: Es ist eine Sache, in wen man sich verliebt. Aber die andere Frage ist, mit wem man sich fortpflanzt. Ich würde tunlichst empfehlen, nicht das eine und das andere zu vermischen.

Blurred image background
 © Kiepenheuer & Witsch
Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels: Roman

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels: Roman

EUR 25,00
Jetzt Kaufen

Grenzen wir Ihre Angelika einmal ein. Zu Beginn ist sie über 20, am Ende, als sich nach dem Gefängnis ihre Spur verliert, 57.

Ja, ich schildere ein ganzes erwachsenes Frauenleben, das auch ein Arbeitsleben ist. Der Stolz, den man aus Arbeit als Quelle des Selbstwerts zieht, ist heutzutage total unpopulär. In unserer Work-Life-Balance-Zeit mit Fokus auf Life ist das Work verlorengegangen. Ich habe den Roman selbst nicht nur unter schönen Bedingungen geschrieben. Zeit zu schreiben hatte ich nur, wenn das Kind geschlafen hat. Wir sind damals gerade übersiedelt, und nicht einmal zwei Jahre später kam das zweite Kind, die größte Überraschung meines Lebens. Aber ich musste mein Manuskript abgeben, und dafür blieben nur die Nächte nach 21 Uhr, oder die Feiertage, wenn die Kinder bei den Großeltern waren. Und dann sagte mir mein Mann auch noch, dass er die Prüfung zum Europäischen Facharzt macht, mit vier Monaten intensiven Lernens. Ich dachte, das kann die Ehe nicht schaffen. Aber es hat uns wahrscheinlich gerettet. Wir sind in der Nacht am selben Tisch im Keller gesessen und hatten beide unser Projekt. Da kann man leichter auf Freizeit verzichten, als wenn sich einer Netflix hineinzieht. Aber wenn er neben dir vor dem Computer sitzt und sich Studien zum Fortschreiten des Prostatakarzinoms und des Blasentumors anschaut, bist du wieder dankbar, dass du Schriftstellerin sein darfst.

An ein drittes Kind denken Sie nicht?

Das ist jetzt doch ein bisschen sehr intim. Ich schaue einmal auf das nächste halbe Jahr, wie ich die vielen Lesungen schaffe.

Sie thematisieren im Roman das Problem, dass viele Ihrer Kolleginnen nach dem erfolgreichen Debüt nichts mehr veröffentlichen konnten. Hatten Sie diese Sorge nach dem Sensationserfolg von „Blasmusikpop“ nicht?

Nein, ich habe gewusst, dass ich gute Geschichten im Kopf habe. Aber tatsächlich war es ein Glück, dass ich so jung war und dass das erste Kind erst nach drei Romanen gekommen ist. Kolleginnen, die später debütieren und nach dem ersten Roman ein Kind kriegen, haben es oft sehr schwer, danach weiterzuschreiben, vor allem, wenn sie wegen Care-Arbeit nicht alle Veranstaltungen oder Aufenthaltsstipendien zusagen können. Und der Literaturbetrieb zieht sehr schnell weiter. Ich selbst konnte mir keine Pause gönnen, sondern musste neben der Kleinkindbetreuung diesen Roman vollenden, da ich zwischen meinem letzten Roman und erstem Kind zwei Romanprojekte begonnen habe, aber dann in die Schublade legen musste.

Welche denn?

Eine witzige Geschichte über eine Waldviertler Impfverweigererfamilie. Den habe ich 2017 begonnen, dann kam Corona, und es gab nichts mehr zu lachen. Der Roman liegt mittlerweile sogar im Mistkübel. Dann habe ich einen zauberhaften Roman über einen Esperantisten der Zwischenkriegszeit begonnen, eine Liebesgeschichte an Sprache, Völkerverständigung und Klassische Philologie. Da hat Putin die Ukraine überfallen, und ich war so schockiert davon, dass ich noch einen Krieg in Europa erlebe, dass ich mich mit dem Thema nicht mehr auseinandersetzen konnte.

Haben Sie denn Angst um die Zukunft Ihrer Söhne?

Die Weltpolitik ist mir noch zu weit weg. Aber ich hoffe, dass wir als Gesellschaft eine Möglichkeit finden, den Smartphone-Umgang von Kindern zu reduzieren. Deshalb unterstütze ich die Kinderschutzorganisation „Die Möwe“, die viel mit den negativen Folgen von Internetund Smartphone-Nutzung zu tun hat. Ich fürchte, wir ahnen noch nicht, was wir unseren Kindern mit unlimitierter Nutzung der Sozialen Netzwerke antun.

Ihr Buch spielt in den Achtzigerjahren, dem Jahrzehnt Waldheims und des Aufstiegs der FPÖ. Diese Themen werden aber nur gestreift. Weshalb?

Für mich gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Leser mit dem Zeigefinger auf die politischen Probleme hinzustupsen. Oder einfach zu erzählen und darauf zu vertrauen, dass die Leser intelligent genug sind, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. In „Fabula Rasa“ wird der problematische Umgang Österreichs mit Arisierung und Entnazifizierung vielleicht sogar noch aufrüttelnder erzählt, weil er einfach erzählt wird und die Leserinnen gezwungen sind, sich darüber selbst Gedanken zu machen.

Wie fühlen Sie sich denn beim irren Aufkommen des Antisemitismus in dieser Zeit?

Ich muss mich innerlich ständig bei jüdischen Freundinnen und Freunden dafür entschuldigen, dass ich ein von ihnen geäußertes diffuses Gefühl seit vielen Jahren nicht ernst genommen habe. Leider hatten sie vollkommen recht, der Antisemitismus ist fest in Europa verwurzelt. Es ist ein Skandal und eine Schande, dass man die Zugehörigkeit zu einer Religion oder einer Volksgruppe mit politischer Verantwortung verwechselt. Auch der Antisemitismus im Kulturbetrieb ist etwas, das ich nicht für möglich gehalten habe. Ich möchte zuweilen nur noch schreien.

© Bild: Matt Observe

Steckbrief

Vea Kaiser

Vea Kaiser wurde am 21. Dezember 1988 in eine Kreisky-geprägte St. Pöltner Familie, „bildungsinteressiert, aber nicht bildungsbürgerlich“, geboren. Als Erste der Familie schloss sie ein Studium ab: Die klassische Philologie bereicherte maßgeblich ihr sensationelles Debüt „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ (2012). 2015 folgte „Makarionissi“, 2019 „Rückwärtswalzer“, alle drei Spiegel-Bestseller. Kaiser ist mit einem Facharzt verheiratet und hat zwei Buben, vier und zwei. Die Familie lebt in der Nähe von Wien.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 41/2025 erschienen.

Schriftsteller:innen

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab 20,63€
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER