In seinem jüngsten Buch vereint der Tiroler Schriftsteller Raoul Schrott Poesie mit der Erkundung des Phänomens „Zeitgeist“. Mit News spricht er über Endzeitstimmungen, Mitläufer, Gendern und was sich an der aktuellen Politik in den USA über den Zustand der Welt erfahren lässt.
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Wasserfluten, schwarze Lavaschlacke, Sand, Staubnebel und menschenleer – so stellt der Dichter Raoul Schrott, 62, den „Endzustand der Welt“ im Gedichtband „Szenen des Untergangs. Über uns, jetzt“ dar. Der Anblick von überfluteten Tälern auf einer Reise durch Albanien und der Krieg in der Ukraine ließen ihn nach den Zusammenhängen fragen.
Aber vor den Gedichten findet sich ein erhellender Essay zum Thema „Zeitgeist“. Was es mit dem auf sich hat, wie sich der „Schutzgeist“ im alten Rom zum alles beherrschenden Phänomen entwickelt hat, wird hier aufregend, klug und kundig ermittelt. Wir erreichten den Autor in seinem Domizil im Bregenzerwald zum Gespräch.
Herr Schrott, in Ihrem Gedichtband „Zeitgeist. Über uns, jetzt“ sind Untergangsszenarien das zentrale Thema. Leben wir in einer Zeit der Apokalypse?
Lassen wir das erst einmal dahingestellt sein, indem zuerst die Gedichte dieses Bandes entstanden. Und da man als Dichter so etwas wie das Sensorium der Spezies ist, war überall eine Endzeitstimmung spürbar. Eines der ersten Gedichte entstand auf dem Weg nach Albanien, vorbei an überfluteten Feldern und Tälern. Gleichsam Topografien des Untergangs. Die dann plötzlich den Fokus meines Blickwinkels auf die Welt bildeten, in der sich dann Szenen des Untergangs in allen möglichen Erscheinungsformen zeigten.
Die Gedichte auf bestmögliche Weise auf den Punkt bringen, weil sie die konzentrierteste Form des Nachdenkens sind, indem man Bilder auf Sprache setzt, die musikalisch wird. Man benutzt dafür also all unsere Sinne – um einen Moment zu beschreiben, in dem alles mit allem zusammenhängt. Bis ich mich schließlich fragte, was die Gedichte eigentlich alles gemeinsam haben? So kam ich auf den Zeitgeist, von dem ich zunächst nicht gewusst hätte, ob er per se gut oder schlecht ist? Nur, dass er auch apokalyptische Szenarien benutzt, um sich in Szene zu setzen.
Und was ist er?
Mich hat überrascht, dass jeder Intellektuelle, der sich damit auseinandersetzte – Goethe, Schiller, Hölderlin, um nur ein paar Namen zu nennen –, den Zeitgeist bedrückend fand, weil er durch seine Dominanz einen „bleiernen Druck“ ausübt, der zu Verhaltenskonformität führt, zu stereotypem Denken, zu reinem Mitläufertum. Gegen das sich schlecht wehren ist.
Historisch gesehen nahm sein moralisches Biedermeiertum die Stelle des immer weniger relevant werdenden Christentums ein, das bis dahin eine gesellschaftlich verbindliche Ethik vorgegeben hatte. Statt dem Herrgott setzte man den Knigge des Zeitgeists mit seinen Benimm-, Denk- und Sprachregeln. Herder*, der den Zeitgeist „das Joch des Jahrhunderts“ nennt, ordnete ihn ein zwischen der Mode und dem Parteigeist – der mit seinen blockartigen Abstimmungen anstelle von freiem Parlamentarismus die österreichische Politik ganz gut charakterisiert.
Johann Gottfried Herder*
Johann Gottfried Herder (1744-1803) Dichter, Theologe, Kunstphilosoph. Er zählt neben Goethe, Schiller und dem Dichter Christoph Martin Wieland zum Vierergestirn der Weimarer Klassik.
