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Spitzentöne: Die Josefstadt nach Föttinger

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Heinz Sichrovsky

©Matt Observe

Die hiesigen Kulturmenschen wollen es dringlich wissen, aber das Programm der neuen Josefstadt-Direktion soll erst in Monaten bekannt werden. Die spielentscheidenden Details sickern aber schon. Lesen Sie also die Eckdaten. Und zürnen Sie mit mir dem Salzburger Festspielkuratorium.

Prinzipiell ist es ja meine Aufgabe, mehr zu wissen als die Konkurrenz, damit Sie mehr wissen als die Leser der Konkurrenz. Andererseits wird kein halbwegs ehrbarer  Journalist alles schreiben, was er weiß oder zu wissen glaubt. Er würde sich sonst unter die Denunzianten und Aufhetzer einreihen, die sich ihre Mindestsicherung in der Kryptowährung Klick auszahlen lassen.

So dramatisch ist die Situation im gegenständlichen Fall gottlob nicht. Ich weiß nur etwas, nach dem es die Mehrheit hiesiger Theaterfreunde verlangt: nämlich den kompletten Spielplan, mit dem die im September antretende Josefstadt-Direktorin Marie Rötzer dem Schatten ihres Vorgängers Herbert Föttinger zu entrinnen hofft. Ich bin diesbezüglich guten Mutes, zumal ich von der aus St. Pölten Zuwandernden viel halte. Aber Spielpläne haben es an sich, dass ihre Gestalter sie zum ihnen genehmen Zeitpunkt bekanntgeben wollen.

Lassen Sie mich also die Kompromissfassung wählen: Ich erzähle Ihnen allerhand, aber nicht alles.

Das zeigt die neue Josefstadt

Wohlan: Fünfeinhalb von 13 Premieren am Haupthaus und in den Kammerspielen gelten Klassikern der Theaterliteratur. Der halbe ist eine selbst schon klassische Klassikerüberschreibung von Peter Turrini, dessen Uraufführungen identitätsstiftend für Föttingers Ära waren. Diese große und bedeutende Linie nicht zu guillotinieren, ist klug und beweist Niveau.

Die anderen Klassiker sind Schnitzler, Shakespeare, Nestroy, Molière und Tennessee Williams. Der Zugang zu ihnen ist unterschiedlich: Tina Laniks Molière kann eine charmante, textnahe Bizarrerie werden, so wie die deutsche Regisseurin an der Burg Shakespeares „Wie es euch gefällt“ bezwungen hat. Shakespeare ist dem namhaften Stefan Pucher anvertraut, der das großzügig mit Videos unterfütterte HollywoodBreitwandformat schätzt.

Den überfälligen Nestroy verantwortet der Spezialist Dominique Schnitzer, der sich mit diesem Repertoire ohne postdramatische Eskapaden in den Bundesländern einen Namen gemacht hat. Konträres kündigt sich für den spielzeiteröffnenden Schnitzler an. Er dürfte in den Händen der Regisseurin Ildikó Gáspár radikalen Befragungen unterzogen werden: Die Ungarin hat zuletzt am Deutschen Theater Berlin Kleists „Marquise von O.“ u. a. mit dem Fall Peli­ cot verschnitten.

Den Williams übernimmt der deutsche Regisseur Max Lindemann, der in St. Pölten eine attraktiv schnoddernde Tschechow-„Möwe“ vorgelegt hat. Der einzige Direktimport vom Dienstort nebst der Traisen betrifft Canettis „Blendung“ in der formidablen Dramatisierung durch Nikolaus Habjan und Paulus Hochgatterer.

Auffallend ist der Verzicht auf Ur- und Erstaufführungen, die Atouts der Ära Föttinger

Keine Uraufführungen

Die zuletzt ausufernden Romandramatisierungen halten sich sonst dankenswert in Grenzen, es bleibt bei drei. Eine Werfel-Novelle übernimmt Oliver ­ Reese, Intendant des Berliner Ensembles und neben Pucher der zweite Debütant aus der deutschen Beletage.

Nummer drei betrifft „Glücklich die Glücklichen“ (2014), den einzigen Roman von Yasmina Reza, deren elegant in den Himmel balancierte Theaterdialoge an sich genügend Repertoire böten. Auffallend ist der Verzicht auf Ur- und Erstaufführungen, die Föttingers Spielplan enorm gehoben haben.

Neu scheint nur „Inter Alia“ zu sein, ein in London und New York gefeiertes Gerichtsdrama der Australierin Suzie Miller, das gerade ins Deutsche übersetzt wird. Hier will man ersichtlich an die Serienkassenkracher Ferdinand von Schirachs anschließen, der dem Haus sogar eine Uraufführung anvertraut hat.

Von Föttingers Atouts Daniel Kehlmann, Lisa Wentz und Thomas Arzt sind zumindest im Eröffnungsspielplan keine Spuren auszunehmen, wenn nicht ein noch unbenanntes „Biopic“ in Ruth Brauers Regie diese Kategorie touchiert.

Besetzungen will ich Ihnen der Fairness halber keine nennen. Ich bleibe aber dabei, dass ich die Guillotinierung des Ensembles um ein Drittel ­ missbillige. Der Blick in die Kammerspiele lässt Sie meinen Groll vielleicht nachvollziehen: Dort füllt der virtuose Pas de deux „Tanzstunde“ serienweise die Reihen und die Kassa. Aber die Brillanzspieler Katharina Klar und André Pohl müssen im Juni gehen, keiner weiß, weshalb.

Und nochmals Salzburg

Ein PS ist noch fällig. Das Versagen des politisch besetzten Kuratoriums, das die Salzburger Festspiele ohne Not aus einer zehn Jahre anhaltenden Blüte in die Krise gestürzt hat, ist in seinen Auswirkungen noch nicht abzusehen.

Sicher ist, dass auf das Gremium intrigengesteuerter Amateure ein Arbeitsrechtsprozess monumentalen Ausmaßes zukommen kann. Bis zur nächsten Sitzung am 20. März können sie noch akzeptable Gegenvorschläge einbringen. Die müssten allerdings von bezwingender Überzeugungskraft sein, und ob man das den Damen und Herren zutrauen will, entscheiden bitte Sie.

Sicher ist, dass ein nur mit Glück noch vor dem Sommer bestellter Nachfolger womöglich schon 2027 ein langfristig skizziertes Programm umsetzen muss. Ohne zu wissen, wann das spielentscheidende Große Festspielhaus umbauhalber geschlossen wird.

Auch soll der spätestens in zwei Jahren scheidende Intendant Hinterhäuser davor einen Schauspielchef ernennen, den dann der Nachfolger übernehmen müsste. Dass dieser apokalyptische Pfusch für die Verursacher folgenlos bleiben soll, scheint mir ausgeschlossen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 11/2026 erschienen.

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