Mitläufer gibt es doch auch heute?
Immer mehr – obwohl ich das nur von meinem Rand, nicht von der Mitte der Gesellschaft her betrachten kann. Weil es offenbar schwieriger wird, Individualismus herauszubilden: d. h. eine eigene moralische Position zu entwickeln und Rückgrat zu zeigen. Im selben Maß gibt es immer weniger Interesse an ideologischen Diskussionen in welche Richtung „der Fortschritt“ gehen soll, wofür unsere Gesellschaft hier und jetzt gut sein soll.
Die Lust am Widerspruch – die etwas Produktives ist – wird kaum noch geschätzt: sie scheint bloß lästig beim allgemeinen Verdrängen von Problemen. Da ist einerseits das Ich mit seinen Wünschen und Bedürfnissen – und andererseits das bürgerliche Gesetzbuch. Den großen Raum dazwischen füllt das, was man Ethik nennt, die aus uns erst eine Gemeinschaft macht. Und den besetzt der Zeitgeist mit seinen modischen Erscheinungen, ob das nun, um ein paar Beispiele zu nennen, suizidäre Amokläufe von Jugendlichen, der Glauben an UFOs oder die Lippenbekenntnisse des Genderns sind.
Sie alle haben gemeinsam, dass etwas Neues, gleich welcher Art, als Lösung eines Problems erscheint, nur weil es neu ist. Der Zeitgeist betreibt eine Art von Ideen-Populismus, bei dem er sich auch kapitalistischer Denkweisen als Ethik bedient: Statt Gut und Böse sieht er Gewinner und Verlierer, statt Konsens und Kompromissen den Profit, den jeder für sein Leben herausschlagen meint zu können. Und wir alle machen mit, weil wir den meisten Sachverhalten gegenüber schlicht zu dumm sind.
Gegen den Zeitgeist zu reden, ist schwierig; man gilt dann schnell als weltfremd oder noch schlimmer als reaktionär
Meinen Sie dumm im Sinn von ungebildet?
Sagen wir zu bequem, um uns gründlich selber mit etwas auseinanderzusetzen. Auch weil uns die Konsequenzen des technischen Fortschritts überfordern. In unseren Unsicherheiten hängen wir deshalb allzu gerne Mehrheitsmeinungen an: die sich selten aufgrund ihrer Überlegtheit durchsetzen, sondern weil sei marktschreierisch sind. Simple, aber schillernde Ideen, die als Allheilmittel erscheinen, ohne durchdacht zu sein. Mit ihnen erzeugt der Zeitgeist einen Gruppenzusammenhalt, den wir ja alle wollen.
Doch ist man entweder dabei oder draußen. Denn gegen den Zeitgeist zu reden, ist schwierig; man gilt dann schnell als weltfremd oder noch schlimmer als reaktionär. Wer will das schon? Einer der besten Sätze, den ich zum Zeitgeist gefunden habe, stammt von Schiller. „Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf.“ Schiller setzt also auf die Widerständigkeit des Individuums. Der Zeitgeist aber setzt auf Mobbing, auch indem er sich auf seine pauschalisierende Art Sündenböcke für einzelne Probleme herausgreift. Das können einzelne Worte sein, die man nicht mehr verwenden darf, oder bestimmte Denkweisen, die er für die Übel der Gesellschaft verantwortlich macht. Dadurch schlägt das Oberflächliche des Zeitgeists schnell ins Totalitäre um. Ob von rechts oder links, ist egal. Das sieht man ja gerade an der amerikanischen Politik, die jetzt statt der „cancel culture“ von links eine von rechts betreibt.
Ist Trump also ein Produkt des Zeitgeists?
Trump ist ein gutes Beispiel für eine Verkörperung des Zeitgeists. Er ist im selben Maß seine Projektionsfläche wie er sich seiner für seine narzisstischen Zwecke bedient. Alles, was er durch die Mitläufer seiner Regierung umsetzt, basiert auf zeitgeistigen Vorstellungen.
Ob Zölle, das Ablehnen von Impfungen, Diätregeln, das Umbenennen des Golfs von Mexiko, das Vertreiben von Einwanderern, das Unterhöhlen des Rechtssystems, das Bombardieren von Venezuela und des Irans – sie alle beruhen auf kurzsichtigen Prämissen, die etwas „einfach Neues“ als Lösung verheißen, Tatsachen verleugnen und Komplexitäten völlig ignorieren. Indem sie autoritär umgesetzt werden, erhalten sie den Zusammenhalt der eigenen Gruppe. Was die Linken jetzt als idiotisch und destruktiv daran erkennen, ist den Rechten zuvor als ebenso zeitgeistig idiotisch links erschienen.
Gendern ist gut gemeint und zeigt einen Missstand auf, wird aber durch seine zeitgeistige Umsetzung kontraproduktiv
Sie haben zuvor das Gendern angesprochen, das Sie auch dem Zeitgeist zuschreiben. Was hat es damit auf sich?
Das ist ein Paradebeispiel für Zeitgeist. Es ist gut gemeint und zeigt einen Missstand auf, wird aber durch seine zeitgeistige Umsetzung kontraproduktiv. Erstens brauchen die Schlagworte des Zeitgeists Prestige – das sie sich in dem Fall aus Amerika holen wie all die anderen Begriffe, Toxizität, Inklusivität etc. Indem sie nicht übersetzt – und damit in unserer Kultur geerdet werden –, lässt sich alles in sie projizieren und können sie Parolen der Gruppe bleiben.
Würden wir noch vom Gendern reden, wenn wir es korrekterweise als „Geschlechtern“ übersetzen? Wollen wir wirklich auf unsere biologische und sexuelle Identität reduziert werden und die Gesellschaft dementsprechend aufspalten? Rede ich mit Ihnen jetzt als Mann oder Frau – oder nicht vielmehr als Mensch, als Individuum, dessen Identität weit über das Geschlechtliche hinausreicht?
In den Niederlanden sieht man deshalb die Betonung des Geschlechts als Herabwürdigung. Zweitens steckt darin die völlig irrige Vorstellung, gegen die sich Hunderte Sprachwissenschafter ausgesprochen haben, dass das grammatische Geschlecht das biologische wiedergibt. Doch ist an die Gabel, der Löffel, das Messer nichts männlich, weiblich oder sächlich – genauso gut könnte man sie rot, blau und grün nennen.
Deshalb heißt es auch die Männlichkeit, der Feminismus. Grammatikalisch männlich und weiblich geben nicht einmal unsere Körper wieder, sonst hieße es nicht die Brust und der Busen, der Hintern und die Nase. Und drittens ist auch der Glaube falsch, man könne durch Sprache das Denken verändern. Das kann man nicht (übrigens deshalb, weil wir nur zur Hälfte in Sprache denken). Sprache hilft uns nur, uns auszudrücken, etwas darzustellen und an etwas zu appellieren: nicht aber, unser Verhalten zu ändern.
Wir könnten die Liebe „Kratochwil“ nennen, es würde sich nichts an ihr ändern: Worte sind bloß Etiketten für mentale Gefäße, die wir mit unseren Erfahrungen füllen. Was der Zeitgeist durch solche Sprachverbote bewirkt, das hat Orwell bereits mit seinem „Neusprech“ in seinem dystopischen Roman 1984 eindrücklich geschildert. Statt an der Problemlage etwas zu verändern – dass Frauen etwa endlich gleich viel verdienen wie Männer – spaltet der Zeitgeist uns bloß in sein Lager und in das der anderen auf.
Man muss sich dem Gruppendruck widersetzen, weil man erst dadurch zu einem eigenen Menschen wird
Im Rom der Antike waren weibliche Endungen negativ konnotiert. Bauer, („agricola“) und Dichter („poeta“), waren geringgeschätzte Berufe. Man fragt sich, ob all jene, die jetzt das Gendern fordern, anders denken würden, hätten sie einen fundierten Lateinunterricht gehabt. Ließe sich diese Problematik damit beseitigen? Sie unterstützen ja auch die Petition gegen Wiederkehrs Reformpläne.
Ich bin für einen Lateinunterricht in reformierter Weise, weil er sich bislang allzu meist auf das Pauken von Grammatik reduziert hat, statt über die Sprache Zugang zur Kultur der Römer zu erlangen. Denn erst über die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen erhält man eine Ahnung der unseren: durch den Vergleich der Unterschiede, die dann auch Gemeinsamkeiten hervorheben. Das hat sich in meinem „Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen“ der Menschheit gezeigt: inwieweit Kulturen anders sein können – und dennoch allzu menschlich.
Wobei wir in Europa die Tradition des Individuums herausgebildet haben, das eigenverantwortlich ist, autonom handeln und kritisch denken kann – all das, was der Zeitgeist untergräbt. Mein Buch* jetzt war der Versuch, für mich herauszufinden, was in der unmittelbaren Gegenwart abläuft. Aber ich hab es auch für meine Studenten und meine beiden Töchter im Teenageralter geschrieben, um aufzuzeigen, dass man alles hinterfragen muss. Und sich dem Gruppendruck widersetzen muss, weil man erst dadurch zu einem eigenen Menschen wird.
Das setzt ein Selbstbewusstsein voraus, das man aber erst durch Erziehung erzielen kann. Dann aber erhält man Menschen, die Rückgrat haben, eine Moral und Respekt vor dem anderen – was das einzige ist, das man für eine demokratische Gesellschaft braucht.
Das Buch


Raoul Schrotts jüngstes Buch lässt sich von zwei Seiten lesen: als erhellenden Essay „Zeitgeist. Ein Plädoyer für die Menschlichkeit“ und als Lyrikband mit verstörenden Gedichten über die Arten der Apokalypse „Szenen des Untergangs. Über uns jetzt.“
Hanser, €28,80
Jetzt will man Jugendlichen Social Media verbieten. Entmündigt man sie dadurch nicht?
Je mehr man etwas verbietet, desto interessanter wird es. Mündig wird man allein durch den kritischen Umgang mit Phänomenen. Was in Bezug auf die sozialen Medien noch schwierig ist, weil es dazu einen Überblick braucht, der uns noch fehlt. Dazu ist die Entwicklung zu rasant und zu kommerziell gesteuert. Man kann aber jetzt schon sagen, dass Plattformen wie X oder Facebook Exhibitionismus und Voyeurismus fördern, deren Ungehemmtheit Abfälligkeit erzeugt – und das Anonyme an der digitalen Kommunikation einen übergreifenden Konformismus.
Man entwickelt so als Teenager seine Identität im Kollektiv der Medien. Was dabei verloren geht, ist das Private. Und das ist das einzige Gut, das uns wirklich zu eigen ist. Wenn ich im Zug sitze und neben mir einer lauthals telefoniert, denke ich mir nur: Warum gibst du denn das alles preis? Weil es dir nichts mehr wert ist?
Steckbrief
Raoul Schrott
Raoul Schrott wurde am 17. Jänner 1964 in Landeck, Tirol, geboren. Der Sohn eines Sohn eines österreichischen Außenhandelsdelegierten verbrachte Teile seiner Kindheit in Tunesien, Zürich und Tirol. Schrott ist Dichter, Romancier, Übersetzer und Literaturwissenschafter. Er erforschte Homer. Raoul Schrott ist Vater von zwei Töchtern und lebt im Bregenzerwald.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 11/2026 erschienen.







